• Ethnologische Museen in der Pflicht: Koloniale Raubkunst kennzeichnen und vollständig restituieren!

Ethnologische Museen in der Pflicht : Koloniale Raubkunst kennzeichnen und vollständig restituieren!

Die ethnologischen Museen müssen Verantwortung in der Restitutionsdebatte übernehmen. Ohne Wenn und Aber. Dafür braucht es mehr Mut im Umgang mit Kolonialismus.

Moritz Holfelder
Denkanstoß. Eine Besucherin betrachtet den Perlenthron „Mandu Yenu“ im ethnologischen Museum Berlin. 1908 war er ein Geschenk an Kaiser Wilhelm II., das unter Druck überreicht wurde.
Denkanstoß. Besucherin betrachtet den Perlenthron „Mandu Yenu“ in Berlin, der ins Humboldt-Forum ziehen soll.Foto: picture alliance / dpa

Für kurze Zeit hatte das Humboldt-Forum am vergangenen Wochenende geöffnet, um den 250. Geburtstag seines Namensgebers Alexander von Humboldt zu feiern. Wegen baulicher Verzögerungen wird die Einweihung wohl erst ab Herbst 2020 – und auch nur in Etappen – gelingen.

Das Riesenprojekt wird von einer Debatte über die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit sowie die Restitution von Raubgut begleitet, entscheidend angestoßen vom französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron, der 2017 die Rückgabe aller geraubten ethnologischen Objekte aus französischen Museen ankündigt hat.

In Deutschland lagern Millionen Artefakte aus Afrika und Übersee in den ethnologischen Sammlungen. Auf welche Weise sind sie dorthin gelangt? Und wie kann das weitere Vorgehen aussehen?

Alle Einrichtungen und Museen, die koloniales Raubgut in ihren Sammlungen haben, sollten sich zu einem prinzipiellen Bekenntnis durchringen: Wir restituieren die Objekte, die durch Unrecht oder asymmetrische Herrschaftsverhältnisse in unseren Besitz gekommen sind, an die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Nachfahren. Ohne Wenn und Aber. Es wäre eine Geste mit Überzeugungskraft, auch für das eigene Wirken.

Was danach käme, ist immer noch komplex genug: die Erforschung der Provenienz von Objekten sowie die Klärung, was wann und wie zurückgegeben werden kann.

Moralischer Ablasshandel muss vermieden werden

Bei Gegenständen, die zwar ehedem entwendet, geplündert oder unter ungleichen Verhältnissen erworben wurden, auf die aber niemand Anspruch erhebt, entstehen weitere Fragen: Was macht man mit ihnen? Wie kann man sie in Zukunft ausstellen?

Vermieden werden muss bei Restitutionen jegliche Form eines moralischen Ablasshandels in Bezug auf die Hoffnung eines eventuellen eigenen Vorteils, sei es in wirtschaftlicher, politischer oder moralischer Hinsicht.

Sollte es zu Rückgaben kommen, sind unterschiedliche Vereinbarungen denkbar: komplette Restitution, Tausch, Zirkulation, Leihgeschäfte, finanzielle Kompensation, andere Formen von Wiedergutmachung. Wichtig ist, dass die Nachfahren der Herkunftsgesellschaften die freie Wahl haben, für welchen Weg sie sich entscheiden.

Überfällig ist die Erfassung der Objekte

In möglichst kurzer Zeit sollten dafür alle aus der Kolonialzeit stammenden Sammlungen in Deutschlands Museen transparent gemacht werden durch veröffentlichte Inventarlisten und digitalisierte Archive. Überfällig ist die Instandsetzung und Erfassung der Objekte in den Depots, so auch bei den Berliner Museen.

[Moritz Holfelder arbeitet als Kulturjournalist und Buchautor. Soeben ist von ihm erschienen: „Unser Raubgut. Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte“. Ch. Links Verlag, 224 Seiten, 18 Euro. Holfelder stellt sein Buch am 22. November im Tagesspiegel-Salon vor. Anmeldung ab 24. Oktober unter veranstaltungen.tagesspiegel.de.]

Manche Lager befinden sich aufgrund baulicher Mängel in einem erbärmlichen Zustand. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Museen haben keinen verlässlichen Überblick über die Bestände.

Oft sind die Depots nur mit Ganzkörperschutzanzügen zugänglich, weil die Kontamination durch giftige Substanzen die Gesundheit gefährdet. Objekte mit Bestandteilen von Pflanzen, Federn, Holz und Fell wurden ehedem gegen Schädlingsbefall behandelt. Das war unumgänglich. Nun müssen sie entwest werden.

Wir brauchen neue Narrative

Man wundert sich, warum die verantwortlichen Direktorinnen und Direktoren die Missstände in ihren Häusern nicht mit Nachdruck öffentlich bekannt machen und bei den Trägern auf Bundes- und Länderebene Notfallhilfe einfordern. Die Politik muss die Voraussetzungen schaffen, im Sinne einer konzertierten Aktion für einen als realistisch vorstellbaren Zeitraum von etwa zehn Jahren.

Ethnologische Sammlungen müssen zu relevanten Orten für historische Reflexion und neue Denkprozesse werden. Was gibt es Schöneres, als sich selbst zu übertreffen? Museen sind in der Pflicht, gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen und neue Narrative zu finden, in experimentellen, sinnlichen und aufrüttelnden Präsentationen, provozierend und im Handeln offensiv.

Erstaunlich ist: Die aufregendsten ethnologischen Ausstellungen machten in den letzten Jahren jene Häuser und Institutionen, die eigentlich eine andere Ausrichtung haben. So befindet sich im Programm des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe eine mutige „Raubkunst?“-Schau, die selbstkritisch alle Gegenstände, die in einem Unrechtskontext ins Haus gekommen sind, mit einem signalroten Dreieck als solche kennzeichnet.

Das ist provokant, drängt sich das leuchtende Raubkunst-„Siegel“ doch dermaßen in den Vordergrund, dass die Objekte selbst etwas ins Hintertreffen geraten.

Das Dresdner Hygiene-Museum setzte Maßstäbe

Als gängige Praxis erscheint das nicht besonders sinnvoll, aber als temporäre Infragestellung der eigenen Bestände erzeugt eine solche Präsentation hohe Aufmerksamkeit. „Raubkunst?“ begann im Februar 2018 und hat kein Ende. Bis auf Weiteres, so heißt es, sei die Ausstellung zu sehen. Also bis es alle begriffen haben?

Mit der Sonderschau „Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen“ setzte das Dresdner Hygiene-Museum im Mai 2018 Maßstäbe für eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rassenkonstruktionen. Es ging um „Charaktere, Typen und Täter“, um die „Deutsche Kolonialausstellung“ in Dresden von 1939, um „Weiße Überlegenheit und koloniale Gewalt“, die „Macht über Weltkarten“, um „Koloniales Erbe in Europas Museen“ und „Postkoloniale Kämpfe“.

Die Skulptur „How to Blow Up Two Heads at Once“ von Yinka Shonibare 2018 im Hygiene-Museum in der Rassismus-Ausstellung.
Die Skulptur „How to Blow Up Two Heads at Once“ von Yinka Shonibare 2018 im Hygiene-Museum in der Rassismus-Ausstellung.Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Im Berliner Gropius Bau erlebte man im Frühjahr 2019 eine ekstatische Videoinstallation. Der in Äthiopien und im Senegal aufgewachsene Brite Theo Eshetu durchmischte mit „The Phi Phenomenon“ scheinbar unbedarft und gleichzeitig wild die ästhetischen und kulturellen Systeme Afrikas und Europas.

Über mehrere Bildschirme, die auf einer roten Wand hingen, zeigte er in einem Loop von sekundenschnell montierten Bildern wechselnde Artefakte aus der Sammlung des Musée d’ethnographie in Genf.

Ein faszinierendes Universum kultischer und religiöser Gegenstände wurde sichtbar, das in seiner surrealen Kraft bisweilen an die soghaften Bilder afrikanischer Objekte in dem legendären und lange Zeit zensierten Dokumentarfilm „Les Statues meurent aussi – Auch Statuen sterben“ (1953) von Alain Resnais und Chris Marker erinnerte.

Afrikanische Masken, Kraftfiguren und andere Skulpturen blitzten im visuellen Stakkato kurz auf, aufgenommen aus verschiedenen Blickwinkeln, mal frontal, mal seitlich, mal von hinten. Eshetu gelang mit seiner Videoinstallation, was viele ethnologische Museen oft nur ansatzweise schaffen.

Man interessierte sich sofort für die gezeigten Objekte, man wollte sie genauer studieren, sie im Original sehen und ergründen, von wem sie wofür einmal gedacht wurden. „The Phi Phenomenon“ war ein Teil von „And Berlin Will Always Need You. Kunst, Handwerk und Konzept Made in Berlin“. Die Ausstellung präsentierte die künstlerische Vielfalt, aber eben auch die Hinterlassenschaften des Kolonialismus in der Stadt.

Gehört der kamerunische Königsthron ins Humboldt-Forum?

Ein weiterer installativer Ausstellungsraum beschäftigte sich mit der Geschichte des 1908 aus Kamerun nach Berlin gekommenen Königsthrons Mandu Yenu, der in Zukunft im Humboldt-Forum zu sehen sein wird.

Offiziell war er damals ein Geschenk an Wilhelm II., allerdings eines, welches unter kolonialem Druck überreicht wurde. Antje Majewski und Olivier Guesselé-Garai thematisierten im Gropius Bau die fragwürdigen Umstände der Schenkung. Zu sehen waren ein großes, von Majewski angefertigtes Gemälde des Throns, historische Fotos sowie ein Video mit Interviews zu Mandu Yenu.

Mancher Besucher fragte sich: Ist der Thron als handwerkliches Objekt nur mehr ein dekorativer Museumsgegenstand oder nach wie vor die Verkörperung einer immateriellen Kraft mit großer Bedeutung für das Volk der Bamum im Grasland von Kamerun?

Die ethnologischen Museen müssen mutiger werden

Ethnologische Museen könnten in Zukunft noch intensiver mit performativen und installativen Formen der Darstellung experimentieren, daneben ihre Sammlungen für Interventionen von zeitgenössischen Künstlern öffnen und in der politischen Themensetzung offensiver agieren. Manche tun das bereits. Wovor schrecken die anderen zurück?

Im Gespräch am Rande einer Tagung zur Erinnerungsarbeit sagt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann: „Empathie für die Menschen in Afrika und ihre Geschichte kann nur jeder Einzelne entwickeln, und sie kann nur entstehen, wenn man dafür Orte schafft, die das ermöglichen, so wie auch Bücher und Filme. Man muss erst Wissen haben, auch emotionales Wissen über die Opfer, bevor man etwas versteht. So, wie in Bezug auf den Nationalsozialismus 1982 die amerikanische Fernsehserie ,Holocaust‘ die Empathieblockade in Deutschland durchbrochen hat.“

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