Ingrid Wiener in der Galerie Barbara Wien : Kunst ist, wenn man's trotzdem macht

Die legendäre Köchin Ingrid Wiener, einst Chefin des "Exil", ist mit ihren Wandteppichen wieder zur Kunst zurückgekehrt.

Dorothea Zwirner
Selbstgespräch. Im Wandteppich "Jacquardverbindung" gibt Ingrid Wiener eine typische Webtechnik wieder.
Selbstgespräch. Im Wandteppich "Jacquardverbindung" gibt Ingrid Wiener eine typische Webtechnik wieder.Foto: Galerie Barbara Wien

„Kunst ist wenn man’s trotzdem macht ...“ So steht es auf einem mehrteiligen Gobelin, den die österreichische Künstlerin Ingrid Wiener in der Galerie Barbara Wien zusammen mit weiteren Gobelins und einer raumfüllenden Installation ausstellt. In kleinen Buchstaben auf grau-braunem Fond, der von Wort zu Wort immer heller und freundlicher wird, bis er in herbstgoldenen Farben leuchtet, formt sich der Satz zum Motto ihrer Kunst und ihres Lebens.

Er klingt auch nach einer gehörigen Portion Eigensinn, Durchhaltevermögen und Humor, ausgerechnet im traditionellen Handwerk des Webens etwas derartig Neues zu wagen. Als wollte sie der Banalität des Alltäglichen ihre Einzigartigkeit und Würde zurückgeben, verwebt Wiener die Erinnerungsfäden alltäglichster Motive in monatelanger Arbeit zu Wandteppichen. Ein Schneidebrett mit Salatbesteck, ein stilllebenhafter Sitzplatz mit Kaffeetasse und Zigarettenschachtel, ein Fahrplan nach Wien – solche Motive verbinden sich zu Momentaufnahmen und Bruchstücken einer bewegten Lebensgeschichte, der gegenüber das Weben wie eine Beruhigung oder ein Exerzitium erscheint, um die Härte und Banalität des Alltags auszuhalten.

Für das Weben hatte sich die gebürtige Ingrid Schuppan bereits an der Kunstgewerbeschule in Wien entschieden, wo sie sich mit Waltraud Höllinger, der späteren Medien- und Performancekünstlerin Valie Export, anfreundete. Die beiden Frauen produzierten zunächst Gobelins nach Entwürfen von Friedensreich Hundertwasser, bis ihnen die Begegnung mit Dieter Roth einen Geistesverwandten bescherte, mit dem sie das traditionelle Kunsthandwerk auf den Kopf stellten.

Schuppan, diese ausgesprochen attraktive, freigeistige und lebenshungrige Frau, gehörte schon in den 1950er Jahren zur Wiener Gruppe der Dichter um Friedrich Achleitner und H. C. Artmann, schließlich heiratete sie den Schriftsteller und Kybernetiker Oswald Wiener. 1968 ging sie mit Oswald Wiener nach Berlin, um neu anzufangen. Hier gründete sie mit ihrem Freund und Landsmann Michel Würthle das legendäre Künstlerlokal „Exil“, wo hinging, wer die österreichische Küche schätzte. Die übernahm nämlich Ingrid Wiener mit derselben zupackenden Energie, Lässigkeit und Fantasie, die auch in ihrer Kunst steckt.

In der kulinarischen Wüste Berlins war ihre Küche eine Oase, in der auch ihre Stieftochter aus erster Ehe von Oswald Wiener, die Fernsehköchin Sarah Wiener, auf den Geschmack kam. Nach 16 erfolgreichen und turbulenten Jahren war es 1984 abermals Zeit für einen Neuanfang, der sie diesmal in eine der entlegensten Weltgegenden brachte, in die alte Goldgräberstadt Dawson im Nordwesten Kanadas. Auch hier betrieb Wiener mit ihrem Mann bald wieder ein Restaurant und ein kleines Hotel, fand aber auch endlich mehr Zeit zum Weben.

In ihren Teppichen verknüpft Ingrid Wiener Kunst und Leben

In der großen Installation „Norden“ (2010–2012), die aus einem zwölfteiligen Gobelin, den dazugehörigen fotografischen Vorbildern, bearbeiteten Webvorlagen und einem abgetragenen Lederhemd mit Fransen besteht, sind die abenteuerlich-romantischen Erinnerungen an diese Lebensphase im hohen Nordens verwoben. Das Originalhemd des Polarforschers Lincoln Ellsworth, der mit Roald Amundsen als Erster den Nordpol überflog, hängt mit ausgebreiteten Ärmeln wie zum Fliegen bereit an der einen Wand gegenüber dem nachgewebten Hemd, welches das Zentrum des großen Gobelins bildet. Um die menschliche Silhouette des Hemdes herum gruppieren sich die verschiedenen Etappen und Elemente, Landkarten und Landschaften der Zeit in Yukon, die sich auf verblüffende Art mit denen des Polarforschers gekreuzt haben.

[Galerie Barbara Wien, Schöneberger Ufer 65; bis 16. November, Di–Fr 13–18 Uhr, Sa 12–18 Uhr]

In all den sorgfältig aufbewahrten Vorlagen und Arbeitsschritten kann man förmlich nachvollziehen, wie Ingrid Wiener die abenteuerliche und die banale Seite des Lebens miteinander verknüpft, um Kunst und Leben zu einer Lebenskunst zu verweben.

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