Europa verteidigen : Auf welchem Boden stehe ich?

Weil vieles auf dem Spiel steht, müssen sich Künstler für die offene Gesellschaft solidarisieren. Ein Plädoyer.

Kathrin Röggla
„Holen wir uns den Heimatbegriff zurück.“ Die „Unteilbar“-Demonstration am 13. Oktober in Berlin.
„Holen wir uns den Heimatbegriff zurück.“ Die „Unteilbar“-Demonstration am 13. Oktober in Berlin.Foto: AFP

Das „European Balcony Project“ ist eine symbolische Aktion. Natürlich. Der Balkon verweist aufs Historische, die Initiative nimmt sozusagen Anlauf weit hinten, um deutlich zu machen, dass wir unsere Zukunft in die Hand nehmen müssen.

Vieles steht heute auf dem Spiel. Die Idee eines politischen Aufbruchs verbindet sich hier mit einem Verständnis der Solidarität, das in der derzeitigen politischen Struktur in Europa stets ins Hintertreffen geraten ist. Mit einem Demokratieverständnis, das dem Pazifismus, dem Dialog und dem Gedanken der Allmende verbunden ist, also dem Unterstützen und Pflegen des öffentlichen Gemeinguts, der commons.

Warum die Kunst? Benötigen wir sie, um politische Vorstellungskraft zu entwickeln? Ist es ein neuer Gramscianismus, den wir von der Rechten zurückerobern wollen? Vielleicht ist Kunst einfach etwas Fragiles, ein Gradmesser für die Anfälligkeit innerhalb einer mitunter brutalisiert wirkenden Gesellschaft, die sich selbst durchaus gerne anders erleben würde. Die Kunst ist eben nicht nur das stets Wegsparbare.

Künstler sind auch oft Ausgegrenzte

Kunstschaffende aller Sparten können zudem besonders gut die Erfahrung der Ausgrenzung nachvollziehen. Denn sie wissen – ebenfalls eine historische Erfahrung – , sie werden die Nächsten sein. Alleine deswegen ist die Bereitschaft, sich zu solidarisieren und gemeinsam deutliche Zeichen zu setzen, stark gestiegen. Wie gegenwärtig auch im Zeichen der „Vielen“, jenem bundesweiten Zusammenschluss zahlreicher Kunst- und Kulturinstitutionen über jedes individuelle Branding hinaus, in das die Institutionen seit Jahren getrieben werden.

Dieser Zusammenschluss spricht sich für eine offene Gesellschaft und gegen rechte Hetze aus und will sich darüber hinaus in zahlreichen, durchaus fröhlichen Unternehmungen verbindlich zeigen. Es ist die Erfahrung aus dem Schulhof, die da mitschwingt: Gemeinsam sind wir stark, wir lassen uns nicht durch eine äußerst aggressiv, ja bedrohlich auftretende Gruppe zum Schweigen bringen – wir, die Gemeinschaft, zeigen unser solidarisches Gesicht, denn es steht vieles auf dem Spiel.

Auf das Grundgesetz beharren

Auch ich reibe mir derzeit immer wieder die Augen, denn es handelt sich an vielen Orten und in vielen Momenten um absolut grundlegende Dinge wie die Gewaltenteilung oder die Kunst- und Medienfreiheit, die Idee der Menschenrechte, um die man erneut kämpfen muss. Wieso gibt es noch einmal das Grundgesetz? Und die Menschenrechtskonvention?

Europa fehlt noch eine Verfassung, das ist richtig. Der Weg dahin scheint schwieriger, als man es sich noch in den Neunzigerjahren vorstellen mochte. Als hätte sich Europa ins Unendliche verheddert, in Euro- und Finanzkrisen und Bürokratismen, wenn ein Glyphosat-Verbot wieder einmal im Europäischen Rat verhindert wird oder ein Einwegplastikverbot als letzter Hoffnungsschimmer aufscheint.

Wir leben in einem Europa, in dem Austerität und die Schuldenfalle das Hauptnarrativ bilden. Holen wir es da raus! Zeigen wir, ja, auch wir Kunstschaffenden, wie kürzlich schon bei der Berliner „Unteilbar“-Demonstration, dass wir unsere Zukunft nicht einfach in dem falschen Versprechen von Nationalismus auflösen wollen! Holen wir uns den Heimatbegriff zurück aus den Fängen von Rassisten!

Erinnerung ist keine lästige Pflichtübung

Es ist einiges zu tun, damit wir Europa als das politische Projekt weiterführen können, als das es einmal begonnen wurde: den Menschenrechten und dem Frieden verpflichtet, der nur in einer sozial gerechten Situation gewahrt werden kann. Das beinhaltet auch, uns unserer kolonialen Geschichte und Gegenwart zuzuwenden und dies nicht als lästige Pflichtübung zu begreifen, sondern als durchaus zu bewältigende Aufgabe.

Während ich das schreibe, kommt in mir Gegenwind auf. Das gehört zu meiner Tätigkeit als Schriftstellerin. Natürlich stehen uns gewaltige Auseinandersetzungen bevor, natürlich sieht vieles derzeit eher nach einem Auseinanderdriften aus. Aber gerade deshalb möchte ich auch als Autorin die Herausforderung wachhalten. Das macht man am besten konkret. Ausgerechnet uns Kunstschaffenden wird ja gerne mal entgegengehalten: „Ihr wollt nicht wirklich mit allen reden, ihr betreibt nur Parteipolitik!“ Das ist unsinnig und realitätsfern. Denn die Kunst ist der Ort des Widerspruchs, der Begegnung und der Ambivalenz, angefangen bei ihrer Thematisierung der „Aufteilung des Sinnlichen“ (wie sie der Philosoph Jacques Rancière der Kunst zuordnete) bis hin zum konkreten Einsatz in sozialen Feldern.

Vorwürfe wirken manchmal wie Gift

Auch von Gesinnungsjournalismus und Gesinnungsjustiz ist die Rede, ständig werden deren Vertreter aufgefordert zu beweisen, dass es mit rechten Dingen zugeht – was sie in ihrer Arbeit ohnehin tun. Alleine der Vorwurf ist schon Gift. Damit es nicht wirken kann, brauchen wir den größeren Dialog. Die Nationalstaaten scheinen es derzeit alleine nicht zu schaffen. Wo befinde ich mich eigentlich, auf welchem Boden stehe ich? Der Balkon mag vielleicht ein historisches Symbol sein, aber damit lässt sich oben und unten für einen Moment aushebeln, die Ohnmacht durchkreuzen, und das erscheint mir absolut notwendig.

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla ist Vizepräsidentin der Berliner Akademie der Künste. Zuletzt erschien ihr Erzählungsband „Nachtsendung“ (S. Fischer, 2016).

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