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Klassisch und modern sind kein Gegensatz. Schläpfer und seine Tänzer lassen sich in „7“ tragen von Gustav Mahlers siebter Sinfonie.

© Gert Weigelt

Martin Schläpfer in Berlin: Gipfelstürmer mit Bodenhaftung

Was im Spitzentanz möglich ist: Martin Schläpfer und das Ballett am Rhein gastieren erstmals in Berlin.

Von Sandra Luzina

„Du bist die Ruh“ erklingt vom Band, ein romantisches Schubert-Lied. Auf der Bühne des Düsseldorfer Opernhauses probt Martin Schläpfer mit dem Tänzer Marcus Pei eine Szene aus „Obelisco“. Das Ballett, das er 2007 für das Ballett Mainz kreierte, studiert er neu ein mit dem Ballett am Rhein. Marcus Pei ist auch neu in der Compagnie, er ist ein weicher, geschmeidiger Tänzer, doch Schläpfer ist er zu lyrisch. „Es ist nicht romantisch, es ist physisch“, weist er ihn an.

Und schon springt der 57-Jährige auf die Bühne und demonstriert Pei die Bewegungen. Er verstärkt, ringt um Ausdrucksnuancen und ermutigt den Tänzer, seinen Gefühlen zu vertrauen. Als Kontrast erklingt danach Marla Glens Song „Travel“. Sechs Tänzer in Plateaustiefeln gehen in ein tiefes Plié. Zum Blues sind die Bewegungen geerdet und erotisch aufgeladen.

Der Schweizer Schläpfer versteht es, Gegensätze zu vereinen. Seine Choreografien zeichnen sich durch eine vielgestaltige Bewegungssprache und große Musikalität aus. Wie aufregend er das Ballett als zeitgemäße Kunstform auslegt, davon können sich nun endlich auch die Berliner überzeugen. Bei seinem ersten Gastspiel an der Spree zeigt das Ballett am Rhein Schläpfers Choreografie „7“, die zu Mahlers Siebter Sinfonie entstand.

„Für mich ist es wesentlich, dass ein Schritt einen Unterbau, einen Grund hat. Das kann ein Gedanke sein oder ein Archetypus, ein Symbol“, so umreißt er sein Tanzverständnis. Es gehe nicht nur um Form und Architektur, da ist er sich mit Hans van Manen, seinem Freund und Vorbild, einig. „Menschen in Bewegung zueinander, gegeneinander, abgewendet oder allein Raum, das ist immer ein Ausleeren von Energie. Und das geht über den Bereich des Trainierens hinaus.“

Schläpfer ist nicht nur ein international gefeierter Choreograf, mit einem beachtlichen Werkkorpus, er hat bislang auch eine glückliche Hand als Ballettdirektor gehabt. Er feierte in Bern Erfolge, wo er mit dem Choreografieren erst begonnen hat. Er katapultierte das Ballet Mainz an die Spitze der Ballettcompagnien. Das 2009 neu formierte Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg avancierte unter seiner Leitung zur besten deutschen Ballettcompagnie. Jeder der 45 Tänzer ist ein Solist, der überkommenen Ballett-Hierarchie wurde abgeschworen.

Umworben von der Hauptstadt

Nach 23 Jahren als Ballettdirektor hat Schläpfer die administrativen Verpflichtungen abgegeben: „Es ist ein Versuch, dieses Repertoire, diese Aufbauarbeit hinüberzuretten in eine neue Phase", erklärt er. „Und ich arbeite eher wieder lieber", sagt Schläpfer. Dass er sich nun wieder stärker auf die künstlerische Arbeit konzentrieren kann, berge aber auch die Gefahr, dass er zu fordernd werde, „weil Dinge aufbrechen, die ich jahrelang unterdrückt habe.“. Er echauffiert sich auch heute noch über die geringe Wertschätzung des Tanzes.

Martin Schläpfer und Berlin, das ist nun eine eigenartige Geschichte. Er wurde mehrfach umworben von der Hauptstadt. Er war der Wunschkandidat von Kulturstaatssekretär André Schmitz für die Nachfolge von Vladimir Malakhov beim Staatsballett Berlin, auch schon vorher gab es Gespräche. Letztes Jahr war er wieder im Rennen, neben Sasha Waltz. Doch dann hat er Berlin einen Korb gegeben und in Düsseldorf verlängert, auch weil die Stadt ihm ein Ballett- Haus für 30 Mio. erbaut hat.

Er bereue seine Entscheidung nicht, betont Schläpfer. Ein gewisses Bedauern scheint aber mitzuschwingen, wenn er sagt: „Berlin ist eine tolle Stadt. Und ich habe jetzt nicht mehr Dekaden vor mir für gewisse Kraftakte. Ich hätte es mir zugetraut.“ Den Kulturkampf ums Staatsballett, der nach der Ernennung von Sasha Waltz und Johannes Öhman entbrannt ist, findet er bedenklich: „Das Fatale an Berlin ist, dass wir wieder diesen Grabenkampf haben: Ballett gegen Modern.“

Deutschland Ballettszene ist im Umbruch

Ein Schweizer am Rhein. Martin Schläpfer.

© Gert Weigelt

Die deutsche Ballettszene befindet sich im Umbruch. Es rumort nicht nur in Berlin. Haben die großen Compagnien noch eine Zukunft? Oder ist die Zeit der großen prägenden Choreografen-Persönlichkeiten zu Ende? Schläpfer ist überzeugt: „Das Modell, dass jemand eine Compagnie nicht nur leitet, sondern auch durchtränkt, das ist nicht vorbei. Schlussendlich ist es immer eine Person, eine Frau oder ein Mann, die sie antreibt, die dafür brennt und sie verteidigt. Dazu braucht es ein Quäntchen Genie.“

Das Gastspiel in Berlin wird jedenfalls Maßstäbe setzen, nicht allein wegen der tollen Tänzer. „7“ zeigt auch, wie der Tanz durch die Auseinandersetzung mit der Musik an Tiefe gewinnen kann. „Mahlers Musik setzt im Hinblick auf mein choreografisches Arbeiten Dinge frei, von denen ich gar nicht glaubte, dass sie in mir seien“, hat Schläpfer über den Entstehungsprozess gesagt. Übrigens profitieren auch die Tänzer des Staatsballetts von dem Gastspiel. Schläpfer, der ein passionierter Pädagoge ist und eine ganz einzigartige Methode entwickelt hat, wird in Berlin eine Klasse geben.

Das Anfangsbild von „7“ zeigt Tänzer in schweren Stiefeln und dunklen Mänteln, die nach einer langen Reise in einer neuen Welt ankommen, hier eine Anspielung auf die jüdische Geschichte. Schuhe sind generell wichtig für Schläpfer: „Bei mir ist der Tanz selten leicht, er hat eine starke Bodenhaftung, das macht ihn zeitgenössisch.“ Er ist für seinen unorthodoxen Umgang mit der Insignie des romantischen Balletts bekannt: „Der Spitzenschuh ist eine wunderbare Sache, um wegzuschweben. Dann ist er aber auch einfach ein Schuh, der eine Härte und eine Materialität hat. Wenn die Ballerina den Schuh in den Boden rammt, demonstriert sie: Hier ist eine Grenze.“ Seine Ballerinen sind starke Frauen, keine magersüchtigen Grazien.

Charisma mit Unruhe

Eine kreative Unruhe treibt Schläpfer an. Er war einmal ein charismatischer Tänzer, dem das Publikum zu Füßen lag. „Ich habe aber nicht gefunden, was ich gesucht habe als Tänzer“, sagt er rückblickend. Lange hat er sich gefragt, ob er das Talent zum Choreografieren habe und zweifelt auch heute noch an sich. Die empfindsame Künstlerseele paart sich bei ihm aber mit vorwärtsstürmender Energie. Oft erarbeitet er seine Stücke in nur fünf Wochen. Er ist ein Besessener, aber ein liebenswerter.

Bis 2019 bleibt er dem Ballett am Rhein als künstlerischer Leiter und Chefchoreograf erhalten. Was danach kommt, sei offen, beteuert er. In Düsseldorf wird man schon nervös. „Wenn ich hier bleibe", erklärt Schläpfer, "muss ich auch andere Compagnien einladen können, damit hier auch wirklich ein Wissen entsteht.“

Vorstellungen von „7“ im Schillertheater am 11., 12. und 15. April.

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