• Intendant der Volksbühne gibt auf: Peymann: Nicht Dercon ist verantwortlich, sondern die Politik
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Intendant der Volksbühne gibt auf : Peymann: Nicht Dercon ist verantwortlich, sondern die Politik

Der umstrittene Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, tritt zurück. Für Theatermacher Peymann ist die "erwartete Katastrophe" eingetreten.

Ein Aufkleber vor der Berliner Volksbühne
Ein Aufkleber vor der Berliner VolksbühneFoto: dpa/Paul Zinken

Chris Dercon wird sein Amt als Intendant der Volksbühne niederlegen. Über entsprechende Pläne des Nachfolgers von Frank Castorf berichtete zuerst der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) am Freitag.

Der Berliner Senat bestätigte die Meldung. Demnach einigten sich Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) und Chris Dercon einvernehmlich darauf, die Intendanz mit sofortiger Wirkung zu beenden. Sein Konzept sei nicht wie erhofft aufgegangen, hieß es in einer Erklärung. Lederer betonte, dass die persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt gegen Dercon inakzeptabel gewesen seien. "Solche Formen der Auseinandersetzung sind unwürdig und entbehren jeder Kultur", so der Kultursenator.

Theatermacher Claus Peymann (80) machte die Politik verantwortlich für das Scheitern von Dercon an der Berliner Volksbühne. "Die erwartete Katastrophe ist also eingetreten", so der Ex-Intendant des Berliner Ensembles in einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Erklärung.

Peymann macht Wowereit und Müller verantwortlich

"Vor zwei Jahren habe ich davor gewarnt, dass die Schauspielkunst und das Ensemble an der Volksbühne gekillt werden und stattdessen eine weitere "Eventbude" in Berlin etabliert wird.“

Verantwortlich sei allerdings nicht "der gänzlich überforderte, nette Herr Dercon (Überforderung ist schließlich kein persönliches Vergehen), sondern die Politik, in allererster Linie der damalige Regierende Bürgermeister Berlins und Kultursenator Klaus Wowereit und sein Nachfolger im Amt Michael Müller".

Aufkleber mit der Aufschrift "Tschüss Chris" in Berlin
Aufkleber mit der Aufschrift "Tschüss Chris" in BerlinFoto: dpa/Paul Zinken

Peymann weiter: "Die Zerstörung der Volksbühne ist im kulturellen Bereich das gleiche Fiasko wie die nicht enden wollende Tragikomödie mit dem BER. Warum eigentlich knöpft man sich nicht diese beiden Herren vor und lässt sie für die Schulden aufkommen, die in der zahlungsunfähigen Volksbühne jetzt entstanden sind? Über den damaligen Staatssekretär für Kultur Tim Renner möchte ich kein Wort verlieren, denn jedes Wort wäre schon ein Wort zu viel."

Chris Dercon war von Anfang an umstritten

Der belgische Kurator Dercon wurde 2015 als Nachfolger von Frank Castorf vom damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner berufen und galt von Anfang an als umstritten. Kritiker befürchteten, dass das Theater unter seiner Leitung seinen Charakter verlieren würde. Bereits bei seinem Antritt im September kam es zum Eklat: Aktivisten besetzten die Volksbühne und behinderten die Proben. Das Theater musste nach Tagen von der Polizei geräumt werden.

Erste Produktionen konnten die Befürchtungen nicht entkräften. Zuletzt sprach sich die langjährige Volksbühnen-Schauspielerin Sophie Rois gegen den neuen Chef aus und verließ das Theater nach 25 Jahren

Castorf leitete das Haus seit 1992. Dercon war zuletzt Direktor des Londoner Museums Tate Modern. Die Geschäfte des Intendanten übernimmt bis auf Weiteres Klaus Dörr, der designierte Geschäftsführer der Volksbühne.

Der Deutsche Kulturrat bedauerte den Rücktritt. Nicht Dercon habe versagt, sondern die Politik, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, am Freitag in Berlin.

Der vom damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) angestrebte Politikwechsel an der Berliner Volksbühne habe nicht funktioniert. Daran sei aber nicht Dercon schuld. Renner habe eine modernere Volksbühne mit Festivalcharakter im Sinn gehabt: "Für diese Idee war Dercon die richtige Person", sagte Zimmermann weiter.

Aber offenbar sei die Volksbühne für diesen Wechsel nicht das richtige Theater gewesen. Er hoffe, so der Geschäftsführer des Kulturrates weiter, dass Lederer einen geeigneten Nachfolger im Blick habe.

Wohin wird es jetzt für ihn gehen? Der belgische Kurator verlässt die Volksbühne.
Wohin wird es jetzt für ihn gehen? Der belgische Kurator Chris Dercon, 60, verlässt die Volksbühne.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Der kulturpolitische Sprecher der Berliner Grünen, Daniel Wesener, sagte: "Am Ende war der Druck zu groß." Der Neustart werde nicht einfach. "Umso mehr wünschen wir uns eine Findungskommission, um die Dercon-Nachfolge zu bestimmen. Gerade der Fall Volksbühne zeigt, dass einsame politische Entscheidungen bei der Intendanten-Besetzung nicht mehr zeitgemäß sind."

Florian Kluckert, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, erklärte, der "bedauerliche Rücktritt Chris Dercons" sei ein großer Imageschaden für den Kulturstandort Berlin. (dpa/epd)

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