Hamburgs Elbphilharmonie : Der leere Raum

Selfie mit Elbphi: ein Herbstbesuch in der Hamburger Elbphilharmonie - mit Thomas Hengelbrock und Mahlers Abschieds-Symphonie.

Auch die Stille kling hier anders: Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester am Eröffnungsabend im Januar. F
Auch die Stille kling hier anders: Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester am Eröffnungsabend im Januar. Foto: Christian Charisius/dpa

Auf der Plaza wird bald der viermillionste Besucher begrüßt: Auch zehn Monate nach ihrer Eröffnung lockt die Elbphilharmonie das Publikum weiter in Scharen an, Konzertbesucher und Hamburg-Touristen tummeln sich auf der Plattform in 37 Meter Höhe; von Empörung über die Kostenexplosion bei dem 789-Millionen-Euro-Bau ist kaum mehr die Rede. Allabendlich, wenn die Sonne sich neigt, werden Elbphi-Selfies mit Hafenkulisse in alle Welt verschickt; Hamburgs jüngstes architektonisches Wahrzeichen ist Tattoo-Trend, zu schweigen von den Schlüsselanhängern, Kaffeebechern oder Multifunktions-Verpackungen samt LED-Leuchte mit Silhouette des Baus von Herzog & de Meuron.

Den Xavier-Orkan hat die Fassade mit den raffiniert gewölbten Glaselementen gut überstanden. Nur der Kleine Saal muss eine Weile geschlossen bleiben, einzelne Kammerkonzerte werden in die Laeisz-Halle verlegt. Schuld ist nicht der Sturm, sondern ein Wasserschaden im Foyer, wegen eines Heizungslecks. Die Beseitigung des Schimmelbefalls zahlt die Versicherung, vor Jahresende soll alles saniert sein.

Jüngste Elbphi-Meldungen: Das Haus ist und bleibt ausverkauft, die Verlosung der Silvestertickets ist abgeschlossen, das Schwarzmarktproblem ungelöst. Salman Rushdie und John Le Carré traten kürzlich hier auf, Staatsopern-Generaldirektor Kent Nagano plant eine Aufführung von Messiaens Oper „François d’Assise“, denn „das Innere dieses Babelturms passt kongenial zu diesem Werk“, wie Opernintendant Georges Delnon sagt. Auch für illustre Kaufmanns-Empfänge bleibt die Philharmonie eine begehrte Location. Und die Komplett-Fensterreinigung für Philharmonie-, Hotel- und Appartementbereich, die nur gewiefte Fassadenkletterer vornehmen können, kostet übrigens 52 000 Euro.

Die hellhörige Akustik ist und bleibt schwierig

Und die Musik? Die hellhörige Akustik bleibt knifflig im Großen Saal, eine Herausforderung auch für das Hausorchester, das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Thomas Hengelbrock, Chefdirigent noch bis 2019. Bei Mahlers Neunter, die am Wochenende auf dem Programm stand, drosselt Hengelbrock in den schnelleren, mittleren Sätzen denn auch konsequent das Tempo, um das Derbe, Groteske ins Extrem zu steigen. In Fetzen gerissene Musik, eine trudelnde, sich ausbremsende und bald wieder irre kreiselnde Bewegung – der rasende Leerlauf einer an sich selbst irre werdenden Welt.

Solche Effekte machen sich weiterhin bestens im hohen Saalrund mit dem von der Decke hängenden Schallpilz und den schrundigen Höhlenwänden. Yasuhisa Toyotas viel diskutierte Akustik bringt zwar jeden einzelnen Ton zur maximalen Entfaltung, bremst ihn dann aber an den Wänden restlos aus. Das verhindert jedes freie Flottieren im Raum, jede Überraschung: Die permanente Entäußerung, die Mahlers Endzeit-Sinfonie ja schon von sich aus betreibt, hat in der Doppelung etwas Zwanghaftes. Schon der aus dem Jenseits herbeiwehende Anfang wird entzaubert, zur nüchternen Montage motivischer Versatzstücke. Und dem wütenden Getümmel, zu dem der Kopfsatz sich ausweitet, fallen die Streicher zum Opfer, sie werden von Holz- wie Blechbläsern schlicht übertönt. Vermutlich ist es irre schwer, dieses Ungleichgewicht zwischen den Instrumentengruppen immer und immer wieder auszutarieren.

Die Stille zum Schluss von Mahlers Neunter - kaum auszuhalten

Aber dann, die letzten Takte des Adagio-Finales. Gustav Mahler hat seinen Abgesang auf alles Symphonische, seine Trauer über den Tod der abendländischen Musiktradition allein den Streichern überantwortet. Ein letztes Sirren der Violinen, ein letzter Wiegeschritt der Bratschen, verlangsamt und nochmals verlangsamt, eine letzte Terz in den zweiten Geigen, allerletzte Atemzüge vor 2100 Zuhörern. Der leere Raum, es ist kaum auszuhalten. Auch die Stille tönt anders in der Elbphilharmonie.

Man trägt sie mit nach draußen, wo die Gasfackel der Raffinerie auf der anderen Seite der Elbe kurze Feuerstöße in den Nachthimmel schickt.

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