Erinnerung an Ágnes Heller : Immer in Bewegung

Vergangene Woche starb die große ungarische Philosophin Ágnes Heller im Alter von 90 Jahren. Eine persönliche Erinnerung.

Stephen Tree
Die ungarische Philosophin Ágnes Heller 2016 in Köln auf der phil.COLOGNE, dem internationalen Festival der Philosophie.
Die ungarische Philosophin Ágnes Heller 2016 in Köln auf der phil.COLOGNE, dem internationalen Festival der Philosophie.Foto: imago/Horst Galuschka

Unsere Bekanntschaft ist einem Zufall zu verdanken. Meine ungarische Frau hatte die Philosophin vor acht Jahren wegen eines Vortrags beim jüdischen Lernfestival Limmud in Berlin angeschrieben – und ihr nur eben Reisekosten und Logis anbieten können. Zu unserer großen Freude nahm sie die Einladung gerne an.

Sie sprach vor so vielen Zuhörern, dass das große Klassenzimmer aus fast allen Nähten platzte. Über „Was ist und gibt es Jüdische Philosophie?“. Eine kleine, energische, alte Dame vor einem höchst gemischten Publikum. So lange sie sprach, habe ich, haben alle in diesem Klassenzimmer sie und die von ihr erläuterte Philosophie verstanden. Ein späterer Vortrag befasste sich mit dem "Jüdischen Witz aus Philosophischer Sicht", wobei sie einen großen Bogen schlug, von der sozialen Funktion des Witzes, über die besondere Lage der Juden, um mit einem allgemeinen Witze-Erzählen zu enden.

Sie hatte die Fähigkeit, analytisch und spontan zugleich zu sein

Wenn sie öffentlich sprach, hatte sie viel von der begeisterten Schwimmerin, die sie auch war; frei in ihrem Element, nach allen Richtungen und Seiten offen und zugleich ständig und entschieden in Bewegung. Stillstand bedeutete für sie den Untergang. Sie hatte die Fähigkeit, analytisch und spontan zugleich zu sein, einen Vorgang zu fassen und mit der ihr eigenen Energie in einen schlüssigen Zusammenhang zu stellen.

Möglicherweise hängt es mit der chaotischen, vernünftig nicht erfassbaren Welt zusammen, in der sie aufwuchs, dass sie eine Denkerin wurde: ein Judenmädchen aus Ungarn, einem Land, das bereits neun Jahre vor ihrer Geburt, 1920, Gesetze erließ, die ihr den Zugang zur Universität verunmöglicht hätten, und diese 1939 so verschärfte, dass ihr Vater, ein Anwalt, um Brot und Einkommen kam, worauf die Mutter durch den Verkauf von Hutkreationen den dürftigen Lebensunterhalt sichern musste.

Einer Welt, wo mit bösartiger Beliebigkeit über Leben und Tod entschieden wurde, wie über den ihres geliebten Vaters, der seiner Familie aus dem Waggon, der ihn nach Auschwitz brachte, noch eine letzte Nachricht zukommen lassen konnte. Dass ihr sein Schicksal erspart blieb, ist darauf zurückzuführen, dass Mutter und Tochter die Geistesgegenwart hatten, aus einer zur Deportation bestimmten Kolonne auszubrechen und sich in eine voll besetzte Trambahn zu retten, in der ihnen die anderen Passagiere gleich Platz machten.

Stets war sie neugierig auf die Meinung anderer

Aus unserer ersten Begegnung ist langsam eine Freundschaft geworden. Wenn sie in Berlin war, haben wir sie gern zu vielen ihrer unterschiedlichen Vorträge begleitet, und sind, wenn ihre Termine es zuließen, gemeinsam in die Philharmonie und in die verschiedenen Opernhäuser gegangen. Sie hat sich besonders gefreut, wenn sie an Opern oder Musikstücke geriet, die sie noch nicht kannte.

Es war immer ein Erlebnis, mit ihr zusammen zu sein. Sie war faszinierend, ohne zu dominieren, sprach gerne und gut, war aber stets neugierig auf die Meinung anderer. Und es war wahrhaft bereichernd und spannend, sich mit ihr auszutauschen. Wer sonst hätte einen geheißen, an Platos Geburtstag auf den großen Philosophen anzustoßen!

In der Zeit, in der wir sie kennenlernten, wurde sie, die emeritierte Dekanin der Philosophischen Fakultät der Universität Budapest, als geradezu prototypische Vertreterin des „libsi“ (sprich „Libschi“ = „Liberalen Juden“) öffentlich als „Jüdin“ beschimpft. Das ließ sie, wie sie mit der ihr eigenen Präzision erklärte, als Jüdin kalt - aber als Ungarin fühlte sie sich obdessen beschämt. Es kam zu einer Pressekampagne, die sie als Haupt einer ominösen „Viererbande“ verunglimpfte. Diese sollte von ihrem Institut verwaltete Forschungsgelder veruntreut haben. Das Ergebnis der hochnotpeinlichen Untersuchung, die ihre musterhafte Lauterkeit in Finanzdingen erwies, wurde dann in den staatsfreundlichen Medien deutlich tiefer gehängt.

Reisen, Lehren, Musik hören, Schwimmen - das mochte sie am liebsten

Privat, uns gegenüber, hat sie nie ein Wort darüber verloren. Sie besaß die vielfach bezeugte Gabe, feindliche Angriffe an sich abprallen zu lassen, die auf sie abgeschossenen Giftpfeile, im schönen Bild ihres ungarischen Freundes Mihály Kornis, als Hutnadeln zu nutzen – wobei man unwillkürlich an die Hüte denkt, die sie so gerne trug. Sie verstand es, ihr Leben, dessen Wert ihr als Überlebende wohl ganz besonders bewusst war, zu genießen. Bis zuletzt machte sie das, was sie am liebsten tat: mit Reisen verbundenes Lehren und Sprechen, von Sydney und China über Tel Aviv, Jerusalem und Berlin bis Albanien; Bücher schreiben; Musik hören. Und schwimmen, was sie, wann immer möglich, fast täglich unternahm.

Beim Schwimmen, einem Sportunfall, ist sie schließlich, zwei Monate nach ihrem neunzigsten Geburtstag, in ihrem geliebten Plattensee zu Tode gekommen. Unweit des Ortes, aus dem ihre Familie stammt und in dem sie als Kind Ferien machte. Um ihren Vorgänger Moses Mendelssohn beim Tode seines Freundes Lessing zu paraphrasieren: Nun stehen wir da, wie die Jünger der Prophetin, und staunen den Ort an, wo sie in die Höhe fuhr und verschwand.

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