Gedichte von Jehuda Amichai : Sehnsucht in einem Laib Brot

Lyrik, die elektrisiert, die unter die Haut geht: Die Gedichte des im Jahr 2000 verstorbenen israelischen Poeten Jehuda Amichai.

Tobias Schwartz
Cover von Amichais Gedichtband
Cover von Amichais GedichtbandFoto: Verlag

Jehuda Amichai ist vielleicht der moderne israelische Dichter schlechthin. Seine Gedichte kreisen, wie sollte es anders sein, um die Erfahrungen, die er als Sohn einer in Würzburg ansässigen jüdisch-orthodoxen Familie machte, der es seiner frühen Auswanderung 1935 nach Palästina verdankte, nicht der Schoah zum Opfer gefallen zu sein.

Gleichzeitig verweigern sie sich der thematischen Einengung, ähnlich wie die Prosa seines Landsmanns Amos Oz. Sie weisen weit über sich hinaus. „Meine Mutter buk mir die ganze Welt / in süße Kuchen. / Doch die Sehnsucht ist in mir eingeschlossen wie Luftblasen / in einem Laib Brot“. Nicht umsonst werden Amichais Gedichte in aller Welt gelesen, in rund 40 Sprachen wurden sie übersetzt.

Im Jüdischen Verlag ist jetzt ein schmaler Band mit dem Titel „Offen Verschlossen Offen“ (Berlin 2020. 155 Seiten, 25 €.) erschienen, mit einem repräsentativen Querschnitt durch das Schaffen des im September 2000 in Jerusalem verstorbenen Dichters.

Dass sich Amichais Gedichte auf zwei völlig unterschiedliche Weisen lesen lassen, könnte man für eine Binsenweisheit halten, doch gilt das bei weitem nicht für jeden Dichter. Zunächst ist da die sinnliche Lesart, die sich unmittelbar dem Klang der Worte hingibt (an dieser Stelle sind die überwiegend von Anne Birkenhauer stammenden Übersetzungen zu erwähnen, die gar nicht genug zu loben sind).

Amichai wurde 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren

Sie offenbart auf Anhieb die vielleicht größte Stärke dieser Lyrik, die unter die Haut geht, die elektrisiert – oder bisweilen wie ein Schlag in die Magengrube wirkt: „Manchmal denk ich an dich, kleine Ruth, / wir trennten uns in ferner Kindheit, dich haben sie in den / Lagern verbrannt“, heißt es in dem Gedicht „Die kleine Ruth“, das an die Würzburger Jugend erinnert.

Und dann gibt es die aufschlüsselnde Lektüre, die sich der semantischen Ebene widmet und die einiges an Bildung voraussetzt, so anspielungsreich wie die Gedichte mit Verweisen auf Bibelstellen und die Geschichte des Judentums gebaut sind. Deutschen Lesern kommt Amichais Herkunft zugute.

1924 wurde der Dichter, der die hebräische Lyrik modernisierte, als Ludwig Pfeuffer geboren, seine Muttersprache war mithin Deutsch. Die deutsche Literatur, zumal die Lyrik, ist ein Teil seiner dichterischen DNA.

Amichais Gedichte lassen sich im Hinblick auf ihren Inhalt und ihre Wirkung mit denjenigen von Nelly Sachs oder auch Paul Celan, den er ins Hebräische übersetzte, vergleichen.

Selbst wenn dem existentiellen Ernst, der aus seinen Texten spricht, eine Ironie beigemischt ist, die sie menschlich und nahbar machen – von ihrer Aktualität respektive Zeitlosigkeit gar nicht zu reden: „Die eine Hälfte der Menschheit liebt, / die andere Hälfte hasst. / Wo ist mein Platz zwischen diesen so exakt passenden Hälften, / wo der Spalt, durch den ich sehen kann / die weißen Reihenhäuser meiner Träume.“

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