Gilt der Applaus für Flüchtlingsfilme nicht auch dem eigenen Mitgefühl?

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Flüchtlinge und Kultur : Was bringt es Flüchtlingen, wenn sie auf der Bühne stehen?

Einerseits steht die Kultur unter Realitätsschock und neigt zum Aktionismus – was aber keinem schadet. Andererseits zielt die Willkommenskultur schnell an den Adressaten vorbei. Weniger bei den konkreten Kooperationen, etwa wenn im Pergamon-Museum Geflüchtete aus dem Mittleren Osten Führungen anbieten, bei denen sie die Schätze aus ihrer Heimat in der Landessprache erläutern: Das ändert den Blick auf das Ishtar-Tor. Auch nicht bei den Tandem-Partnerschaften von Kultur- und Flüchtlingseinrichtungen beim Netzwerk berlin-mondiale.de. Mit kleinen Fördersummen arbeiten das HAU, die Neuköllner Oper, die Kunst-Werke, die Sophiensäle und andere mit Asylunterkünften zusammen, organisieren Märchen-Workshops, Soundprojekte, Filmabende, Schneidercafés. Niedrigschwellige Angebote, meist für Kinder und Jugendliche. Das Publikum bleibt erst mal außen vor.

In der Realität kann die Kultur oft nichts ausrichten

Wenn die Kunst ihr Engagement jedoch vor das große Auditorium bringt und Flüchtlingsschicksale als Stoff verarbeitet, beschleicht einen nicht selten ein Unbehagen. Wegen des voyeuristischen Moments und der erwähnten Selbstbespiegelung, für die die Geflüchteten auf der Bühne herhalten müssen.

Letztes Jahr gewann in Cannes ein Flüchtlingsfilm die Goldene Palme, „Dheepan“ von Jacques Audiard. Dieses Jahr gewann auf der Berlinale Gianfranco Rosis Lampedusa-Dokumentarfilm „Fuocoammare“ den Goldenen Bären, ebenfalls ein Flüchtlingsfilm. Gelungene, integre Werke, jedoch nicht die besten des jeweiligen Festivals. Die Begeisterung war trotzdem groß. Aber gilt der Applaus nicht auch dem eigenen Mitgefühl? Übertönt er die Ohnmacht der Kunst?

In der Realität kann die Kultur oft nichts ausrichten. Bekanntestes Berliner Beispiel: Als der Laiendarsteller Nazif Mujić, in Deutschland Asyl beantragte, nachdem er 2013 einen Silbernen Berlinale-Bären gewann, sorgte das Festival für juristischen Beistand. Trotzdem musste Mujić mit seiner Familie, die im Film mitspielt und wie er der Roma-Minderheit angehört, wieder nach Bosnien zurück. Es gilt seit November 2014 als sicheres Herkunftsland.

Was bitte erhellen die plakativen Aktionen von Ai Weiwei?

Dieses Jahr häuften sich auf der Berlinale die Flüchtlings-Dokumentarfilme, in gleich mehreren Produktionen überließen die Regisseure die Kamera den Migranten. Es ist nicht das Schlechteste, wenn die Kunst sich bei der Reaktion auf die aktuellen Schlagzeilen zunächst dokumentarischer Mittel bedient. Wenn sie Zeugnis gibt, zeigt, erzählt, individualisiert. Auch die postmigrantischen Stücke im Maxim Gorki Theater basieren auf Biografiearbeit. Das sind die nachhaltigen, tiefer schürfenden Projekte – eine neue Dramaturgie, mitten im Stadttheaterbetrieb.

Auch Selbst- und Sprachreflexion stehen den Künsten gut an, nur sollten sich Ästhetik und Erkenntnis nicht darin erschöpfen. Was bitte erhellen die überwiegend plakativen Aktionen des chinesischen Konzeptkunst-Stars Ai Weiwei? Das Berliner Konzerthaus funktionierte er zum Mahnmal um, indem er dessen Säulen effektvoll mit 14 000 Rettungsschwimmwesten umhüllte. Ein Selbstzitat. Ähnlich hatte Ai Weiwei schon die Fassade des Münchner Hauses der Kunst 2009 mit Schulranzen behängt. Sie gehörten Kindern, die beim Erdbeben von Sichuan ums Leben kamen. Die gleichen ästhetischen Mittel für derart unterschiedliche Tragödien? Damit droht die Kunst, sich an den Agitprop, den Kitsch zu verraten. Ai Weiwei hat zudem das Bild des toten Jungen Ailan am Strand von Lesbos nachinszeniert, mit sich selbst anstelle des Flüchtlingkinds. Auch das eine identifikatorische Pose, die kaum über sich hinausweist.

Der Kulturbürger gönnt sich abends etwas staatlich geförderte Betroffenheit

Fragwürdig auch die Performances der Aktionsgruppe „Zentrum für politische Schönheit“. Deren Pseudo-Bestattung echter Mittelmeer-Toter in Berlin, die eigens in Sizilien exhumiert worden waren, traf der Vorwurf einer effekthascherischen Störung der Totenruhe. Vor allem aber handelte sich um die schwächere Kopie der Realität. Wenn die Kunst so schnell, so aufrüttelnd sein will wie die Wirklichkeit, hat sie das Nachsehen.

Große Aufregung verursachte im Winter der lettische, in Paris lebende Regisseur Alvis Hermanis, als er eine geplante Inszenierung am Hamburger Thalia Theater absagte. Seine Begründung: Er wolle nicht an diesem „Refugee Welcome Center“ arbeiten. Nicht alle Flüchtlinge, so Hermanis, seien Terroristen, aber die Terroristen seien Flüchtlinge oder deren Kinder.

Damit kündigte der für feinsinnige Tschechow- und Gorki-Inszenierungen bekannte Regisseur einen Konsens auf: die Übereinkunft, dass Theater ein Ort der Katharsis ist, des Mitgefühls. Künstler, das macht der Fall Hermanis wieder klar, sind keine besseren Menschen. Dennoch steckte in seinen kruden Ausführungen ein Gran Wahrheit. Der Kulturbürger leistet sich nach Feierabend etwas staatlich geförderte Betroffenheit – und die Kunst selber besorgt sich von der Flüchtlingskrise Relevanz und Authentizität.

Beobachten oder Eingreifen, Intervention oder Introspektion, es ist eine alte Frage. Anfang Juni kommt Maria Schraders Film „Vor der Morgenröte“ ins Kino, über Stefan Zweig im Exil. Als Ehrengast beim Pen-Kongress 1936 in Buenos Aires weigert sich der Schriftsteller beharrlich, Hitler in einem druckreifen Manifest zu verurteilen. Zweig verteidigt die Differenziertheit der Literatur, die der Radikalität der Nazi-Realität nicht beikommen könne. Der engagierte Künstler, es bleibt eine Kluft, ein Dilemma.

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