Feridun Zaimoglus "Die Geschichte der Frau" : Großer Gesang des Matriarchats

Nominiert für den Leipziger Buchpreis: Feridun Zaimoglu versucht eine „Geschichte der Frau“ zu erzählen – angefangen mit Zipporah, der Gattin Moses.

Der Autor Feridun Zaimoglu
Der Autor Feridun ZaimogluFoto: Jörg Carstensen dpa/lno

An einer biblischen Urszene, 1490 vor Christus, erprobt sich hier der Anfang des Erzählens. Es spricht, „im Zeltlager der Israeliten, Zipporah, schwarzhäutige Frau des Moses, Mutter zweier Söhne“. Eben hat Moses, der flüchtige Mörder eines ägyptischen Aufsehers, den brennenden Dornbusch gesehen, gedeutet als einen Angriff Gottes auf den Propheten der Israeliten. In Panik stürmt er zu Zipporah ins Zelt. „Gott raste durch dich in seinem Feuer“, sagt die Ehefrau, „in Seiner Stimme ist Gewalt.“ Sie war Zeugin der zornigen Epiphanie und beschnitt daraufhin den Sohn, um den Vater mit dessen Blut zu berühren, ein Schutzritual. Dem Jungen ruft sie zu: „Ich werde dich zum Bluten bringen, rette deinen Vater!“ Sie strich das Blut „auf Moses’ Füße und rief: ,Du bist mir ein Blutbräutigam geworden!‘ Da wurden Nacht und Himmel ruhig.“

Sprachmächtig ertönt Zipporahs Stimme wie aus einem Alten Testament der Frau, das so nie verfasst wurde, aber nun unter der Feder von Feridun Zaimoglu ans Licht gelangt. Ob Zipporah tatsächlich schwarz war und ob sich der in Exodus 4, 24–26 geschilderte Akt auf Moses bezog, scheint unter Religionswissenschaftlern umstritten. Doch Feridun Zaimoglu verfasst einen Roman.

Für die Frauen geht Zaimoglu aufs Ganze

Mit „Die Geschichte der Frau“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, schenkt ein Mann ungehörten Frauen eine Stimme – seine Stimme. Er unternimmt das in einem hohen Ton, den man aus seinen Werken teils schon gewohnt ist. Er passt etwa zum Protagonisten seines vorherigen Werkes, zu Martin Luther. Dessen rhetorischer und reformatorischer Furor, Sprachfreude und Sprachwitz hatten Zaimoglu 2017 zu „Evangelio“ inspiriert. Luthers Derbheit und Kraft hatten den 1964 geborenen Kieler Schriftsteller türkischer Herkunft gepackt, weil er, wie er im Deutschlandfunk bekannte, „wuchtig war, weil er nicht zimperlich war, weil er mit Übertreibungen nicht geizte“. Er sah in Luther seinen „Meister“. Anders allerdings als George-Jünger, die ihrem Idol denselben Rang verliehen hatten, behielt sich Zaimoglu ein Quäntchen Reserviertheit und Distanz zu dem Menschen mit seinen Schwächen und Irrtümern vor.

Für die Frauen geht Zaimoglu jetzt aufs Ganze, fast als gelte es, Luther zu übertrumpfen. Noch mal Zipporah: „Es ist das Stiftszelt, Gottes Wohnung. Dort ist die unberührbare Stelle. In Silberfarben spricht der Herr. Er spricht in rotem Lehm, in Gesängen tobender Seelen.“ Oder auch: „Die Männer, sie sind werdende Krieger, bald bereit zur Schlacht. Die Frauen, sie müssen im dichten Dunkel, wenn die Angst ihre Brust zuschnürt, Mut zusprechen ihren Söhnen.“ So geht es weiter und weiter, wie beseelt von Mission und Zorn und vom Rederausch im Auftrag einer höheren Instanz, getrieben, ironiefrei, überbordend.

Leitmotivisch stellt Zaimoglu dem Unterfangen voran: „Nach ihren Siegen lernten die Männer, / Ruhmestaten zu erdichten. / Sie schrieben, sich erlügend, ihre Sagen. / Dies ist der Große Gesang, der ihre Lügen tilgt./ Es spricht die Frau. / Es beginnt.“ Mithin behauptet der Autor die Autorität, ein neues Zeitalter einzuläuten. Für sein Orchester der Geschlechtergerechtigkeit mobilisiert er dann derart viele Pauken und Trompeten, schreibt derart viele Trommelwirbel und raunende Halleffekte in die Partitur, dass die titelgebende, im Kollektivsingular daherkommende „Frau“ hinter der mächtigen Klangkulisse zu verschwinden droht.

Auf Zipporah folgt im Galopp durch die Geschichte eine Antigone, bei der ein Hauch von Christa Wolfs „Kassandra“ aufscheint: „Nein. Die Ahnen logen. Ich glaube nicht an die Spirale, die wunderkräftige Priester an die Wände malen. Nicht an das Heilwasser, mit dem man die Stufen des Schreins besprengt. Nein.“ Oder: „Die Ehre der Männer wiegt so schwer wie das Kupfer, mit dem sie für den Schoß der Dirne zahlen.“ Und: „ ,Mein Name ist rein‘, sage ich laut, ,ich bin unerreichbar für die Verleumder.‘ “ Judith in Jerusalem ist die Nächste, eine glühende Anhängerin Jesu: „Ich bezeuge: Du leitest die Vielen zum Gottesgeist. Ich bezeuge: Du bist der Neue, deine Hefe sind die Gesetze der Ältesten.“ Judith ist entworfen als Ehefrau des abtrünnigen Judas, für den es übrigens auch in diesem Text keinerlei Gnade gibt.

Auch die Nibelungendame Brunhild kommt zu Wort

Eine als Hexe auf dem Scheiterhaufen in Wittenberg verbrannte Hebamme, Prista Frübottin, spricht ebenfalls im hohen Ton: „ ,Junge Mutter Wisgard‘, rufe ich, ,einen Sohn hast du geboren, er ist nicht verdreht und verkehrt.‘ Ich habe sie von der Leibesfrucht gelöst, jäh vergisst sie allen Schmerz.“ Auch die erhabene Nibelungendame Brunhild gehört zum Frauenchor des Romans, der eigentlich aus einer Serie längerer Vignetten besteht: „Über der Weiber Wahn höhnt Giselher, der den Nackenärmel zum Kopfputz richtet“, beobachtet die Walküre: „Ich habe abgestreift die Minne zum Mann wie eine Hucke vom Rücken.“ Brunhilds Rede bleibt auch im Alltag: „Ich strebe zu meinem Gelass. Ich greife zum Krug, die Magd will mir zur Hand gehen, ich scheuche sie aus der Kammer.“

Mit Lore Lay, in Bacharach am Rhein, spricht 1799 ein Dienstmädchen, das sich gegen Aufdringlinge zur Wehr setzt: „Meine Widerrede lässt ihn zornig schnauben. Ich grüne nicht, ich keime nicht wie eine Zwiebel durch bloße hohe Plauderei.“ Moderner, vielleicht mit ein paar Funken Fontane, erzählt Zaimoglus obrigkeitskritische Lisette Bielstein, Fabrikantentochter in Elberfeld, 1849: „In die Ehe lasse ich mich nicht zwingen“, insistiert sie, „so ein Männlein zähm’ ich im Handumdrehen“, und sympathisiert vorübergehend mit Friedrich Engels und den rauen Gegnern der Monarchie.

Es folgt ein Stück nachholender Trümmerliteratur mit der Stimme von Hildrun Tillmanns, 1945 in Kiel. Sie sinniert über die „traurige Siegerrasse“. „Gefrostet ist unsere Tollkühnheit, wir sind geviertelte, geachtelte Helden“, klagt sie, „Schläge der Briten, Schläge der Amis. Die führerlose Rasse zerkocht in den Löchern.“ Und dort, vor „den Speichern reißt die Plündermeute mich mit, das Amt ist fast leergeräumt, wir balgen uns um die Reste“. Schließlich, 1965, spricht Leyla, eine West-Berliner Gastarbeiterin, der Fremde ausgesetzt: „Wie furchtbar, dass wir ungeborgen sind. Wie furchtbar, dass wir ungeborgen herkamen.“

Wortschatz und Vorstellungskraft des Buches sind immens

Allen hat das Patriarchat übel mitgespielt, sie sind entrechtet worden, dämonisiert, geschmäht, geschändet, marginalisiert und diskriminiert. Retroaktiv zumindest soll „Die Geschichte der Frau“ einem symbolischen Matriarchat Geltung verschaffen. Zaimoglus Frauen wehren sich, sie verachten das Gehabe der Männer, ihre Trunksucht, Wollust, Eitelkeit, Brutalität und Verblendung. Keine Frage, Wortschatz und Vorstellungskraft des Wuchtbuches sind immens. Doch dass der „Große Gesang“ der sprechenden Frauen auf ein Reservoir archaischer Worte zurückgreift und dass der Autor darauf verzichtet, die Ambivalenzen der Macht im Inneren der Geschlechterspannung auszuleuchten, führt zur unfreiwilligen Sabotage des emanzipativen Ziels.

Feridun Zaimoglu baut seinen Protagonistinnen einen Altar nach dem anderen. Er meint es gut. Für die historische Tatsache, dass die Diktatur des Patriarchats nirgends möglich ist ohne die latente bis offene Komplizenschaft der Mütter und Gattinnen hat seine Andacht wenig Sinn. Analytische Autorinnen wie Elisabeth Badinter oder Natalie Zemon Davis sind ihm vermutlich noch nicht begegnet. So bleibt zwischen barockem Pathos und frommem Staunen wenig Raum für die wahre Komplexität dieser Machtverhältnisse.

Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau. Roman. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2019. 400 Seiten, 19, 99 €.

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