Englands Malerstar Bridget Riley : Geometrie der Gefühle

Die Galerie Max Hetzler feiert die britische Op-Art-Künstlerin Bridget Riley an allen drei Berliner Standorten.

Jens Müller
„Arcadia 1“ heißt die Wandmalerei, die 2007 entstand und für die Ausstellung noch einmal rekonstruiert wurde.
„Arcadia 1“ heißt die Wandmalerei, die 2007 entstand und für die Ausstellung noch einmal rekonstruiert wurde.Foto: Galerie Max Hetzler

Ein Abbild der 1960er Jahre sollten die sieben Staffeln der Serie „Mad Men“ sein, die zwischen 2007 und 2015 im Fernsehen lief. Besonders deutlich wurde der damals rasche Wechsel der Zeitläufte an der sich wandelnden Ausstattung des Chefbüros von Roger Sterling, der seine Beteiligung an der fiktiven New Yorker Werbeagentur Sterling Cooper vor allem so verstand, dass er diese nach außen repräsentierte – wenn sein Blutalkoholgehalt das gerade zuließ. Am Anfang stand die gediegene Eleganz beigebrauner Sofas von Florence Knoll. Am Ende des Jahrzehnts hatte die Gegenkultur ihre Spuren hinterlassen (LSD-Trip inklusive), sogar im Chefbüro: Die Farben waren grellbunt geworden, an den Wänden hingen gerahmte Poster der den unterkühlten Swiss Style mit ihrer illustrativen Opulenz demonstrativ konterkarierenden „Push Pin“-Grafiker Seymour Chwast und Milton Glaser.

Ein Bild hing in der Serie "Mad Men"

Am schönsten war es dazwischen. Da gab es in Sterlings Büro eine Phase mit Eero Saarinens weißem Tulpen-Mobiliar auf schwarzem Fußbodenbelag. Und mit zwei großen schwarz-weißen Punktbildern in Trompe-l’œil an der Wand, wie sie die britische Künstlerin Bridget Riley in den Jahren 1963 und 1964 gemalt hat. Diese Bilder und die „Tulip Chairs“ findet man übrigens auch in dem Buch „Embodied Visions: Bridget Riley, Op Art and the Sixties“. Kann gut sein, die hochgelobten „Mad Men“-Ausstatter hatten den 2004 erschienenen Band auf ihrem Tisch liegen. Ihre Auswahl erschließt sich jedenfalls sofort: Rileys geometrisch-strenges und psychedelisch-waberndes Formenvokabular vermählende Bilder als Bindeglied der gegenläufigen Ästhetiken der Sechziger.

Kunst, die auf solche perspektivischen optischen Effekte setzte, hat man damals Op-Art genannt. Wie Kunstformen mit ausgeprägten dekorativen Qualitäten überhaupt hatte diese über lange Jahre einen eher schweren Stand gegenüber der so viel intellektueller, relevanter daherkommenden Konzeptkunst. Bis im vergangenen Jahr zwei museale Victor-Vasarely-Schauen in Paris und in Frankfurt für die überfällige Rehabilitierung sorgten. Der perfekte Zeitpunkt auch für eine große Ausstellung von Bridget Riley, mag sich der Berliner Galerist Max Hetzler gedacht haben. So groß, wie eine Galerieausstellung eben sein kann. In seinem Fall heißt das: an allen drei Standorten in Charlottenburg. Quasi als Retrospektive der 2007 begonnenen, damals vom Galeristen Aurel Scheibler vermittelten Zusammenarbeit zwischen Riley und Hetzler.

Später holte Riley mehr Farbe in ihr Werk

Tatsächlich sind nur zwei der insgesamt 18 Bilder vor 2007 entstanden. Keines vor 1984. Ausgerechnet das Jahrzehnt, für das Rileys Bilder so stilprägend waren – etwa für die Mode von Cardin und Courrèges –, fehlt in dieser „Retrospektive“. Könnte man anmerken, mit Blick auf die Entstehungsdaten. Ohne die Kenntnis, dass drei schwarz-weiße, die Dreieckform variierende Bilder 2014 und 2015 gemalt wurden, sähe man es allerdings nicht, sondern könnte sich diese Arbeiten ohne Weiteres an Roger Sterlings Wand vorstellen.

Wie Sterling gelüstete es übrigens auch Bridget Riley bald, ab 1967, nach Farbe. Die Punkte in ihren Bildern wurden also farbig, horizontale und vertikale Streifen, spezifische, gerundete, verzerrte Rhombenmuster hielten Einzug in ihr Werk und reichen bis in ihre jüngste Serie „Intervals“ aus diesem und dem vergangenen Jahr – horizontale Streifen in Violett, Ocker, Grün und Türkis auf weißem Grund.

Das Wandbild „Arcadia 1“ mit seinen sich überlappenden Kurven in Grün, Blau und Ocker schuf Riley einst für ihre erste Schau mit Hetzler und hat es jetzt von ihren Mitarbeitern rekonstruieren lassen. In Sachen Ausstellungsgestaltung überlässt die inzwischen 89-Jährige – die Reise nach Berlin hat sie in den Zeiten von Corona natürlich nicht angetreten – offenbar nichts dem Zufall. Sie hat dafür einen eigenen Architekten: Stanton Williams hängte in Hetzlers neueste, im Mai eröffnete Galerieräume lediglich zwei Bilder. Eins davon: „Joy of Living: Homage to Vasarely“ – nein: „... Homage to Matisse“ ist genau das. Was jeder erkennt, der schon einmal eine Scherenschnitt aus dem Spätwerk von Matisse gesehen hat.

Am Beispiel dieses Bildes bekommt man von einer Mitarbeiterin der Galerie dann auch gesagt, dass Riley selbst über ihre Einsortierung in die zeitgeistige Op-Art-Schublade nie so richtig glücklich gewesen sei. Und der von Max Hetzler so clever gewählte Moment der Schau? Ach, die letzte Berliner Ausstellung mit Bridget Riley fand 2013 statt. Es war einfach mal wieder an der Zeit. Die Werke kosten – so sie verkäuflich sind – zwischen 700 000 und einer Million Pfund. Da waren die Rileys in Roger Sterlings „Mad Men“-Büro gewiss nur Kopien. So wie dieser tolle Rothko im Büro des Seniorpartners Bertram Cooper.

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Galerie Max Hetzler. Bleibtreustr. 15/16 und 45, Goethestr. 2/3; bis 24. 10., Di–Sa 11–18 Uhr

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