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Hightech-Grusel von Leigh Whannell : „Der Unsichtbare“ ist ein smarter Zeitgeist-Thriller

Der Film ist bei Sky im Stream zu sehen. Universal geht damit in der Coronakrise neue Wege. Die gefallen nicht jedem.

Bevor der Horror beginnt. Elisabeth Moss als Cecilia in „Der Unsichtbare“.
Bevor der Horror beginnt. Elisabeth Moss als Cecilia in „Der Unsichtbare“.Foto: Verleih

Die Wellen brechen sich an den Felsen wie an der Steilküste der berüchtigten Gefängnisinsel Alcatraz, die Gischt rinnt zu Buchstaben. Universal Pictures präsentiert. Eine atmosphärische Eröffnung für „Der Unsichtbare“, dem zweiten Reboot der klassischen Universal-Monster um Dracula, Frankenstein, die Mumie & Co.

Doch das Gothic-Zitat erweist sich als Finte, Regisseur Leigh Whannell hat aus H.G. Wells' Geschichte einen effizienten Hightech-Thriller gemacht, cleverer und „wachsamer“ für soziale Machtdynamiken als vor 20 Jahren Paul Verhoeven mit „Hollow Man“.

Das Anwesen vor San Francisco ist tatsächlich eine Hightech-Festung. Nachts liegt Cecilia (Elisabeth Moss) in hellwacher Panik neben ihrem Freund Adam (Oliver Jackson-Cohen). Geschmeidig windet sie sich aus seiner Umarmung und schleicht sich aus dem mit Überwachungstechnologie vollgestopften Haus.

Die mitleidigen Abschiedsworte für Adams Hund, der ihr in die Garage folgt, lassen keine Zweifel, dass mit dem Herrchen etwas nicht stimmt. Spätestens als Adam Cecilia an der Einfahrt einholt und das Seitenfenster des Fluchtautos ihrer Schwester Emily (Harriet Dyer) mit bloßer Faust zertrümmert, stellt sich Gewissheit ein: Cecilia ist gerade einem Soziopathen entkommen.

Die zehnminütige Eröffnungssequenz von „Der Unsichtbare“ entwickelt eine bravouröse Spannungskurve. Cecilia ist das final girl, noch bevor der Horror begonnen hat: Zwei Wochen nach ihrer Flucht begeht Adam Selbstmord.

Seiner Ex hinterlässt er einen Teil seines Vermögens, das der Tech-Entrepreneur in der optischen Industrie gemacht hat. Aber schon bald spürt Cecilia, dass Adam sie nicht loslässt. Und er hat sie mit mehr in der Gewalt als bloß mit seinem Geld.

Der Topos des „Unsichtbaren“ ist ein klassischer Fall von toxischer Männlichkeit, die bis auf Platons Gyges-Mythos zurückgeht. Unsichtbarkeit und Größenwahn gehen seit über 2000 Jahren Hand in Hand. Bei Welles ging es auch um das Verhältnis von Wissenschaft und Moral, erst Verhoeven packte den Mythos wieder bei seinen Wurzeln und erzählte das Selbstexperiment als Vergewaltigungsfantasie.

Hier knüpft Whannell an, der auch das Drehbuch geschrieben hat; er lässt aber keinen Zweifel, dass der männliche Blick immer schon problematisch ist. Nie kann man sich in „Der Unsichtbare“ sicher sein, ob sich hinter einer Kamerabewegung oder einer schiefen Einstellung nicht die subjektive Perspektive des Jägers verbirgt.

Das ist umso wirkungsvoller, weil das Publikum, lange bevor dessen Atem aus dem Nichts kondensiert, weiß, dass Cecilia nicht allein ist.

„Der Unsichtbare“ ist sicher kein MeToo-Horrorfilm. Aber Whannell ist woke genug, um mit der Figur des unsichtbaren Stalkers ein Statement zu setzen. Adam weiß, dass Missbrauchsvorwürfe einer Frau selten ernst genommen werden. So gelingt es ihm, Cecilia mit manipulativen Interventionen in ihrer Familie und im Freundeskreis immer weiter zu isolieren. Die Mahnerin wird schließlich für verrückt erklärt.

Hang zum Sadismus

Produzent Jason Blum hat mit seinem Blumhouse Studio („Get Out“, gerade „The Hunt“) einen satirischen Ton zurück ins Horrorkino gebracht. Man merkt „Der Unsichtbare“ aber auch an, dass Whannells Anfänge bis zur Torture-Porn-Reihe „Saw“ reichen, ein Hang zum Sadismus zeigt sich in der reibungslosen Suspense-Mechanik.

Nur dass Elisabeth Moss dem taxierenden männlichen Blick eine furiose körperliche und psychische Robustheit entgegenhält. Einmal schneidet sich Cecilia die Pulsadern auf, nur um ihren Peiniger aus der Reserve zu locken.

Seit einer Woche kann man sich „Der Unsichtbare“ auf Sky ausleihen. In den USA musste Universal Kritik dafür einstecken, dass es seine Filme aufgrund der Coronakrise nach nur wenigen Wochen zum Streaming zur Verfügung stellt; in den deutschen Kinos lief „Der Unsichtbare“ Ende Februar an.

Von einem wirtschaftlichen Standpunkt ist die Entscheidung nachvollziehbar, inzwischen beträgt der Verwertungszyklus eines Kinofilms nur noch vier bis sechs Wochen. Auch ohne Covid-19 hatte „Der Unsichtbare“ sein kommerzielles Potential im Kino erschöpft. Das Signal an die Branche ist dennoch fatal.

Als erstes Studio kündigt Universal den Kinos die Solidarität auf. Während in Deutschland Arthouse-Verleiher wie Grandfilm und Eksystent Kinobetreibern Beteiligungen an Streamingeinnahmen versprechen, müssen Filmfans für „Der Unsichtbare“ eine stolze Leihgebühr von 17,99 € zahlen.

Billiger als zwei Kinokarten – aber kaum konkurrenzfähig zu den Abos der Streaminganbieter. Universal zeigt mit dieser Preispolitik entweder, dass sie den Streamingmarkt nicht verstanden haben. Oder andere Studios ziehen nach. Das befürchtet Blum.

Sollten die großen Kinoketten sterben, hätten die Studios ein Problem

„Es ist unrealistisch“, sagte er Mitte März, „dass die Studios ihre Filme vier Monate zurückhalten. Sie konkurrieren mit Netflix, Amazon und Apple. Die Filmindustrie wird nach dem Coronavirus anders aussehen.“ Ab 23. April bietet Universal den Animationsfilm „Trolls World Tour“ als Streaming-Weltpremiere an; dieser Schritt galt in Hollywood bislang als Tabu.

Die Filmindustrie kann es sich gerade jetzt nicht leisten, die Kinos als Partner zu verlieren. Sollten die großen Kinoketten diese Krise nicht überstehen, hätten auch die Studios ein Problem.

Whannells Film tangiert das nur peripher. Konzipiert war „Der Unsichtbare“ als Teil des Universal-Monster-Franchises „Dark Universe“, das Projekt wurde nach dem Fiasko mit Tom Cruises „Die Mumie“ schnell wieder einkassiert. Er bleibt nun ein Einzelgänger, ein kleiner, smarter Zeitgeist-Thriller.

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Sorgen machen müssen sich vorerst andere, Disney etwa. Ende April sollte Scarlett Johansson mit „Black Widow“ den neuen Marvel-Zyklus eröffnen, der Start ist bis auf weiteres verschoben. Disney, das seine Marvel-Filme auf Jahre hinaus durchtaktet, dürfte der Ausfall teuer zu stehen kommen, Superheldenfilme sind ein Milliarden-Geschäft. Die Nervosität in Hollywood steigt.

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