Grisebach-Auktion : Höchster Zuschlag für Käthe Kollwitz

Bernd Schultz versteigert seine Privatsammlung und erzielt 6,35 Millionen Euro für das neue Exilmuseum. Viele Werke wurden über Schätzwert verkauft.

Angela Hohmann
Stefan Körner, Auktionator, nimmt bei der Versteigerung der Sammlung des Kunsthändlers Bernd Schultz im Auktionshaus Grisebach Angebote entgegen.
Stefan Körner, Auktionator, nimmt bei der Versteigerung der Sammlung des Kunsthändlers Bernd Schultz im Auktionshaus Grisebach...Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Sehen wollen, wo Zukunft entsteht“ ist in Farbkreide und Buntstift auf Karton auf der Zeichnung von Robert Wilson aus dem Jahr 1991 zu lesen. Eigentlich hätte es das letzte Los der insgesamt drei Auktionen sein sollen, in denen Bernd Schultz, Mitbegründer des Berliner Auktionshauses Grisebach, am Donnerstag und Freitag seine Privatsammlung mit rund 400 Zeichnungen und Druckgrafik aus fünf Jahrhunderten versteigerte. Denn die Worte stehen sinnbildlich für das, worum es Bernd Schultz dabei ging: Sich vom Alten zu trennen, um etwas Neues entstehen zu lassen. Der Erlös aus den Auktionen, die größte Versteigerung einer Sammlung von Handzeichnungen nach 1945, soll die Arbeit des geplanten Exilmuseums in den ersten sieben Jahren ermöglichen. Die Idee für das Museum hatte die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vor ein paar Jahren, und für Bernd Schultz ist sie inzwischen  zur Herzensangelegenheit geworden.

Die Auktionen hätten nicht besser laufen können. Das sieht auch Bernd Schultz so: „Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden“, äußerte er sich gleich nach den Versteigerungen. „Wir haben 6,35 Millionen Euro erzielt, der Schätzwert lag bei 5 Millionen.“ Das stimmt ihn frohgemut, denn damit ist das mit dem Verkauf seiner Privatsammlung verbundene Ziel, für Bernd Schultz erreicht: „Das ist ein sehr großer Baustein für die Zukunft des geplanten Exilmuseums, und darüber freue ich mich natürlich außerordentlich.“

Arbeiten von Rembrandt, Adolph Menzel, Edgar Dégas

Das Interesse an der Versteigerung war sehr groß, in der Abschlussbewertung spricht das Berliner Auktionshaus Grisebach von insgesamt 5.000 Besuchern. An den Telefonen liefen die Drähte heiß und im Saal knisterte es mehrfach vor Spannung, wenn sich interessierte Käufer im Wettstreit um die exquisiten Blätter überboten. Die Auktion am Donnerstag mit rund 100 Zeichnungen Alter Meister und des 19. Jahrhunderts erbrachte bereits 1,6 Millionen Euro. Darunter waren Arbeiten von Rembrandt, Adolph Menzel, Edgar Dégas und Henri de Toulouse-Lautrec. Viele Werke fanden weit über den Schätzwerten einen neuen Besitzer. Besonders die Franzosen hatten es den Interessenten angetan: Eine Caféhausszene von Toulouse-Lautrec ging für 356.250 Euro an eine Privatsammlung in Norddeutschland, die Rückenansicht eines Reiters von Degas für 118.750 Euro an eine Privatsammlung in der Schweiz (alle Preise inkl. Aufgeld).

Ein Werk von Käthe Kollwitz erhielt den höchsten Zuschlag

Am Freitag bei der Auktion der Werke Moderner und Zeitgenössischer Kunst – darunter Zeichnungen von Picasso, Edvard Munch, Max Beckmann, Ernst Wilhelm Nay, Georg Baselitz, Andy Warhol – erzielte das ikonische Blatt „Abschied“ (1910) von Käthe Kollwitz mit 437.500 Euro den höchsten Zuschlag, es wurde von einer Kölner Privatsammlung erworben. Mit den fünf Zeichnungen von Käthe Kollwitz, deren Werke in der Sammlung Bernd Schultz prominent vertreten waren, wurden allein 838.500 Euro erzielt. Das markante „Selbstbildnis“ von Oskar Kokoschka aus dem Jahr 1920 ersteigerte eine Berliner Privatsammlung für 362.500 Euro. Die zarte Bleistiftzeichnung „La Persane“ von Henri Matisse erbrachte 250.000 Euro, sie ging an eine Privatsammlung in der Schweiz. Um die winzige Collage mit Bleistift, Papier und Besenhaar „Ohne Titel (Heller Mond)“ von Hermann Glöckner aus dem Jahr 1965 entfachte sich eine regelrechte Bieterschlacht. Das ursprünglich nur auf einen Schätzwert von 4000 bis 6000 Euro taxierte Werk erzielte schließlich 55.000 Euro.

Bernd Schultz lebte mit diesen Zeichnungen

Schon sehr früh begann Bernd Schultz mit dem Sammeln von Kunst, um viele Werke ranken sich persönliche Geschichten, die man zum Teil in den Auktionskatalogen nachlesen kann. Viele der Zeichnungen hingen in seinem Büro, er lebte mit ihnen. Auch die Vorbereitung der Auktion zum Abschied von der Sammlung war eine besondere Erfahrung: „Über 250 Leute haben an der Vorbereitung mitgewirkt, viele Mitstreiter und Freunde Texte geschrieben“, erzählt Schultz. „Das waren eine Hommage an die Idee des Exilmuseums und ein besonderer Gruß an mich. Für alles bin ich sehr dankbar.“

Das Exilmuseum soll 2023 eröffnet werden

Das auf Privatinitiative angeschobene Exilmuseum, für das Schultz seine Blätter geopfert hat, soll an die rund 500.000 Menschen erinnern, die zur Zeit des Nationalsozialismus unter Druck ihr Heimatland verlassen mussten, nicht nur Künstler, auch Schriftsteller, Musiker, Filmemacher, Wissenschaftler, Intellektuelle aller Art, politische Gegner und jene Juden, die einem schlimmeren Los entrinnen konnten. Als Gründer eines Auktionshauses, das lange Zeit auf die Klassische Moderne spezialisier war, kennt Bernd Schultz die vielen Biografien der von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemten Künstler, deren Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden, die mit Malverboten belegt und ins Exil getrieben wurden. Das Museum, das auch an ihr Schicksal erinnert, soll spätestens 2023 eröffnet werden. Ein Grundstück am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg für den mit 20 bis 30 Millionen veranschlagten rund 4000 Quadratmeter großen Neubau ist schon gefunden – ein symbolischer Ort, denn für viele war der ehemalige Bahnhof der Ausgangspunkt für ihre Reise ins Exil.

Die Sammlung Bernd Schultz ist dafür in alle Winde zerstreut worden, doch Tränen vergießt der passionierte Kunstliebhaber deswegen nicht: „Je ne regrette rien, sang einst Édith Piaf, und so geht es mir auch: Ich bereue nichts. Ab jetzt heißt es nur: Auf zu neuen Ufern!“

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