Festival Theaterformen in Braunschweig : Es regnet Kängurus

Ein starker Jahrgang bahnt sich an: Das Festival Theaterformen in Braunschweig verhandelt globale Machtverhältnisse neu.

Apokalypse Now. In dem 360-Grad-Film „Collisions“ von Lynette Wallworth leidet ein Aborigine (Nyarri Morgan) an den Folgen eines Atomtests.
Apokalypse Now. In dem 360-Grad-Film „Collisions“ von Lynette Wallworth leidet ein Aborigine (Nyarri Morgan) an den Folgen eines...Foto: Piers Mussared/Theaterform

Was für ein Spaß, auf den Misserfolg des Nachbarn zu wetten! Kaum verlässt den das Würfelglück, ist man selbst um ein paar Millionen reicher. Doch der Reihe nach. Im Orchesterprobensaal des Staatstheaters Braunschweig sind im schummrigen Licht Casino-Tische aufgestellt, an denen die Zuschauerinnen und Zuschauer in Gruppen Platz nehmen. Jeder bildet einen eigenen Finanzmarkt, der unter Anleitung des Croupiers zum munteren Zocken einlädt.

Anfangs werden noch moderate Wetten platziert: eine Million setzen, zwei gewinnen, Kinderkram halt. Aber schnell schrauben sich die Quoten in die Höhe, werden die Einsätze risikoreicher, ganz wie im Turbokapitalismus eben. Und wer sich eine sogenannte „Short“-Karte kauft, kann zudem die eigenen Einsätze versichern – oder eben darauf setzen, dass sich die Bank verspekuliert. Anleihen zirkulieren, die Gewinne türmen sich, die Nullen tanzen vor den Augen. Und dann, oh weh, platzt die schöne Blase.

„£Y€$“ – „Lies“ – heißt diese Lehrstunde in Kasino-Kapitalismus, erfunden hat sie das belgische Kollektiv Ontroerend Goed. Es ist ein verführerisches Spiel, mit dem die Künstler die irren Mechanismen der Finanzmärkte ganz undidaktisch vorführen. Gelegenheit macht Zocker. Zumal das schöne Geld, das in Umlauf gebracht wird, in der Realität gar nicht existiert. Ein Punkt, der wiederum auf die Performance wie auf die Investment-Praxis gleichermaßen zutrifft.

Das Mitmachtheater hat wieder Hochkonjunktur

„£Y€$“ lief am Eröffnungswochenende des internationalen Festivals Theaterformen, das im jährlichen Wechsel in Hannover und Braunschweig stattfindet. Aktuell ist wieder die Löwenstadt dran, mit einer Ausgabe, die sich den Themen Ausbeutung und Abhängigkeit sowie der Neuverhandlung globaler Machtverhältnisse verschrieben hat. Was programmatisch ein weites Feld öffnet, aber durchaus nicht in Beliebigkeit mündet.

In „Collisions“, einer Arbeit der Künstlerin Lynette Wallworth, wird man per Virtual-Reality-Brille in die westaustralischen Weiten entführt – und sieht Bilder von wahrlich apokalyptischer Sogkraft. In der Pilbara-Wüste haben die Briten in den fünfziger Jahren Atomtests durchgeführt, woraufhin es verkohlte Kängurus regnete. Der Protagonist ihres 360-Grad-Films, Nyarri Morgan, wurde als junger Mann völlig unvorbereitet Zeuge der gigantischen Explosion und glaubte an ein Geschenk der Götter, das seiner Community, den Martu, Nahrung bescheren sollte. Leicht vorstellbar, dass der Känguru-Verzehr für viele fatale Folgen hatte.

Ein gänzlich anderes Thema, das auch von Ohnmachtsmomenten erzählt, bearbeitet der japanische Regisseur Takuya Murakawa, dessen Namen man sich merken sollte. Er könnte eine ähnliche internationale Karriere nehmen wie sein Landsmann Toshiki Okada. Murakawa hat drei nichtprofessionelle Protagonisten aus der Pflegebranche versammelt, einen Chinesen, eine Koreanerin und einen Japaner. Im LOT-Theater, einer freien Spielstätte in Braunschweig, wird nun jemand aus dem Publikum für die Rolle der oder des Pflegebedürftigen gesucht. Man merkt schon, das Mitmachtheater, pardon, die partizipative Performance hat im internationalen Festivalbetrieb wie in der Freien Szene momentan wieder Hochkonjunktur. Wobei es immerhin in der humanen Variante auftritt, bei der niemand gedemütigt wird.

Fokus auf Produktionen aus afrikanischen Ländern

Eine junge Frau erklärt sich bereit und nimmt auf einem Krankenbett in der Mitte der leeren Bühne Platz. Sie wird den chinesischen Veteranen Herrn Feng, die Koreanerin Mi-Kyung und den Japaner Yokomori verkörpern, Menschen, die sich aus eigener Kraft nicht mehr bewegen können und teils auch die Sprache verloren haben. Die Pfleger und die Pflegerin vollführen nun an ihr, überwiegend pantomimisch, ihr tägliches Geschäft: Waschen, in den Rollstuhl heben, Zäpfchen verabreichen, Banalitäten über das Wetter absondern, die keinen Widerhall finden, den Fernseher anstellen. Wodurch, per Einspieler aus dem Off, die politische Gegenwart des jeweiligen asiatischen Landes kurz hereinbricht: Martialische Feiern zum 68. Jahrestag der Volksrepublik in China, Berichte über Kim Jong-Uns Atomwaffentest in Korea. Diese Pflegevorgänge haben eine tieftraurige Selbstverständlichkeit. Und lassen einen ratlos mit der Frage zurück, wie es sich aushalten lässt, nicht mehr über sich selbst bestimmen zu können.

Ein starker Theaterformen-Jahrgang bahnt sich da an. Wie schon im vergangenen Jahr legt Festival-Leiterin Martine Dennewald dabei noch einen Fokus auf Produktionen aus afrikanischen Ländern. Der kongolesische Regisseur Dieudonné Niangouna zum Beispiel verschränkt in „Antoine hat mir sein Schicksal verkauft. Sony bei den Hunden“ eine Satire des verstorbenen Dramatikers Sony Labou Tansi mit einer Hommage an seinen Mentor. Die Tänzerin Dorothée Munyaneza widmet sich in „Samedi Détente“ der Rolle der Weltgemeinschaft während des Genozids in Ruanda in den neunziger Jahren.

Der nächste Crash kommt garantiert

„Wann wird ein Angriff zur Unterdrückung?“ Diese Frage steht auf einer von tausend Karten, die als Installation „Race Cards“ von Selina Thompson im Kassenfoyer des Braunschweiger Theaters hängen. Auf jeder Karte ist eine andere Frage zu Race, Class oder Gender notiert. Wer eine Antwort findet, darf sie gern aufschreiben. Und dabei die eigene Anfälligkeit für Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile überprüfen.

In „£Y€$“ dagegen stören moralische Reflexionen eher. Von der freundlichen Performerin am Tisch, die subtil zu immer höheren Einsätzen anstachelt, wird einem en passant auch erklärt, worauf man da eigentlich spekuliert. Es sind unter anderem Geschäfte mit Raketentechnik und die Pornoindustrie. Was soll’s, solange der Rubel rollt! Eins kapiert man im Laufe der zwei Stunden obendrein: Der nächste Crash kommt garantiert. Derweil verlässt man das Theater mit einem Schuldschein der Bank über 33 Millionen Euro. Schade nur, dass man sich davon nichts kaufen kann.

Bis 17. Juni, www.theaterformen.de

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