zum Hauptinhalt
Menschenrechtsfundamentalist. André Glucksmann (19. Juni 1937 bis 10. November 2015).

© AFP

Zum Tod von André Glucksmann: Gleichgültigkeit ist ein Verbrechen

Erst linker Renegat, dann wütender Moralist und Verteidiger der Marktwirtschaft: zum Tod des französischen Philosophen André Glucksmann.

Von Gregor Dotzauer

Wenn er ein Philosoph war, so war er ein Philosoph wider Willen. „Die vermeintlich intellektuellen Fragen sind nicht den Intellektuellen vorbehalten“, schrieb André Glucksmann in seinen Erinnerungen „Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens“, deren Bildungsschwere diese Behauptung allerdings sofort infrage stellte. Zugleich glaubte er, „dass sich die Träger dieses ruhmvollen Titels an einer Hand abzählen ließen. Platon, Aristoteles, Descartes, Hegel.“ Der Titel war ihm auch deshalb so zuwider, weil viele Professoren in seinen Augen damit nur kaschierten, dass sie ihr marxistisch-leninistisches Unwesen unter dem Deckmantel der neutralen Wissenschaft trieben.

Was war er dann? In erster Linie war er wohl ein französischer Moralist, der die störanfällige Instanz des Gewissens für sein Denken und Handeln reklamierte, und in zweiter Linie ein linker Renegat, der nicht zur Rechten gehören wollte, aber keine Gelegenheit ausließ, seine einstigen Genossen anzuprangern – und das mit originellen Volten. 2007 sprach er sich für die Wahl von Nicolas Sarkozy mit dem Argument aus, dass dieser programmatisch der Linken am nächsten sei.

Doch erst im Rückblick stilisierte sich Glucksmann zu dem unabhängigen Geist, der er immer schon gewesen sein wollte. Seine KPF-Mitgliedschaft, die damit endete, dass ihn die Partei 1957 wegen seines Protests gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands ausschloss, wird in den Erinnerungen nicht einmal erwähnt. Die Monate als „Anarchomaoist“ nach dem Mai 1968 werden nur knapp referiert. Im Gespräch erklärte er sie zur jugendlichen Laune. Die Zeit mit Jean-Paul Sartre aufseiten der Gauche prolétarienne: eine Episode. Die politische Kehrtwende zu Anfang der Siebziger: eine Petitesse. Es war, als hätten die nouveaux philosophes, in deren Kreis er zu Ruhm gelangte, nur auf ihn gewartet.

Die großen Denker waren für Glucksmann mitverantwortlich für die Tyranneien des 20. Jahrhunderts

Sein erstes Buch „Discours de la guerre“ (1967) war noch unter den Fittichen seines liberalen Lehrers Raymond Aron entstanden. Die antikommunistischen Studien, die folgten, waren von polemischerem Zuschnitt. „Köchin und Menschenfresser“ war eine Untersuchung „Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager“. „Die Meisterdenker“ (1977) schließlich reflektierten wortreich ausufernd die Mitverantwortung von Fichte, Hegel, Marx und Nietzsche für die Tyranneien des 20. Jahrhunderts. Glucksmann brachte sich damit nicht nur gegen die stalinistische Linke in Stellung, sondern auch gegen einen Wahrheitsbegriff mit jakobinischen Folgen. Von den sibirischen Straflagern bis zur rechten Folterdiktatur von Pinochet – die Denker trugen ihre Schuld.

Damit machten sich er und Bernard-Henri Lévy, der einzige andere aus dem Kreis, den man hierzulande noch kennt, einen Namen, der sie bis ins Fernsehen führte – und bei denen, die auf ihre Weise die linke Blindheit zu überwinden trachteten, Feinde. Soweit Glucksmann Philosophie als System attackierte, war sie im Grunde längst untergegangen. Und soweit er staatliche Unterdrückung analysierte, hielt er an einem Begriff von Macht fest, der in den mikrostrukturellen Projekten der Poststrukturalisten sehr viel differenzierter gesehen wurde. Michel Foucault oder Jean-François Lyotard unterhielten deshalb ein distanziertes Verhältnis zu den nouveaux philosophes. Sie „betreiben eine Martyrologie“, erklärte etwa Gilles Deleuze. „Sie leben von Kadavern.“

Von Kindsbeinen an führte er ein Leben zwischen der deutschen und der französischen Sprache

Biografisch lässt sich das bei Glucksmann erklären. 1937 in Boulogne-Billancourt geboren, gelang ihm das Überleben im Vichy-Frankreich. Als Vierjähriger wurde er zusammen mit seiner Mutter Martha und der Schwester Micky im Lager Bourg-Lastic interniert, um an die Nazis ausgeliefert zu werden. Nur die unerschrockene Mutter sorgte dafür, dass sie bei der Selektion den Nicht-Juden zugeschlagen wurden.

Anders als seinen beiden noch in Österreich geborenen älteren Schwestern verschaffte ihm das ius soli das Privileg einer französischen Staatsbürgerschaft, und der Name Joseph „Jojo“ Rivière verschleierte seine jüdische Herkunft. An den Namen Glucksmann musste er sich nach dem Krieg ebenso gewöhnen wie an den Vornamen André, den ihm seine Mutter in Erinnerung an den Hamburger Kommunisten Edgar André gegeben hatte. Von Kindesbeinen an führte er ein Leben zwischen der deutschen und der französischen Sprache – und eines als Halbwaise. Rubin, sein aus Czernowitz stammender Vater, war 1940 auf einem torpedierten Schiff im Ärmelkanal untergegangen.

Hass, so seine Überzeugung, hat seine Wurzeln in der menschlichen Natur. Es gibt keinen anderen Grund für ihn.

Menschenrechtsfundamentalist. André Glucksmann (19. Juni 1937 bis 10. November 2015).

© AFP

Die antikommunistischen Schlachten, die er Anfang der siebziger Jahre nach der Lektüre von Solschenizyns „Archipel GULAG“ schlug, führte er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ungehindert fort. Die doppelte Frontstellung gegen den rechten und den linken Totalitarismus gestattete ihm erst recht, sich in den Menschenrechtsfundamentalisten zu verwandeln, als der er sich verstand. Jede Realpolitik verabscheute er als zynisch und blieb in seinem schrankenlosen Universalismus doch eingeschränkt. Glucksmann, der versprochen hatte, dem Denken alles Ideologische auszutreiben, verlor als bedingungsloser Anwalt Israels weder ein Wort über die Palästinenserfrage, noch revidierte er als Transatlantiker jemals sein Hurra zum Irakfeldzug. Bei alledem blieb er stets ein flammender Interventionist und plädierte für ein Eingreifen des Westens in Libyen und in Syrien.

Nihilismus war, wohin sein Auge blickte. Glucksmann sah sich umstellt vom marxistischen Nihilismus, dem postmodernen Nihilismus, dem islamistischen Nihilismus. Und mitten im Herzen der demokratischen Gesellschaften des Westens entdeckte er das „Verbrechen der Gleichgültigkeit“. Nur in dessen Schatten konnte das Böse zwischen Ruanda und Serbien gedeihen, Völker morden, Hungersnöte anzetteln und Tyrannen ausbrüten. Das Böse nahm für Glucksmann einen geradezu metaphysischen Status an. Denn Hass, so war er überzeugt, „hat seine Wurzeln nicht in der Gesellschaft, sondern in der menschlichen Natur. Es gibt kein Warum.“ Die dunklen Kräfte, die den Hass beförderten, suchten sich immer neue Akteure.

Ungerührt erklärte er die tschetschenischen Rebellen, die 2002 die Zuschauer eines Moskauer Theaters als Geiseln nahmen, zu legitimen Freiheitskämpfern. Zwei Jahre später begrüßte er das tödliche Sprengstoffattentat auf den prorussischen tschetschenischen Präsidenten Kadyrov. Bis zuletzt verpasste er keine Gelegenheit, sich gegen das System Putin auszusprechen und schämte sich öffentlich für seinen Landsmann Gérard Depardieu, der die russische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Auch der „Konfuziusblock“, der sich durch die Allianz von Peking und Moskau ergeben hatte, war ihm ein Dorn im Auge. Verändert hatte sich für ihn nur die Perspektive, unter der er die Auseinandersetzungen betrachtete: „Im 20. Jahrhundert ging es um die Frage: Totalitarismus oder Demokratie. Die Frage unserer Zeit lautet: Demokratie oder Korruption.“

Er bewunderte den tschechischen Freiheitsdenker Jan Patočka und dessen gelehrigsten Schüler, Václav Havel. Mehr als alle Philosophen lagen ihm aber drei Dichter am Herzen. Charles Baudelaire und die „Fleurs du Mal“ lehrten ihn, den Blick nicht von den hässlichen Seiten dieser Welt zu wenden. Victor Hugos Erzählung „Der letzte Tag eines Verurteilten“ brachte ihm bei, dass allein das Ereignis des individuellen Todes der Maßstab allen Handelns sein kann. Und Stéphane Mallarmés Langgedicht „Un coup de dès“ (Ein Würfelwurf) überzeugte ihn davon, dass man Sinn in der Sprache nicht festhalten kann, das Risiko des Sichäußerns aber dennoch eingehen muss.

Genau dies tat er auch in seiner Polemik gegen die Friedensbewegung zu Anfang der 80er Jahre, der er in „Philosophie der Abschreckung“ falsche Nachsicht gegenüber der SS-20-Nachrüstung der Sowjets vorwarf. Er tat es in seinem Pamphlet wider die quasianthropologische „Macht der Dummheit“ oder, zusammen mit Thierry Wolton, in dem Report „Politik des Schweigens“ über die äthiopische Hungerkatastrophe in den 80er Jahren. 2011 veröffentlichte er mit „Le roman du Juif universel“ ein großes Gespräch über Menschenrechte mit der im selben Jahr verstorbenen Jelena Bonner, der Witwe des sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow. Zuletzt erschien von ihm 2014 „Voltaire contre-attaque“, ein Plädoyer für Europa und dessen Werte im Namen der satirischen Novelle „Candide oder der Optimismus“.

Nun ist Andre Glücksmann, wie sein Sohn, der Filmemacher Raphaël Glucksmann, via Facebook bekannt gab, mit 78 Jahren in Paris gestorben.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
showPaywallPiano:
false