Erdbeben in Kroatien : „Ohne Wiederaufbau fällt alles in sich zusammen“

Zagreb traf in der Coronakrise ein schweres Erdbeben. Man hofft auf europäische Hilfe. Ein Gespräch mit Schriftsteller Slobodan Šnajder.

Peter von Becker
Bild der Zerstörung. Im Zentrum der Stadt liegen herabgefallene Fassadenteile auf dem Pflaster, auch die Turmspitze vom Dom.
Bild der Zerstörung. Im Zentrum der Stadt liegen herabgefallene Fassadenteile auf dem Pflaster, auch die Turmspitze vom Dom.Foto: REUTERS

Slobodan Šnajder, geboren 1948 in Zagreb, ist seit seinem Drama „Der kroatische Faust“, das vom Bündnis Kroatiens mit Hitler-Deutschland handelt, einer der führenden Schriftsteller Ex-Jugoslawiens. Auch nach dem Zerfall des kommunistischen Bundesstaats hat er sich gegen den nationalistischen Separatismus engagiert. Šnajder arbeitete als politischer Kolumnist der Zeitung „Novi list“ im kroatischen Rijeka. Zuletzt leitete er in Zagreb das „Theater der Jugend“. Sein 2019 auf Deutsch erschienener Roman „Die Reparatur der Welt“ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht.

Herr Šnajder, Sie leben als Schriftsteller in normalen Zeiten immer wechselweise mit Ihrer Familie in Zagreb und, allein zurückgezogen zum Schreiben, auf einer kleinen dalmatischen Insel in der Adria. An diesem Donnerstag hätten Sie nun in Berlin in der Europäischen Akademie aus Ihrem neuen großen, von der Kritik nicht nur in Deutschland gerühmten Roman „Die Reparatur der Welt“ lesen sollen
Das fällt aus wie fast alles jetzt. Letzte Woche waren auch drei Lesungen der italienischen Übersetzung in Rom geplant. Ich darf Zagreb nicht verlassen. Angesichts des weltweiten Dramas ist das persönliche Künstlerpech nur eine quantité negligable. Alles hat sich verändert, sogar meine Insel. Außerhalb der Saison gibt es dort nur ein halbes Dutzend Leute, und ich führe mit 71 die Jugend an. Eine Risikogruppe in der Idylle. Meine Freunde sagen nun, dass es plötzlich so viel Fisch gibt wie nie in den letzten dreißig Jahren. Und immer mehr Delfine tanzen vor der Küste.

Kroatien ist indes das einzige Land in Europa, dessen Hauptstadt mitten in der Corona-Krise am 22. März auch noch von einem schweren Erdbeben getroffen wurde. Gibt es jetzt eine Art doppelten Ausnahmezustand?
Na ja, wir fragen uns hier in Zagreb: Was kommt noch? Ein Komet, ein Asteroid? Seit drei Tagen hat Zagreb nach allen Messungen die schlechteste Luft der Welt. Man kann draußen kaum atmen, Winde bringen uns Sand aus der Sahara. Also: die dritte Plage!

In den deutschen und internationalen Medien wurde das Ausmaß der Erdbebenschäden in Zagreb nur am Rande wahrgenommen. Man sah die abgebrochene Turmspitze der Kathedrale und ein paar von herabstürzenden Trümmern zerbeulte Autos. Aber was ist wirklich geschehen?
Wir wohnen 25 Kilometer westlich vom Stadtzentrum, und die beiden Erdstöße kamen von Osten. Das Beben werde ich trotzdem nie vergessen. Eine jähe elementare Erschütterung. Doch war das Ausmaß der Katastrophe auch mir noch 24 Stunden nach dem Beben nicht so recht klar.

Im Zentrum der Stadt sah man zunächst nur herabgefallene Fassadenteile auf dem Pflaster, abgebrochene Schornsteine, auch die Turmspitze vom Dom. Alles schlimm, dachte ich, aber reparabel. Dazu wird ein Todesfall gemeldet und mehrere Verletzte. Also erstmal nicht zu vergleichen mit dem größten Erdbeben in Ex-Jugoslawien, das 1963 die mazedonische Hauptstadt Skopje zerstört hat, mit mehr als tausend Opfern. Auch nicht mit dem furchtbaren Beben in Zagreb 1880, das ich für mein Schreiben recherchiert habe. Auf den zeitgenössischen Fotos sah Zagreb damals aus wie Berlin 1945.

Trotzdem sprechen Sie auch jetzt von einer Katastrophe.
Weil der erste äußere Anschein trog. Auch auf den Fernsehbildern, die Sie in Deutschland gesehen haben, war die wahre Katastrophe noch nicht erkennbar. Seit einigen Tagen aber wird das Bild klarer und leider düsterer.

Warum?
Die innere Statik vieler Bauten, die von außen scheinbar geringe Schäden zeigten, ist schwer erschüttert. Nach dem Beben 1880 war Zagreb wie damals üblich mit Backsteinen, nicht mit Beton und nicht mit erdbebenfesten Fundamenten, wieder aufgebaut worden.

Und jetzt stellt man fest, dass große Teile der historischen Oberstadt und des tiefer gelegenen Zentrums einsturzgefährdet sind. Das ist die wahre Katastrophe. Schwer beschädigt sind nicht nur Wohnhäuser, sondern praktisch alle Gebäude, die sich mit dem kulturellen Gedächtnis Kroatiens verbinden. Das heißt, die Identität Kroatiens ist obdachlos geworden!

Ich weiß als Bewohner Ex-Jugoslawiens natürlich nur zu gut, was eine falsch induzierte, nationalistisch aufgeblasene Vorstellung von Identität an Unheil anrichten kann, wie sich das politisch missbrauchen lässt.

Aber das Gesicht einer Stadt, einer Hauptstadt, gehört auch zum eigenen Erbe. Zudem hat Kroatien derzeit die Ratspräsidentschaft der EU inne, und im Mai sollte in Zagreb der nächste EU-Gipfel stattfinden.
Eben deshalb kann man jetzt von einer im europäischen Corona-Zustand noch kaum bemerkten, besonderen Katastrophe sprechen. Das historische Haus des Parlaments, der alte Sitz der Regierung, die fünf größten Kirchen und auch der Dom, die fünf wichtigsten Museen, der Musikverein Kroatiens, zwei Theater, das Obergericht und das größte Stadion sind dermaßen beschädigt, dass zu den materiellen Verlusten noch die spirituellen Schäden hinzukommen.

Selbst die ausgestopften Tiere im Naturkundemuseum werden obdachlos. In der Oberstadt sind auch sehr viele kleinere Häuser unbewohnbar. Und hinter fast jeder Fassade dort wurde im 19. Jahrhundert etwas komponiert, schrieb jemand Poesie oder es wurde, wie so oft, konspiriert!

Die ganze neuere kroatische Geschichte ist hier auf einem Quadratkilometer entstanden, alle -ismen: Ilirismus, kroatischer Nationalismus, die Idee Jugoslawiens, die immer mehr ein kroatische als eine serbische war, der jugoslawische Kommunismus. Und was nun?

Auch das, neben allem anderen, nun ein Wiederaufbau-Projekt der EU?
Vermutlich wird es nicht anders gehen, und wir werden sehen, was europäische Solidarität hier bedeutet. Sonst fällt nur alles in sich zusammen. Übrigens hat gerade Italien trotz seiner eigenen Misere als erstes Land Hilfe nach Zagreb geschickt. Das ist die schöne Seite. Die andere ist, wenn ich lese, dass die italienische Mafia bereits eruiert, in welchen Branchen sie sich in Kroatien jetzt am besten engagieren kann. Wobei die kroatische Wirtschaft, die bis vor Corona und Erdbeben sehr florierte, schon immer ihre eigenen „Paten“ hat.
Ihr jüngster Roman ist ein Epochen-Buch, das in einer Familiengeschichte über die beiden Weltkriege hinweg die Historie Mittel- und Südosteuropas spiegelt. Der deutsche Titel „Die Reparatur der Welt“ weicht vom Original etwas ab, könnte jedoch das Motto unserer Gegenwart sein.
Auf Kroatisch heißt der Roman „Doba mjedi“, was „Ehernes Zeitalter“ bedeutet und etwas mit Martin Luther zu tun hat. Aber mir gefällt der deutsche Titel, den nun auch die italienische Ausgabe meines Mailänder Verlags übernommen hat: „La riparazione del mondo“. In der Corona-Krise sind auch die neuen Bücher in vielen Ländern obdachlos geworden. Wir Autoren in unserer Quarantäne können ihnen und uns kaum mehr helfen. Ich hoffe, dass nicht zu allem anderen bald noch die Buchwelt repariert werden muss.

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