Lieber groß in der Provinz als sich in Berlin zerfetzen zu lassen

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Geschichte des Tanzes in Berlin : Die moderne Primaballerina
Ralf Stabel

Sex und Skandal sind dann auch die Währung, mit denen Tänzerinnen wie Valeska Gert oder Anita Berber die Berliner erschrecken und verzücken. Auch die Großen des modernen Tanzes wie Mary Wigman, Palucca oder Harald Kreutzberg gastieren regelmäßig in der Stadt, können oder wollen sich hier aber nicht etablieren. Möglicherweise ist ihnen das Angebot und die Konkurrenz zu groß und der kritische Blick zu geschärft. Da ist es einfacher, die oder der Größte in der Provinz sein, als sich in Berlin seine schöne Kunst von der Presse zerfetzen und vom Publikum ausbuhen zu lassen. Ein Berliner Handlungsmuster?

Denn den am Berliner Opernhaus Unter den Linden etablierten Modernen ergeht es ebenso. Hier scheitern 1930 Max Terpis mit seinem Versuch, Klassik und Moderne zu verbinden, und anschließend 1937 Rudolf von Laban, der große Vordenker und Theoretiker des modernen Tanzes. Die NS-Zeit ist für den modernen Tanz eine zwielichtig-helle. Die modernen Tänzer sehen sich einer bis dahin nicht gekannten Unterstützung ausgesetzt und greifen (überwiegend) zu. Tanzfestspiele ermöglichen bezahlte Auftritte in der Hauptstadt. Mary Wigman kürt sich zur Führerin des deutschen Tanzes und Palucca sich zur deutschesten Tänzerin. Welche Überhöhung!

Nach Ende des zwölfjährigen Reiches besetzen dann, wie Klaus Geitel es so pointiert formuliert hat, vier Ballettnationen Deutschland und Berlin. In den USA gibt es seit der Gründung der School of American Ballet 1934 neuerdings das neoklassische Ballett. Die folgenden Zeiten sind in Ost-Berlin und West-Berlin nicht so unterschiedlich, wie die Zeitgenossen es empfunden haben mögen. Die Ensembles eint dasselbe Ziel: Klassik zeigen zu können. Im Osten leiten Lilo Gruber, Claus Schulz und Egon Bischoff. Im Westen Gerd Reinholm und Richard Cragun. Tatjana Gsovsky in Ost und in West.

Aus den Trümmern steigt hoffnungsvoll das Staatsballett empor

Etwas Originäres wird 1966 an der Komischen Oper geschaffen: das Tanztheater mit Tom Schilling. In Anlehnung an die Konzeption des Musiktheaters des Intendanten Walter Felsenstein entsteht eine eigene Ästhetik mit einer eigenen choreografischen Handschrift. „Menschliches menschlich sagen“, ist Ziel und Motto. Alle künstlerischen Mittel sind willkommen, um eine getanzte Bühnenhandlung verständlich, nachvollziehbar und beeindruckend zu gestalten. Und es gelingt. Die Komische Oper wird in Berlin ein künstlerisch exterritorialer Ort.

Als Schlusspunkt der getrennten, parallelen Entwicklungen könnte man im Osten William Forsythes „Love Songs“ ansehen. Es ist bemerkenswert, dass das Ballettensemble der Staatsoper dieses Werk 1988 tanzt. Es zeigt das dort gewachsene Verständnis von klassischer Schulung und zeitgenössischem Repertoire. Die Komische Oper verliert kurz nach der Wende ihren langjährigen Hauschoreografen. In der Deutschen Oper wird 1990 noch einmal Opulenz aufgefahren und „Der Ring um den Ring“ von Maurice Béjart inszeniert. Dann implodiert die Berliner Ballettszene, und aus den Trümmern steigt hoffnungsvoll ein Staatsballett hervor. Polina Semionova, Vladimir Malakhov und Gregor Seyffert beginnen 2002 ihre künstlerische Arbeit in der Stadt.

Auch wenn sich Berlin bisher nicht als ein Hotspot für Tanz-Uraufführungen einen Namen gemacht hat, sind doch die Bedingungen besser als je zuvor: ein für deutsche Verhältnisse riesiges Staatsballett, das Ensemble des Friedrichstadt-Palasts, das neugegründete Landesjugendballett an der Staatlichen Ballettschule Berlin, Sasha Waltz & Guests, so viele freie Tänzerinnen und Tänzer wie nie zuvor, Tanzbühnen ohne Ende. Zum Wehklagen gibt es sicher immer viele Gründe, aber mindestens ebenso viele, mutig in die Berliner Tanzzukunft zu schauen.

Ralf Stabel leitet die Staatliche Ballettschule Berlin und ist u. a. Autor der Bücher „IM Tänzer – der Tanz und die Staatssicherheit“ und „Rote Schuhe für den sterbenden Schwan. Tanzgeschichte in Geschichten“.

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