Kultur : Gold ohne Grenzen

Tauwetter für Beutekunst: die Merowinger-Ausstellung im Moskauer Puschkin-Museum

Christina Tilmann

Ein Sternchen gibt den Ausschlag. Klein und unauffällig steht es hinter Provenienz-Abkürzungen wie GE (Eremitage St. Petersburg), GMII (Puschkin-Museum Moskau) oder GIM (Historisches Museum Moskau) und macht doch allen Unterschied. Worauf es verweist, ist noch kleiner am Ende der jeweiligen Hinweistafeln zu lesen: „Bis 1945 MVF Berlin“. Das heißt: Bis 1945 gehörten die Objekte, die mit Sternchen gezeichnet sind, immerhin fast 700 Stück, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin. Es handelt sich um Beutekunst.

Bis zum Schluss waren sich die Berliner Museumsleute nicht sicher gewesen, ob ihre russischen Partner die Objekte tatsächlich vereinbarungsgemäß kennzeichnen würden. Schon einmal, bei der Schliemann-Ausstellung 1998 in St. Petersburg, war eine solche Kennzeichnung vertraglich festgeschrieben und dann doch unterlassen worden. Und auch bei der in einem Saal des Moskauer Puschkin-Museums aufgestellten Troja-Dauerpräsentation fehlt jeder Hinweis auf die deutsche Herkunft.

Diesmal aber, bei der großen Merowinger-Ausstellung im Puschkin-Museum, geht alles glatt: Die Objekte sind korrekt gekennzeichnet, ein Einführungstext erklärt zweisprachig, russisch und englisch, dass „die westeuropäischen Altertümer 1945 aus der Sammlung des MVF Berlin in die russischen Museen verbracht wurden“. Auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte wird in einer Eingangstafel mit seiner Sammlungsgeschichte vorgestellt. Und in dem dreisprachigen Katalog darf Kulturstaatsminister Bernd Neumann ausführlich die deutsche Rechtsposition, nach der diese Objekte deutsches Eigentum sind und nach Völkerrecht restituiert werden müssten, vorstellen.

Was hier passiert, ist tatsächlich eine Sensation. Nicht nur, weil über 60 Jahre verschollen geglaubte Schätze erstmals wieder präsentiert werden. Auch nicht, weil eine derart offene Zusammenarbeit zwischen russischen und deutschen Museen bislang einzigartig ist. Sondern weil in aller Öffentlichkeit ein Thema ausgesprochen wird, das die beidseitigen Kulturbeziehungen belastet wie kaum ein anderes. Da mag sich Michail Schwydkoi, Leiter der „Föderalen Agentur für Kunst und Kinematografie“, mit dem Hinweis auf „das, was Journalisten immer als Beutekunst bezeichnen“, darum drücken, die Sache zu benennen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann führt den Begriff dafür umso häufiger an, betont die unterschiedlichen Rechtspositionen – und bleibt von russischer Seite unwidersprochen. Keine Rede mehr von „Trophäen“ oder „Kompensationen für im Zweiten Weltkrieg durch die Deutschen zugefügte Kulturverluste“. Offensichtlich ist der Wunsch, bei dem Thema weiterzukommen, wichtiger als jede rechtliche Differenz.

Das ist, nach den jahrzehntelangen ergebnislosen Verhandlungen, dem Duma-Gesetz, das 1998 alle „kriegsbedingt verbrachten Kulturgüter“ kurzerhand zu russischem Eigentum erklärte, der kurzfristig gestoppten Rückgabe der Bremer Baldin-Sammlung und den zunehmend nationalistischen Tönen in der russischen Öffentlichkeit, tatsächlich ein gewaltiger Schritt, vor allem für die russische Seite. Und Neumann konnte aus einem Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Alexander Sokolov noch weitere Hoffnungszeichen vermelden: Sowohl die Baldin-Sammlung als auch die noch fehlenden sechs Fenster der Frankfurter Marienkirche könnten noch in diesem Jahr zurückkehren, und auch beim Sachsen-Anhaltinischen Silberschatz gebe es positive Signale. Es scheint, als ob nach langer Eiszeit nun Tauwetter angebrochen sei. Auch wenn die „Merowinger“, die anschließend in die Eremitage nach St. Petersburg gehen, nicht in Deutschland gezeigt werden, davon kann man nur träumen.

Angestoßen haben diese Entwicklung die Wissenschaftler. Unbeirrt von festgefahrenen politischen Standpunkten haben sie sich zur Kooperation entschieden: mit Stipendien- und Austauschprogrammen, gemeinsamen Ausstellungen und vor allem dem Bestreben, das, was unzugänglich in Depots schlummerte, wieder öffentlich zugänglich zu machen. Wilfried Menghin, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, kann fast zu Tränen gerührt erzählten, wie er 1998 in St. Petersburg in die Depots durfte und dort, völlig unvermutet, noch die original verpackten Kisten aus Berlin entdeckte mit insgesamt rund 6000 Objekten: Fast 70 Prozent der Bestände seines Hauses, darunter die drei berühmten Goldkisten mit dem Schliemann-Schatz, dem Eberswalder Goldschatz und den Goldstücken der Merowinger, galten jahrzehntelang als verschollen. Im Zuge der Ausstellungsvorbereitung tauchten immer mehr Objekte auf, auch im Historischen Museum Moskau: Die 1945 aus Deutschland entführten Schätze waren damals über die Museen der Sowjetunion verteilt worden – und seitdem nicht mehr angerührt. 11 500 Objekte konnte man jetzt lokalisieren.

Nun sind die Merowinger-Schätze im prachtvollen weißen Saal des Puschkin-Museums erstmals wieder vereint und effektvoll präsentiert: Prächtige edelsteinbesetzte Goldbroschen, schwere Goldarmbänder, raffiniert ineinander verschlungene Ketten, Schwertscheiden mit figurenreichen Reliefs, kunstvoll getriebenes Eisenwerk. Insgesamt 1300 Objekte, davon 700 aus ehemals Berliner Beständen. Fremde, grob und rätselhaft anmutende Objekte: Zeichen einer Zeit, über die man wenig weiß.

Die „dunklen Jahre“ zwischen dem Fall des römischen Reichs und dem Erstarken des Frankenreichs geben noch immer Anlass für Spekulationen. Der „Spiegel“ verteufelt die Merowinger als Unholde, Kriegsgewinnler, Desperados und Guerilla-Armee, die das kultivierte römische Reich zerstörten und „in einer Epoche von Blut und Gewalt“ das Fundament der künftigen Nationalstaaten Deutschland und Frankreich legten. Die Ausstellung in Moskau erzählt eine andere Geschichte: „Europa ohne Grenzen“ lautet ihr Titel, und die Erkenntnis, dass es in der Zeit der Völkerwanderungen zwischen Ural und Atlantik, Ostsee und Schwarzem Meer keine festen Staatsgrenzen gegeben habe, taugt ganz wunderbar als Vorbild für heute. Einmal ohne Grenzen – wieder ohne Grenzen.

Wunsch oder Wirklichkeit, ein jeder liest es, wie er will. Dass die Wissenschaft das „geistige Tagebuch“ einer Zeit sei, betont Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Kultur komme ohne das Gedächtnis, welches die Wissenschaft verwalte, nicht aus. Das gilt auch für die Merowinger. Die Möglichkeit, über 60 Jahre Forschungsrückstand anhand der nun wieder zugänglichen Objekte nachzuholen, wird vor allem Wissenschaftler begeistern – schon bieten deutsche Studienreiseveranstalter vermehrt Reisen nach Moskau an.

In der Zerrissenheit der Sammlungen liegt auch eine Gefahr. „Wenn in der Archäologie nur noch über Einzelobjekte nachgedacht wird, ist das Antiquitätenhandel und nicht mehr wissenschaftliche Museumsarbeit“, moniert Lehmann. Und fürchtet, dass bei der Neuinventarisierung von Beutekunst-Beständen in russischen Museen die alten Berliner Inventarnummern getilgt werden und der ursprüngliche Zusammenhang verloren gehe. Auch in dieser Frage solle die Ausstellung in Moskau als „Fanal“ wirken. Der Berliner Stiftungspräsident, der mit seiner gelassenen, weltmännischen Art von Anfang an für ein gutes Klima bei den Verhandlungen gesorgt hat, kann sich nun, in der Stunde des Erfolgs, Emotionen leisten. Er erzählt von einem Schlüsselerlebnis, das er als kleiner Junge 1956 im kriegszerstörten Dresden hatte. Wie durch eine Kathedrale seien die Dresdner durch die Sempergalerie gezogen, um die aus Russland zurückgekehrten Kunstschätze zu sehen: voller Ergriffenheit und Dankbarkeit. Eine solche Stimmung, so Lehmann, könne auch angesichts der wieder gezeigten Merowinger-Schätze aufkommen: „Man sollte die Macht der Gefühle nicht unterschätzen.

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