Alternative Modelle gesucht

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Gesellschaft und Gerechtigkeit : Strammgestanden für den freien Markt
Uwe Timm

Der tiefere Grund für die Politikverdrossenheit liegt nicht nur darin, wie ein Bundespräsident zu seinem Klein-Häuschen gekommen ist. Die Verdrossenheit hat ihren wahren Grund in dem Wissen von der bestimmenden Macht der Ökonomie und des kapitalistischen Finanzsystems gegenüber den demokratischen Parteien und der gewählten Exekutive, die damit ihre Autonomie verloren haben. Jedoch: Die Paradigmen der Ökonomie sind keine Naturgesetze, wie es sich im Bewusstsein verfestigt hat, sondern sie sind bestimmbar und veränderbar. Hilfreich wäre, wenn all die klugen Ökonomen mit ihren computergestützten Modellen ihr Fach nicht nur als Optimierungswissenschaft verstehen würden, sondern mehr und weiter an alternativen Modellen arbeiten würden. Man sage nun nicht gleich, das sei Sozialismus und Kommandowirtschaft. Es reichte ja, Modelle zu entwickeln, die diesen Wildwuchskapitalismus erst einmal beschneiden. Die Finanztransaktionssteuer wäre so ein Beispiel. Dass sie so lange als das Ende der deutschen Börse, ja der Prosperität verschrien war, beweist nur, wie gut das profitfreundliche ideologische Abwehrsystem funktioniert hat.

Die Causa Wulff
Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das Büro mit Mitarbeitern geht.Weitere Bilder anzeigen
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04.03.2012 21:00Christian Wulff sorgt auch nach seinem Rücktritt immer wieder für Schlagzeilen: zum Beispiel wenn es um sein Ehrensold oder das...

Einübung von Solidarität

Die Entwicklung solcher Modelle wäre auch eine Einübung von Solidarität. Steuern als das zu sehen, was sie sind, lästig aber notwendig, wenn sie denn der Allgemeinheit zugute kommen und nicht wiederum private Interessen bedienen. Auch die Erhöhung von Steuern, nicht der Verbrauchersteuern, sondern der Einkommenssteuer und insbesondere der Erbschaftssteuer, gehört dazu.

Es wäre der Versuch, einen solidarischen Sinn für die Verhältnismäßigkeit in der Gesellschaft zu entwickeln. Einmal abgesehen von den Fantasiegehältern der Banker und deren Boni: Die Ungleichheit findet sich in der Alltagswelt der Angestellten, in der ein Finanzwirt durchschnittlich dreimal so viel verdient wie ein Klinikarzt im gleichen Berufsjahr und fünfmal so viel wie eine Krankenschwester. Das ist keine Neid-Diskussion, sondern eine Debatte über Gerechtigkeit und Zumutbarkeit in der Gesellschaft.

Uwe Timm lebt als Schriftsteller in München. Zuletzt erschien von ihm die Novelle „Freitisch“. Vergangene Woche erhielt er die Carl- Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz. Der Text ist eine leicht gekürzte Fassung seiner Preisrede.

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