Erika und Klaus Mann : Die „Mann-Sisters“ waren der Zeit voraus

Exzentrisch, queer, politisch: Vor 50 Jahren starb Erika Mann, vor 70 Jahren ihr Bruder Klaus. Gemeinsam tourten sie durch die Welt.

Erika und Klaus Mann, die manche für Zwillinge hielten, gingen 1927 auf Weltreise.
Erika und Klaus Mann, die manche für Zwillinge hielten, gingen 1927 auf Weltreise.Foto: Getty Images

Sie waren das damals wohl coolste Geschwisterpaar im europäischen Kulturbetrieb. Klaus und Erika Mann. Intellektuell und komödiantisch, bisexuell oder homosexuell, die eine immer lebensmutig, der andere irgendwann lebensmüde. Die „Mann-Sisters“, sie im November 1905, er genau ein Jahr später zur Welt gekommen.

Zu Beginn ihrer Karrieren spielen sie zusammen Theater, reisen, schreiben darüber gemeinsam. Derart figurieren die beiden sogar als die „Mann-Twins“. Zwillinge im Geist und dank Erikas androgyner Erscheinung fast auch von Gestalt. In heutiger Zeit wären sie vermutlich multimedial präsent, glichen sie doch in den rasanten Kommentaren zu ihrer Zeit auch Bloggern, lange bevor es das Internet gab.

Der Dokufiktionalist Heinrich Breloer nannte seinen TV-Mehrteiler „Die Manns“ emphatisch einen „Jahrhundertroman“. Bei Breloer geriet das freilich eher zum schwülstig trivialisierenden Melodram. Dabei ist die ganze Mann-Family durchaus auch ein Fall für die Hochkultur-Kolportage. Tragikomisch. Zum Totlachen traurig. Voll Elend und Glanz.

Insgesamt hatten Katia und Thomas Mann, das hohe Paar der deutschen Weltliteratur, sechs Kinder. Geboren zwischen 1905 und 1919. Von ihnen hat der als „Zauberer“ vergötterte Vater erklärtermaßen nur zwei besonders geliebt: Erika, die Älteste („das herrliche Kind“, nachdem Mann den Schock überwunden hatte, als Erstgeburt keinen Sohn zu haben), sowie als absolute Favoritin die als Fünfte 1918 geborene Tochter Elisabeth. Sie hat von allen auch am längsten gelebt und ist 2002 als internationale Kapazität des Seerechts und der Meeresbiologie verstorben.

Klaus Mann wollte unbedingt berühmt werden

Golo Mann, der 1909 Drittgeborene, tritt als Historiker erst 1958, drei Jahre nach des Zauberers Tod, mit seiner „Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ aus dem lange übermächtigen Vaterschatten. Ihn, der homosexuell war wie auch seine beiden älteren Geschwister, nannten diese noch als Heranwachsenden nicht ohne Anzüglichkeit die „Golette“.

Monika, die Vierte im heiklen Bunde, genannt Moni, wird von der älteren Schwester Erika mit Rückendeckung der Eltern als „unseliges Problemata“ bezeichnet. Sie überlebt im Zweiten Weltkrieg die deutsche U-Bootattacke auf ein britisches Passagierschiff als eine von wenigen, verliert dabei ihren Ehemann und findet ihr spätes Glück erst mit einem Fischer auf der Insel Capri.

Der Jüngste, Michael, ein Musiker, der 1977 mit 68 Jahren höchstwahrscheinlich Selbstmord begeht, hatte aus Thomas Manns Tagebüchern erfahren, dass er eigentlich abgetrieben werden sollte. Und auch Klaus, der Erika nächste jüngere Bruder, nimmt sich im Mai 1949, gerade 42-jährig, in Cannes mit Schlaftabletten das Leben. Schon im Januar ’49 notiert er auf Englisch in seinem Tagebuch: „I do not wish to survive this year.“

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Klaus Mann, der zuvor bereits zwei Selbstmordversuche unternommen hatte und sich früh schon wie als Selbstschutz aufs Panier geschrieben hatte „Ich muß, muß, muß berühmt werden!“, Klaus war trotz seiner sprühenden Talente vom Vater nur geduldet. Thomas Manns höchste Anerkennung für den schriftstellernden Sohn glich denn eher einem ironischen Eigenlob: „Der Fond ist gut.“

Erst in dem 1950 von Erika Mann, deren Name auf dem Umschlag nicht genannt wurde, im Amsterdamer Querido Verlag als letztes Buch dieser legendären Exilanten-Presse herausgegebenen Band „Klaus Mann zum Gedächtnis“ hat der weltberühmte Vater über den toten Sohn geschrieben: „Wie viele Raschheiten und Leichtigkeiten seinem Werk abträglich sein mögen, ich glaube ernstlich, daß er zu den Begabtesten seiner Generation gehörte, vielleicht der Allerbegabteste war.“

Erika Mann war die politisch Wachste

Bevor mit der juristisch umkämpften Wiederauflage von Klaus Manns skandalisiertem, von István Szabó 1981 mit Klaus Maria Brandauer verfilmten Roman „Mephisto“ – über den von den Nazis hofierten Schauspieler Hendrik Höfgen alias Gustaf Gründgens – eine Renaissance des „Allerbegabtesten“ begann, war auch das Gedächtnisbuch wie fast alles von K. M. vergessen.

Den Band mit Beiträgen von Thomas und Heinrich Mann, von Christopher Isherwood, Upton Sinclair, Gottfried Benn oder auch dem Dirigenten Bruno Walter (einem Ex-Geliebten der bisexuellen Erika) hat erst 2003 der Männerschwarm Verlag zusammen mit der Edition Salzgeber in Hamburg/Berlin erneut aufgelegt. Er ist nicht nur in diesem Mann-Jahr wieder lesenswert.

Klaus Manns Todestag hat sich im Mai zum 70. Mal gejährt, und Erika ist am 27. August 1969, vor 50 Jahren gestorben. So haben sie jetzt posthum ein Doppeljubiläum. Und waren zu Lebzeiten ein gemischtes Doppel der Extraklasse.

Tatsächlich zwei frühe, frühreife Moderne. Sofort übersetzbar in heutige Zeiten der gender diversity und der Durchmischung von Kunst und Leben, von Literatur und Journalismus. Beide so musisch wie politisch, wobei Klaus das größere schriftstellerische Talent hatte und Erika die politisch Wachste war.

Kein Zurück mehr nach Deutschland

Ihr hat der vom Konservativen erst allmählich zum Liberalen bekehrte Vater insoweit auch am meisten vertraut. Zwar hatte der im Jahr zuvor mit dem Literaturnobelpreis Ausgezeichnete schon im Herbst 1930 in einer berühmten Rede im Berliner Beethoven-Saal mit den Erfolgen der Nazis bei der vorangegangenen Reichstagswahl abgerechnet: „... eine Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit“.

Aber im Verbund mit Klaus hat vor allem Erika dem nach Hitlers Machtergreifung 1933 auf einer Vortragstournee im Ausland befindlichen Vater klar gemacht, dass es für ihn kein Zurück nach Deutschland geben könne. Geben dürfe. Erika, obwohl als Nazigegnerin und politische wie sexuell freizügige Frau selber gefährdet, reiste 1933 nochmals nach München und holte nachts Thomas Manns Manuskripte zum gerade entstehenden „Joseph“-Roman aus der Mann- Villa und brachte sie in das Schweizer Exil. Später dann machten die Nazis das enteignete Haus in der Poschinger Straße nahe der Isar, in dem alle Mann-Kinder aufgewachsen waren, zu einem SS-Puff der Aktion „Lebensborn“.

Begonnen hatten die fiktiv-wahren Mann-Twins tatsächlich als gemischtes Doppel. Erika war zuerst Schauspielerin, mit einem kurzzeitigen Engagement sogar bei Max Reinhardt in Berlin, nebst kleineren Filmrollen. Doch im Zentrum standen Unternehmungen mit dem Bruder. Klaus, der schon mit 16 erste Gedichte veröffentlicht hatte, ging zuerst als Theaterkritiker nach Berlin – und begann schnell (immer schnell) selber Theaterstücke zu schreiben.

In den Frühwerken „Anja und Esther“ sowie „Revue zu Vieren“ (1925/26) führt Klaus teilweise auch Regie und spielt mit – neben der Dramatiker-Tochter Pamela Wedekind und dem aufstrebenden Schauspielstar Gustaf Gründgens. Klaus, der sich offen zum „Schwuhlsein“ mit „h“ bekannte, wollte damals Pamela heiraten, und Erika heiratete tatsächlich den (homosexuellen) Gründgens. Auch das geht und endet schnell, im Tempo der Roaring Twenties. Die Stücke waren zwar mittelmäßig und fielen bei der Kritik durch, doch die Aufführungen werden bei Tourneen wegen der prominenten Dichter-Kinder zur Sensation.

Ein unstetes Leben voller Drogen und Liebschaften

Erika und Klaus, sie gehen dann bald auf die ganz große Tournee. 1927/28 reisen sie über den Atlantik, durch die USA nach Hawaii und weiter über Japan, Südostasien und die Sowjetunion. Die Weltreise versuchen sie durch Vorträge, Theaterauftritte und journalistische Texte zu finanzieren. Gleich anschließend wird das globale Erlebnis unter dem flotten Buchtitel „Rundherum“ vermarktet. Wie auch später ihre Aufenthalte am Mittelmeer, jetzt im „Buch von der Riviera“ bei Kindler zum Jubiläum neu aufgelegt.

Man spielt die „Enfants terribles“ (der Autor des gleichnamigen Buchs, Jean Cocteau, war ein Freund von Klaus) und zugleich Jeunesse dorée. Kinder aus dem kulturellen Weltadel, in deren Elternhaus schon die berühmtesten Künstler und Autoren verkehrten. Nur wenn der goldenen Jugend das nötige Silbergeld ausgeht, müssen Papa und Mama einspringen.

Doch das unstete Leben ist voller Drogen, Alkohol, verquerer Liebschaften, Selbstmorde im Freundeskreis. Dazu die europäische Tragödie namens Hitler und Stalin, der für Erika und Klaus, anders als bei ihren linksintellektuellen Freunden, nie eine Alternative ist. Der Weltkrieg und das Exil. Wie ihre Eltern gehen Klaus und Erika vor Kriegsbeginn in die USA. Als Kabarettisten hatten sie mit der von Erika 1933 gegründeten „Pfeffermühle“ gegen die Nazis gekämpft, Klaus gründete unter anderem die wichtige Emigrantenzeitschrift „Die Sammlung“, beide publizierten als eine Art Who is Who der schweren Zeit 1938 in New York den Band „Escape to Life“ über „Deutsche Kultur im Exil“.

Beteiligt euch, es geht um eure Erde

Mit der US-Army kommen beide auch als Reporter nach Deutschland zurück, Klaus Mann erlebt 1945 nach Görings Gefangennahme dessen ersten Presseauftritt in Oberbayern, Erika berichtet für die BBC dann vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Während die älteste Mann-Tochter dann noch zur wichtigsten Ratgeberin ihres Vaters und nach dessen Tod 1955 zur Nachlassverwalterin wird, findet Klaus in Europa keinen Halt mehr. Die späteren Erfolge seiner besten Romane, der mit kleinen Auflagen im Exilverlag Querido zwischen 1935 und ’39 erschienenen „Symphonie pathétique“ über Tschaikowski, des „Mephisto“ und der Emigranten-Erzählung „Der Vulkan“, erlebt er nicht mehr.

Doch zwei Bücher, Klaus’ Autobiografie „Der Wendepunkt“ (auf Deutsch erst posthum 1952) und die Sammlung von Erika Manns Essays, Reden, Reportagen „Blitze über Ozean“, 2001 bei Rowohlt erschienen, sie gehören als Zeitzeugnisse zu einer Erinnerungskultur, die auch nach vorne denkt. In ihrem widerständiges Kabarett „Die Pfeffermühle“ sang Erika vor jetzt 85 Jahren ihrem Publikum entgegen: „Beteiligt euch, es geht um eure Erde / Und ihr allein, ihr habt die ganze Macht!“ Das klingt wie von heute.

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