Essays von Nassim Nicholas Taleb : Denker des Ungewissen

Verantwortungsbewusstes Handeln in einer unsicheren Welt: Nassim Nicholas Taleb plädiert in "Skin in the Game" für eine neue Risikokultur.

Frederic Jage-Bowler
Er arbeitete einst an der Wall Street. Der Essayist und Forscher Nassim Nicholas Taleb
Er arbeitete einst an der Wall Street. Der Essayist und Forscher Nassim Nicholas TalebFoto: Sarah Josephine Taleb

Wie leicht ist es zu behaupten, man wisse mit Sicherheit nur eines: nämlich nichts zu wissen. Sehr viel schwieriger ist es, über das Ungewisse zu sprechen. Nassim Nicholas Taleb hat zu diesem Thema gleich fünf Bücher verfasst, die zusammen die „Incerto“-Reihe bilden. Fotos zeigen ihn im schwarzen Rollkragenpullover mit angegrautem Henriquatre-Bart. Taleb hat eine Vergangenheit als erfolgreicher Finanztrader an der Wall Street und ist einer jener Leute, die behaupten, man müsse Donald Trump an seinen Taten messen, nicht an seinen Reden.

Talebs bisher erfolgreichstes Werk „Black Swan“ (2007) verkaufte sich millionenfach und handelte von der Unvorhersehbarkeit extremer Ereignisse. Ironischerweise gilt Taleb seither als einer der wenigen Börseninsider, der die Finanzkrise kommen sah. Sprüche wie „Einmal Trader, immer Trader“ oder „Die meisten Intellektuellen sind Idioten“ gehören zu den Mantras des Endfünfzigers, der gerne als eine Art Guru vorgestellt wird.

Im vorerst letzten „Incerto“-Band wendet sich Taleb, mittlerweile Professor für Risikomanagement an der New York University, der Ethik zu, einem Thema, das er schon gegen Ende seines letzten Buches „Antifragilität“ (2013) angeschnitten hatte. „Skin in the Game“ (etwa: Spielen mit Haut und Haar) handelt von verantwortungsbewusstem Handeln in einer ungewissen Welt, kommt gewohnt ironisch-lässig daher, erhebt aber Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Alles beginnt mit dem „Black Swan“

In zwei Dutzend nicht zwangsläufig aufeinander aufbauenden Textabschnitten formuliert der Autor seine Hauptthese. Nach dieser führt fehlendes Eigenrisiko zu unverantwortlichem Handeln. Fatalerweise sei der Mangel an „Skin in the Game“ – angeblich ein Ausdruck des Multimilliardärs Warren Buffett – ausgerechnet bei den Akteuren ausgeprägt, die heute für zentrale wirtschaftliche und politische Belange verantwortlich sind.

Wer einen Gewaltmarsch durch die Geschichte der Verantwortungsethik von Aristoteles bis Hans Jonas erwartet, der wird angenehm enttäuscht. Tatsächlich verfolgt Taleb ein viel originelleres Projekt und entgeht der Versuchung einer großen Theorieerzählung. Wieder einmal beginnt alles mit dem „Black Swan“. Schwarze Schwäne sind für Taleb Ereignisse, die nicht prognostiziert werden können, weil sie noch nie eingetreten sind. So können Prognosen zur Körpergröße eines Kindes, dessen Geburt bevorsteht, sehr genau sein. Es lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie einen Meter nicht überschreitet. Dagegen lässt sich eine Vorhersage über den Kontostand eines beliebigen Passanten keineswegs mit solcher Sicherheit treffen. Vermögensgrößen gehorchen nicht der Normalverteilung, wie sie Carl Friedrich Gauß seiner Wahrscheinlichkeitstheorie zugrunde legte. Da helfen auch keine Stichproben. Der Kontostand der nächsten Person kann theoretisch alles Dagewesene in den Schatten stellen.

Überzeugter Kriegsgegner und Grüner

Wusste ich längst, mag man einwenden. Stimmt aber vielleicht nicht, handeln doch viele Rationalisierungsversuche etwa von Terroranschlägen stets davon, dass dem „risikoaversen“ und „instinktgetriebenen“ Durchschnittsmenschen erklärt wird, dass er sich beim Autofahren täglich einem viel höheren Risiko aussetze. Preisfrage in Taleb-Manier: Wann gab es den letzten Autounfall mit mehr als 1000 Toten?

Relevant wird dies, wenn es um Kriege oder ökologische Risiken geht. Hier stößt man an die Grenzen einfacher Kosten-Nutzen-Erwägungen. Wenn die indirekten Kosten einer kriegerischen Intervention oder eines Eingriffs ins Ökosystem nicht absehbar sind, und nach Taleb sind sie das nie, dann sind solche Aktionen zu unterlassen. Hier präsentiert er sich als überzeugter Kriegsgegner und Grüner. Stramm konservativ ist er hingegen, was die politische Organisation angeht. Schließlich ließen sich Strukturen deutlich einfacher auf- als abbauen: „Historisch gewachsen“ sei dasselbe wie „besonders widerstandsfähig“. Die Römer, schreibt er, hätten ihre politische Ordnung auch nicht danach beurteilt, ob sie sinnvoll war, sondern danach, ob sie funktionierte. Seine Maxime lautet: „Systeme lernen, indem sie Teile ausscheiden.“

Erfolg nur mit gewissem Eigenrisiko

Das führt zu Talebs Überzeugung, sich als Libertärer und Marktradikaler gegenüber einer zentralistischen Planwirtschaft für das geringere Übel entschieden zu haben. Diese habe ohnehin die Tendenz, „die Privilegierten in ihrem Elitestatus zu bestätigen“. Die situationsgebundene Einigung zweier Vertragspartner über die Verteilung ihrer Risiken ist sein Ideal. Große Bürokratien seien dazu nicht in der Lage. Nur ein gewisses Eigenrisiko führe zum Erfolg.

Bezeichnenderweise hat sich Taleb als Lieblingsfeind nicht weltfremde Linke ausgesucht, sondern liberale Mainstream-Denker wie Steven Pinker und Richard Dawkins. Taleb attestiert ihnen nicht nur mangelnde mathematische Kompetenz, sondern kritisiert auch ihre Fixierung auf das Individuum – nach wie vor die oberste Bezugsgröße der empirischen Sozialforschung und der Psychologie. Diese Isolierung einer vermeintlich autonomen Einheit hält er für gefährlich. Er illustriert dies mit dem Ostküstenphantasma des „irrationalen“ weißen Unterschichtsmannes. Dagegen plädiert er für eine Art von dynamischer Systemperspektive, die Interaktionen und Veränderungen ernst nimmt.

Wir brauchen keine neuen Universalismen

Ebenso beeindruckend wie seine gedankliche Flexibilität ist sein ungezwungener Ton. Munter bedient sich Taleb bei religiösen Denkern der Antike und des Mittelalters, beim Wissenschaftsphilosophen Karl Popper, beim Ökonomen Friedrich von Hayek oder bei Warren Buffett. Und auch wenn einem Talebs Idealisierung des no-bullshit businessman auf die Nerven zu gehen droht und die deutsche Übersetzung seiner Ironie nicht ganz gerecht wird, kann man ihn doch gewinnbringend lesen.

Wenn „die anthropologische Sicherheit der Moderne“ (Ulrich Beck) zunehmend „aus Treibsand besteht“, brauchen wir vielleicht keine neuen Universalismen, Pseudo-Rationalisierungen oder gar Utopien. Vielleicht brauchen wir nur ein besseres Bewusstsein für Schwarze Schwäne und den richtigen Mut zum Risiko. Dieses Buch kann dabei behilflich sein.

Nassim Nicholas Taleb: Skin in the Game. Das Risiko und sein Preis. Aus dem Amerikanischen von Susanne Held. Penguin, München 2018. 384 Seiten, 26 €.

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