„Fridas Sommer“ im Kino : Kindheit ohne Eltern

Carla Simóns Regiedebüt „Fridas Sommer“ ist das sensible Portrait eines Mädchens, das sich nach dem Tod der Eltern in seinem neuen Leben einfinden muss.

Kirsten Taylor
Ausgelassen. Laia Artigas in der Rolle der sechsjährigen Frida.
Ausgelassen. Laia Artigas in der Rolle der sechsjährigen Frida.Foto: Grandfilm

Mittsommernacht in Barcelona. Raketen explodieren am Himmel, Kinder lachen in den Straßen, nur die sechsjährige Frida (Laia Artigas) steht am Rande und schaut zu. Die Arme angewinkelt, die Hände zu Fäusten geballt, als wolle sie etwas abwehren. „Warum weinst du nicht?“, will ein Junge wissen, bevor er sich davon- macht. Tatsächlich hätte die Kleine allen Grund dazu. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater schon lange tot. Bald wird sie zu ihrem Onkel Esteve und dessen Familie in die katalanische Provinz ziehen. Es ist der Sommer 1993, Frida beginnt ein neues Kapitel in ihrem jungen Leben.

Von einem Anpassungsprozess erzählt die 35-jährige Regisseurin Carla Simón in ihrem Debüt „Fridas Sommer“. Dass der Film von persönlichen Erfahrungen inspiriert ist, erahnt man früh. Die großen und kleinen Ereignisse jener Wochen sind konsequent aus der Perspektive des Mädchens erzählt: Erinnerungsfetzen, die sich zu einer Geschichte zusammenfügen. Aber noch fehlen der Sechsjährigen die Worte für das Unfassbare. In der neuen Familie ist ihr alles fremd, zugleich muss sie sich in dem Umfeld positionieren. Schnell wird ihre jüngere Kusine Anna nicht nur Spielgefährtin, sondern auch Konkurrentin, die Frida immer wieder in gefährliche Situationen verwickelt. „Du bist eine Katastrophe“, bricht es einmal aus ihrer Tante Marga hervor. Ein neues Kind, zumal kein Wunschkind, stört die innere Balance der Familie.

Nicht Spannungsbögen, sondern Momentaufnahmen

„Fridas Sommer“, der im vergangenen Jahr im Kinderprogramm der Berlinale lief, ist durchaus für Kinder geeignet. Die intuitiven Spiele und Erkundungen der beiden Mädchen erinnern an die Schwestern in Víctor Enrices spanischem Kinderklassiker „Der Geist des Bienenstocks“ von 1973. Die Erwachsenen sprechen meist unbedacht über die Kinder, als wären sie gar nicht anwesend. Simóns Film lebt von seiner stillen Dramaturgie, die nicht auf Spannungsbögen, sondern auf Momentaufnahmen setzt. Die Regisseurin legt großen Wert auf Atmosphäre und feine Beobachtungen.

„Fridas Sommer“ ist insofern weniger ein Kinderfilm als vielmehr ein Film über Kindheit – und damit Sean Bakers „The Florida Project“ oder dem ebenfalls autobiografisch gefärbten „Die Beste aller Welten“ von Adrian Goiginger sehr ähnlich. Filme, die die Perspektive von Kindern einnehmen, darüber hinaus aber auch Einblicke in gesellschaftliche Zustände geben: eine unbeschwerte Kindheit in Armut, elterliche Drogensucht – oder den Tod der Eltern. Die Zuschauer haben aus den Gesprächen der Erwachsenen bald herausgehört, dass Fridas Eltern an Aids gestorben sind. Darum muss Frida immer wieder zum Arzt. Zu Beginn der neunziger Jahre war die Anzahl der HIV-Infektionen im katholischen Spanien dramatisch angestiegen, auch Carla Simóns Eltern gehörten zu den Opfern.

„Fridas Sommer“ erzählt nicht nur ihre eigene, sondern auch die Geschichte der Elterngeneration, die nach Ende der Franco-Diktatur Freiheiten auslebte und von denen einige dafür einen bitteren Preis bezahlen mussten. Doch all das steht eher zwischen den Bildern. Zuvorderst ist ihr Film das sensible Porträt eines Mädchens, das sich in seinem neuen Leben einfinden muss. Wenn Frida im Spiel mit ihrem Onkel schließlich den Verlust begreift und die Trauer darüber zulässt, hat dieser Moment etwa zutiefst Erlösendes.

In 8 Berliner Kinos; deutsche Fassung: Acud, Eva, Wolf

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