• Interview Elizabeth Acevedo: "Nicht alles, was man schreibt, muss man mit anderen teilen"

Interview Elizabeth Acevedo : "Nicht alles, was man schreibt, muss man mit anderen teilen"

Elizabeth Acevedo, die Eröffnungsrednerin des Kinder- und Jugendbuchprogramms beim Berliner Literaturfestival, über die Notwendigkeit zu träumen.

Jean Dumler
Dichterin und Kinderbuchautorin. Elizabeth Acevedo.
Dichterin und Kinderbuchautorin. Elizabeth Acevedo.Foto: Stephanie Ifendu

Elizabeth Acevedo, Slammerin und Autorin des Romans „Poet X“, lässt kein wichtiges Thema aus: Minderheiten, Klimakrise, die Liebe zur Literatur und ihre New Yorker Jugend als Tochter dominikanischer Einwanderer. Bei der Eröffnungsrede zum Kinder- und Jugendbuchprogramm des 19. Internationalen Literaturfestival Berlin im HAU reißt die Lyrikerin und Kinderbuchautorin ihr junges Publikum mit. Sie ermuntert die Kinder und Jugendlichen, Tagebuch zu führen. Ihr Debütroman ist in Versen geschrieben. Acevedo erzählt darin aus dem Leben der 15-jährigen Xiomara aus Harlem, die sich mit Lyrik von ihrem christlichen Elternhaus emanzipiert.

[Elizabeth Acevedo: Poet X. Roman. Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2019. 352 Seiten, 15 €.]

Sie haben bei ihrer Eröffnungsrede zum Träumen aufgerufen: „Dream bigger!“ Wie stellt man das an?

Man muss begreifen, dass große Träumer nicht anders aussehen und reden als man selbst und von derselben Minderheit stammen könnten.

Sie schreiben aber auch, dass Goldfische sich nur so weit entwickeln können, wie es die Größe ihres Glases zulässt.

Ich habe oft gehört, dass ein Goldfisch nur so groß werden kann, wie es die Größe seines Glases zulässt. Besonders in den Vereinigten Staaten wird von People of Colour oft verlangt, dass sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen sollen. Aber wie soll das gehen? Menschen werden in Gläser so groß wie Teetassen hineingesteckt, und dann sollen sie von allein in den Ozean springen?

In Ihrem Debütroman „Poet X“ schreiben Sie über verschiedene Minderheiten in der Gesellschaft, von Queers bis zu People of Colour.

Vor allem Kinder- und Jugendbuchliteratur sollte das wirkliche Leben widerspiegeln. Mit diversen Büchern fühlen sich nicht nur diejenigen angesprochen, die selber aus diversen Verhältnissen stammen. Man bietet so die Möglichkeit, dass Kinder sich früh mit dem Leben anderer Menschen befassen und ihren Horizont erweitern.

Haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem Minderheiten in ihren Texten zu repräsentieren?

Ich sehe es als meine Verantwortung, über die jungen Menschen, die ich kenne, zu schreiben, ob über People of Colour, Menschen mit allen Arten von sexueller Orientierung oder junge Frauen. Ich will über sie informieren, sie aber auch unterhalten und sie wissen lassen, dass sie geliebt werden und willkommen sind. 

Die Hauptperson Xiomara in „Poet X“ begreift, dass sie sich mit Worten wehren kann. Wie wichtig ist die Macht der Literatur in einer Zeit, in der die Gesellschaft sich immer weiter polarisiert?

Das ist eine interessante Frage, weil ich beim Schreiben nicht daran nachgedacht habe, dass Xiomara womöglich in gewalttätige Situationen mit fremdenfeindlichen Menschen verwickelt würde. Es ging eher darum, dass sie sich in der Auseinandersetzung mit ihrer christlichen Mutter mit der Waffe der Sprache wehren kann und nicht schweigend ihren Körper in Gefahr bringen muss. Ich habe nicht daran gedacht, dass in diesem Zitat ein Ansatz von Pazifismus enthalten ist.

Das heißt, es geht Ihnen nicht um Pazifismus?

Seine Rechte mit der Sprache einzufordern, sollte immer der erste Schritt sein. Es gibt aber Zeiten, in denen wir unsere Stifte zur Seite legen und für unsere Rechte auf die Straße gehen müssen. Ich denke, dass das Kämpfen mit Worten zwar wichtig ist, um ignorante und menschenverachtende Regierungen zu destabilisieren. Das kann aber nicht das einzige Mittel bleiben. Wir sollten zunächst versuchen, die Haltung der Überlegenheit zu beseitigen, aus der heraus politische Handlungen ohne die Zustimmung der Bevölkerung gemacht werden. Macht und Mitbestimmung werden leider nur selten freiwillig abgegeben.

 Was würden Sie jungen Autoren und Autorinnen raten?

Sie sollten auf jeden Fall ein breites Spektrum an Literatur lesen. Selbst wenn sie der Meinung sind, dass sie keine Literatur mögen, sondern nur Rap und Spoken Word, müssen sie sich im Klaren sein, dass auch ihre Lieblingsmusiker möglicherweise von einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin beeinflusst wurden. Wenn sie also breit und divers lesen, können sie besser nachvollziehen, wie sich die Herangehensweise zu ähnlichen Themen mit der Zeit verändert hat. Es wird selten etwas Neues gesagt. Das Einzige, was sich verändert, ist, wie wir es ausdrücken.

Wie sollte man an das Schreiben herangehen?

Nicht alles, was man schreibt, muss man mit anderen teilen. Manchmal hilft das, was man schreibt, dabei herauszufinden, welches Thema einen gerade beschäftigt und über was man eigentlich schreiben will.

Das heißt, es braucht Geduld.

Wir denken oft, dass der erste Entwurf nicht gut ist, oder? Wir verzweifeln und werfen uns vor, dass das Gedicht schlecht ist oder sogar, dass wir selber schlechte Autoren sind. Man muss tapfer und ehrlich zu sich selbst sein und einsehen, dass Texte immer mehrere Male überarbeitet werden müssen. Der Inhalt und die Botschaft eines Gedichtes kommen meistens erst nach mehreren Arbeitsdurchgängen zum Vorschein.

 

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