Festival Pop-Kultur 2020 : Jenseits von Exotik

Wandelbar und paradox: Das Festival Pop-Kultur 2020 startet im digitalen Raum mit einem Auftritt des Berliner Duos Madanii & Llucid.

Dialektische Spannung. Lucas Herweg (links) und Dena Zarrin sind Madanii & Llucid.
Dialektische Spannung. Lucas Herweg (links) und Dena Zarrin sind Madanii & Llucid.Foto: Colin Audette

Pop-Kultur 2020, 26. - 28.8., jeweils ab 20.20 Uhr auf www.pop-kultur.berlin. Im Oktober erscheint die EP „3rd 3ye“ von Madanii & Llucid.

Nun ist er also bald vorbei – dieser Berliner Sommer ohne Livemusik. Doch die Narben der kulturellen Amputation, die er hinterlässt, sie werden noch lange schmerzen. Keine Fête de la Musique, keine Fusion, kein Alínæ Lumr. Liebgewonnene Zusammenkünfte, die ebenso abgesagt werden mussten, wie das kommerzielle Großereignis Lollapalooza.

Früh standen auch die Organisatoren des Pop-Kultur Festivals vor einer schwierigen Wahl. Wenn es in diesem Jahr ein Programm geben würde, so war man sich einig, dann müsste es krisenfest und unter allen Eventualitäten zu realisieren sein. Was bedeutete, dass die Nachfolgeveranstaltung der Berlin Music Week ihre sechste Ausgabe nicht wie gewohnt in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg vor Publikum präsentieren würde.

Die durchwachsenen Erfahrungen mit einem Ausweichprogramm im digitalen Raum teilen derzeit viele Kulturinstitutionen. Nur allzu oft reichten die Ergebnisse dabei nicht über das Niveau von schlecht ausgeleuchteten Küchenkonzerten oder wackeligen Streams mit bescheidener Soundqualität hinaus.

Kann so eine Plattform wie das Festival Pop-Kultur funktionieren, die den Anspruch hegt, „eher unwahrscheinliche Begegnungen“ zu realisieren? Wo neben etablierten internationalen Künstlern, stets Raum für Experimentelles und Unerwartetes geboten werden soll?

Notwist, Catnapp und Mavi Phoenix - alle auf derselben Party

Man kann die Geschichte auch so erzählen: Es ist das große Versprechen der Popmusik, neue Entwürfe, abweichende Perspektiven und ästhetische Experimente zu ermöglichen. Und ausgerechnet die Pandemie erzwingt ein interdisziplinäres, multimediales und grenzsprengendes Denken. Und so kreuzen sich die Wege der beteiligten Künstler eben nicht in den Backsteingemäuern der Kulturbrauerei, sondern in den virtuellen Räumen des World Wide Webs.

Ab Mittwoch werden hochwertig aufgezeichneten Sessions und aufwendige, selbstproduzierte audio-visuelle Arbeiten auf der Seite des Festivals abrufbar sein. Dort treffen dann alte Granden wie The Notwist auf den Ruhrpott-Folk der Düsseldorf Düsterboys, der atemlose Hybridsound von Catnapp auf den modernen Trap von Mavi Phoenix und der gehörlose Poetry Slammer Ace Mahbaz auf die Performancekünstlerin Preach. Alles kostenlos und für längere Zeit verfügbar.

Ein Act, der die dialektische Spannung des Festivals wie kein anderer in sich verkörpert, ist das Duo Madanii & Llucid. Ein Mitschnitt Ihres Auftritts wird das Festival am Mittwoch eröffnen.

Es hätte das Jahr des Durchbruchs für Dena Zarrin und Lucas Herweg werden können. Erst im Februar veröffentlichten die Wahlberliner ihre Debüt-EP „Iillegal Alliien“, die sie mit einem umjubelten Konzert in der Berghain Kantine präsentierten. In diesem Sommer sollte eine Tour mit Hundreds folgen.

Künstlerischer Freiraum in der Coronapause

Doch von Frustration ist nichts zu spüren, als beide bestens gelaunt beim Gespräch in der Mittagssonne am Anhalter Bahnhof sitzen. Vielmehr erkennt Herweg eine „glückliche Fügung“, die die Coronapause auf künstlerischer Ebene erzwungen habe. „Das hat uns Freiraum geschaffen, um an neuem Material zu arbeiten, uns weiterzuentwickeln“. Es ist dieses rastlose Selbstverständnis, das sich im ständig wandelnden, paradoxen Sound von Madanii & Llucid widerspiegelt.

Da treffen klassischer R‘n’B der neunziger Jahre auf zeitgenössische Clubeinflüsse, traditionelle Perkussionsinstrumente auf knallige Elektrobeats. Und über allem schwebt der hinreißende Gesang von Zarrin. Mal auf Persisch, mal auf Englisch. Die Kompositionen changieren permanent zwischen Düsternis und Licht, zwischen introspektiver Melancholie und tanzbarer Leichtfüßigkeit.

[Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über Berlins Irrungen und Wirrungen. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de]

Vor dreieinhalb Jahren schnürten sie erstmals die Tanzschuhe für die gemeinsame Gratwanderung. Kurz zuvor hatten sie sich an der Popakademie in Mannheim kennengelernt. Sie, die Masterstudentin fragte auf einer digitalen Uni-Plattform nach einem Kopfhörer. Er, der damals 19-Jährige im ersten Semester gab den entscheidenden Tipp, versehen mit einem Lob für eine Coverversion von Beyoncés „Sandcastles“, die Zarrin auf Soundcloud hochgeladen hatte.

Doch es brauchte mehr als nur ein Kompliment, bis aus der Solokünstlerin Madanii das gemeinsame Projekt Madanii & Llucid wurde. „Da war viel Ego im Spiel“, gibt Zarrin zu. Heute aber sehen sie sich selten länger als zwei Tage nicht.

Zarrin hat sich als Kind von Exiliranern fremd gefühlt

Der Name ihres Debüts „Illegal Alliien“ geht auf einen rassistischen Kommentar zurück, den ein User unter einem Youtube-Video ihrer ersten Single „Sober“ hinterließ: „Sorry, I don’t speak illegal alien.” Alles wofür sie stünde, sagt Zarrin, sei paradoxerweise in diesem Satz zusammengefasst.

Zeitlebens habe sie sich als Kind von Exiliranern fremd gefühlt. Noch heute spüre sie auf der Straße die Blicke, die unmissverständlich signalisieren: Hier gehörst Du nicht hin. Ihre Texte erzählen von daraus resultierenden Selbstzweifeln, von gesellschaftlichen Erwartungen und der Auseinandersetzung mit verinnerlichten Glaubenssätzen.

Der Nahe und Mittlere Osten, sie sind für Europäer schon seit Jahrhunderten eine Projektionsfläche für stereotype Imaginationen. Zu den „mystischen“ und „sehnsuchtsvollen“ Klängen tauchen dann Bilder von verführerischen Bauchtänzerinnen auf. Doch Madanii & Llucid wollen keine „exotischen“ Fremdkörper integrieren, vielmehr steht die iranische Musiktradition gleichberechtigt neben dem europäisch geprägten Clubsound.

Anfangs habe sie noch bewusst mit den Klischees gespielt, sagt Zarrin, wollte das Publikum mit seinen begrenzten Perspektiven konfrontieren. Bis sie merkte, dass sie selbst die stereotypen Bilder des sogenannten Orients abstreifen musste: „Ich bin in Süddeutschland geboren und aufgewachsen. Und somit zu einem großen Teil selber Kartoffel.“

Synthie-Sound und iranische Volkslieder

Doch längst haben Madanii & Llucid die vermeintlichen Widersprüche zum ästhetischen Programm erhoben. In Songs wie „Bad“ und „Bia“ prallen Tradition und Moderne bewusst aufeinander. Der Synthie-Sound von Herweg umkleidet darin Anleihen von iranischen Volksliedern. Es sind Melodien, die Zarrin schon als Kind von Ihrer Mutter vorgesungen bekam und die noch heute auf Familienfeiern angestimmt werden. „Aber aus der Sicht meiner iranischen Verwandten machen wir trotzdem schlichte, westliche Popmusik.“

Dabei sind auf ihren Aufnahmen reihenweise klassische iranische Instrumente vertreten: die Flöte Ney, der Zither-ähnliche Klang des Santur und die Stachelgeige Kamanche. Noch werden sie per Mausklick erzeugt. Doch vielleicht, so der Wunsch des Duos, sitzen schon bald leibhaftige Musiker auf der Bühne. Wenn es ihn denn im kommenden Jahr gibt, diesen Festivalsommer.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!