Kultur : Gegen die Wörterwand

Trauer ist das, was diese Familie verbindet. Und trennt Stakkato für die zweite Person Singular: Harriet Köhlers Debüt „Ostersonntag“

Jan Schulz-Ojala

Formal ist alles in Ordnung. Die Modellfamilie, Vatermutterzweikinder, ist ein bisschen in die Jahre gekommen, das bleibt nicht aus. Aber Papamama sind zusammengeblieben, und jetzt erwarten sie das reichlich erwachsen gewordene Modell Tochtersohn daheim in München – Ostern naht, da trifft man sich zum unverrückbar in den Kalender gehauenen Festtagsschmaus. Mama Ulla steht tagelang in der Küche, um Feines anzurichten, Tochter Linda (36) und Sohn Ferdinand (28) werden aus dem fernen Berlin erwartet, und Papa Heiner thront über allem: guter alter Vorzeigefritze aus den Zeiten des Patriarchats.

Hinter der DIN-normgefertigten Kleinfamilienfassade aber stimmt gar nichts mehr. Ulla ist eine in ihren Fünfzigern verglühende Ehefrau, die ihr Heil in Tagesfreizeit-Affären sucht. Linda macht, mit Schmähkolumnen über Senioren, die ihre Eltern sein könnten, bei einer Tageszeitung die vergötterte Kolumnenschreiberin; abends taumelt sie mit den Kollegen in den Rotweinsuff und spätnachts in ihre schick möblierte Singlehölle. Der ewige Student Ferdinand, nach der „Habe nun, ach!“-Ochsentour quer durch die Fachbereiche mittlerweile eher arbeits- und wohnungslos, wurstelt sich, wenn er nicht stundenlang vorm Kneipenbier sinniert, als Sexualparasit durch die Wirtskörperwohnungen reaktivierter Freundinnen. Und Heiner, emeritierter Biologieprofessor, verdämmert seinen Lebensherbst vor Tiersendungen im Discovery Channel.

Eine schrecklich nette Familie wie aus dem Klischeebilderbuch des angehenden gutbürgerlich-deutschen 21. Jahrhunderts, von der Harriet Köhler (30) da erzählt. Und zugleich furchtbar real. Lass die Leute nur mal allein. Stell sie vor den Spiegel. Lass sie ihre Selbstgespräche führen. Dabei macht es sich die Autorin, wie erfrischend, nicht im Ohrensessel der Epigonen des creative writings gemütlich, die längst nur mehr das mäßig gehobene Unterhaltungsbedürfnis bedienen. Sondern stellt ihre Figuren einzeln an die Wand ihres Ich-Gefängnisses und lässt sie mit Wörtern dagegentrommeln.

Das klingt dann zum Beispiel so: „Norbert interessierte sich nicht für dein wahres Ich. Du musstest dich nicht vor ihm schämen. Du musstest nur um deine Erlösung ringen, aber die brachte seine Zunge nicht. Ein Hologramm zu ficken könnte befriedigender sein.“ (Ulla über eines ihrer „Auswärtsspielchen“). Oder der Blick in Lindas Kühlschrank: „Das Einzige wäre der Champagner, der dort seit zwei Jahren kalt gestellt ist, eine kühle Flasche Kühnheit für das nächste Mal, wenn es einen Mann zu verführen gilt.“ Oder Ferdinands Frauengeschichten: „Sobald sich in einer deiner Herzensangelegenheiten ein Tumor bildet, fallen dir die Silben aus wie einem Krebskranken die Haare.“ Oder Papa Heiners Erkenntnis, dass seine Edelköchin von Ehefrau „die Tresenschlampe geblieben ist, die einen aufstrebenden Akademiker über den Tisch gezogen hat“. Oder Ulla über Heiner im Supermarkt: „Wenn er den Einkauf vermasselt, dann prügelst du ihn grün und blau. Nein, besser: dann nimmst du den Crème-Brûlée-Brenner und lötest ihm damit die Augen aus.“

Nur – und man möchte seufzen: zum Glück –, diese Leute reden gar nicht miteinander. Sie kriegen ihre Auftritte schön abwechselnd in namensüberschriebenen Unterkapitelchen. Ihre Gemeinsamkeit, ihre sprachlich einzige, ist das „du“, das alle ihre Gedanken und Taten kommentiert. Man kann es, wie unlängst Meike Fessmann in der „SZ“, als „penetranten Besserwisser“ deuten, der den auktorialen Erzähler ersetzt. Viel ergiebiger aber als die externe Vernichtungssuada, die tatsächlich langweilig wäre, funktioniert dieses Stilprinzip als Rollenprosa: Der innere Monolog weitet sich zum vorantreibenden Zwiegespräch, das Menschen mit sich selber führen. So erbarmungslos ins Visier genommen, erscheint die gespiegelte Figur als ideales Instrument: Im Echoraum der Selbsterforschung stimmt es eine schrille, manchmal melancholische und selten auch versöhnliche Melodie an, wobei Trauer, Lebenslügen und Selbsthass abwechselnd die Führung übernehmen.

Vor allem zur Trauer, und das Motiv spielt Harriet Köhler virtuos behutsam nach vorn, hat diese Familie Anlass. Friederike, Ferdinands Lieblingsschwester, ist vor ein paar Jahren bei einem Autounfall umgekommen – und manches deutet darauf hin, dass dieser Unfall Absicht war. Zwei der Familienmitglieder meinen sogar, Beweise dafür zu haben, und wie verschieden sie damit umgehen, macht nicht nur den dramaturgischen Hauptreiz des Buches aus; es erlaubt auch, im Kühlklima der komprimierten Versuchsanordnung Ansätze differenzierender Sympathie zu entwickeln. So fügt sich „Ostersonntag“, dieses Stakkato für eine flirrend polyphone zweite Person Singular, denn doch zur klassischen Story. Nur dass der Leser, durch die grammatische Grundfinte selber zum prüfendem Blick in den Spiegel verführt, sie sich höchst selbstständig hat erschließen dürfen.

Nicht alles überzeugt in diesem sprachwütigen Erstling. Auf immer wieder faszinierende Bilder folgen mitunter schiefe oder überladene, und ganz selten erweist sich auch der aus dem inneren Dialog erwachsende intime Imperativ als nicht ganz trittfest. „Ostersonntag“ ist nicht der berühmte große Wurf, aber ein kraftvoller – und schon das ist schön. „Glück ist nicht analytisch“, heißt es einmal fast programmatisch über das kommunikative Katastrophenquartett dieser Familie. „Hass hingegen wetzt den Verstand, als sei er ein Messer, das Blut sehen will.“ Auch dies eine kühne Metapher, die exakter Prüfung nicht standhält. Aber sie erzählt von schmerzhaftem Wagemut, von der Not der (Selbst-)Verletzung, von allem Anfang der Literatur.

Harriet Köhler: Ostersonntag. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 210 Seiten, 17,90 €.

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