Gorki Theater : Pläne für die nächste Spielzeit

Das Maxim Gorki Theater plant in der neuem Saison unter anderem mit Sybille Berg, Yael Ronen, Ersan Mondtag – und einem Gartenpavillon.

T aner Şahintürk wird in "Berlin Oranienplatz" mitspielen.
T aner Şahintürk wird in "Berlin Oranienplatz" mitspielen.Foto: Esra Rotthoff

Es war zu vorgerückter Stunde, gegen Mitternacht, als Shermin Langhoff auf ihrer eigenen Eröffnungsparty attackiert wurde. Sie und Jens Hillje hatten das Gorki Theater frisch übernommen, im Haus und im Garten wurde der geglückte Auftakt von einer Masse an Menschen gefeiert, DJs legten auf, ein Jägermeister-Brunnen sprudelte, „Curry 36“ grillte Würstchen – als unversehens ein betrunkener Mitarbeiter, ein Techniker und Mitglied im Personalrat, auf die neue Intendantin losgehen wollte. 

Zur Selbstreflexion gezwungen

Shermin Langhoff hat die Angelegenheit am fraglichen Abend in größtmöglicher Ruhe geregelt. Aber natürlich hing der rassistische und sexistische Vorfall ihr nach. „Wer weiß, wie viele am Haus noch so denken?“, hat sie sich gefragt. 

Mit dieser Geschichte aus dem November 2013 hat Shermin Langhoff in diesem Jahr ihr Ensemble in den Sommer verabschiedet. Es liegen ja kräftezehrende Krisenmonaten hinter allen, gerade für die Theater war die Pandemie eine Zäsur, die nicht nur zum Innehalten, sondern auch zur Selbstreflexion gezwungen hat: Wie weiterspielen, für wen und warum? Welche Geschichten sind es jetzt wert, erzählt zu werden?

Klar, das Gorki Theater hatte mit seinem Anspruch, die Lebensrealitäten einer längst knallbunten Republik abzubilden und so viele geistige Jägerzäune einzureißen wie möglich, noch nie ein Relevanzproblem. Auch eine Losung wie „Black Lives Matter“, die jetzt in deutschen Städten Zehntausende auf die Straße bringt, ist am Festungsgraben gelebter Alltag. Insofern haben sich Langhoff und ihr Team nicht hektisch auf die Suche nach neuen Stoffen begeben müssen, als Corona kam. Die Krise verschärft als Brennglas ja vor allem Probleme, die ohnehin schon bestanden.

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Aber man erlebt zum Saisonausklang eine durchaus nachdenkliche Intendantin, die in Umbruchzeiten gerade mit jenen Verhältnissen hadert, die sich nicht geändert haben. Mit dem strukturellen Rassismus in Deutschland zum Beispiel. „Wir haben ein allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, in dem das Wort ‚Rasse‘ und nicht Rassismus steht“, sagt Shermin Langhoff. 

Premieren en suite statt uminszenierte Repertoire-Stücke

Was bedeutet, dass die Auseinandersetzung mit den großen Gorki-Themen – Nation, Identität, Zugehörigkeit – weitergehen muss. Und das, allen Corona-Widrigkeiten zum Trotz, mit voller Kraft. Während andere Häuser ihr Repertoire nach Hygieneregeln uminszenieren, bringt das Haus in Mitte vorerst keine bestehenden Stücke mehr – sondern setzt ganz auf Premieren, die nacheinander en suite gespielt werden.

Sechs Uraufführungen stehen bis Dezember an, darunter die jüngste Arbeit von Yael Ronen, „State of Emergency“, oder der Sibylle-Berg-Abend „Und nach mir ist sicher die Welt verschwunden“. Den Auftakt macht „Berlin Oranienplatz“ von Hakan Savaş Savae Mican, eine Inszenierung, die ursprünglich für den März geplant war. Sie wird jetzt zu Teilen als Film umgesetzt. 

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Im Gegensatz zu den Privattheatern war es den landeseigenen Bühnen bis vor Kurzem gar nicht erlaubt, die Gewerke in Kurzarbeit zu schicken – jetzt wird für den Fall einer zweiten Welle verhandelt. Jeden Monat macht Shermin Langhoffs Theater im Moment notgedrungen einen sechsstelligen Betrag an Schulden. 

Ein Musical von Ersan Mondtag als Ruinen-Requiem

Also werden Inszenierungen umgedacht. Oliver Frljić Frljik wird für „Alles unter Kontrolle“ einen Plastikdarm durchs Haus legen, der als Theaterparcours begehbar ist. Und Ersan Mondtag speckt die ursprünglich als Musical geplante Produktion mit dem vielsagenden Arbeitstitel „It’s gonna get worse“ ab – zu einem Ruinen-Requiem, das sich unter anderem verfallenen Palästen widmet. In denen mischte sich bekanntlich, als Zeugnis der Gleichheit, der Staub von Sklaven und Königen.

Und sogar Zuwachs bekommt das Gorki: den „Kiosk“. Was kein Späti ist, sondern, dem osmanischen Köšk folgend, ein Gartenpavillon. Genauer: eine 250 Quadratmeter große Galerie an der Dorotheenstraße, wo in den kommenden beiden Spielzeiten der 5. Berliner Herbstsalon stattfinden wird. 

„Ein Fenster zur Welt“ werde dieser Kiosk, sagt Langhoff. Nicht zuletzt wegen der breiten gläsernen Fassade, durch die man zum Beispiel aufs Neue Museum blickt und die Inschrift liest: „Artem non odit nisi ignarus“. Nur der Unwissende verachtet die Kunst. Ein schönes Motto für die Zukunft.

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