• Interview mit Aki Takase,Alexander von Schlippenbach und Silke Eberhard: „Der Jazz ist unverwüstlich“
Interview mit Aki Takase,Alexander von Schlippenbach und Silke Eberhard : „Der Jazz ist unverwüstlich“

Das Berliner Jazzfest wird 50. Ein Gespräch mit Silke Eberhard, Alexander von Schlippenbach und Aki Takase über den legendären Musiker Eric Dolphy.

Tobias Lehmkuhl
Silke Eberhard.
Silke Eberhard.Foto: Manuel Miethe

Wann waren Sie zum ersten Mal zum Jazzfest eingeladen, Frau Takase?

AKI TAKASE: Das war 1981. Damals haben mich George Gruntz und Horst Weber eingeladen. Das war überhaupt mein erster Besuch in Berlin. Das Festival hat in der Philharmonie stattgefunden. Das war wunderschön, sehr aufregend, aber sehr kalt auch, im November. Wir flogen damals von Tokio aus über Moskau nach Ost-Berlin. Da mussten wir dann diesen Bus nehmen.

A. v. SCHLIPPENBACH: Das war der berühmte Interzonenbus.

War das Berliner Jazzfest eine Institution, die man auch in Japan kannte?

AKI TAKASE: Das Jazzfest war und ist wahnsinnig bekannt in Japan. In Deutschland ist es für Japaner das wichtigste. Da traten schließlich alle Berühmtheiten auf, Ella Fitzgerald, Miles Davis –

A. v. SCHLIPPENBACH: Fast nur schnelle Stücke hat der damals gespielt!

AKI TAKASE: Aber nicht nur Mainstream-Musiker kamen, auch Sun Ra, oder?

A. v. SCHLIPPENBACH: Und Globe Unity!

Mit dem Globe Unity Orchestra haben Sie 1966 den Free Jazz zum ersten Mal ins Big-Band-Format überführt – wie waren da die Reaktionen?

A. v. SCHLIPPENACH: Die waren sehr unterschiedlich und kontrovers und zum Teil auch sehr lustig. Da hieß es in der Boulevardpresse: „Männer-Ulk in der Philharmonie“ oder „Hexenkessel. Peter Brötzmann gibt den Leibhaftigen“. Vorher war Boris Blacher mit einem Streichquartett aufgetreten. Eigentlich sollte ich etwas für Streichquartett komponieren. Aber ich habe den damaligen Leiter des Jazzfests, Joachim-Ernst Berendt überredet, diese große Gruppe zu nehmen. Nach uns kam dann Albert Ayler, das war ein ziemlich spektakulärer Auftritt fürs Globe Unity Orchestra.

AKI TAKASE: Hast du eigentlich Eric Dolphy einmal gesehen?

A. v. SCHLIPPENBACH: Ja, sicher, damals in Wuppertal. Da gab er ein Konzert mit Charles Mingus. Nachher sind wir noch mit denen in die Kneipe. Eric Dolphy war schon nicht mehr so gut beieinander, der saß die ganze Zeit abseits im Stuhl und hat so halb geschlafen.

SILKE EBERHARD: Das muss im April 1964 gewesen sein, oder?

Eric Dolphy starb in Berlin an einer unerkannten Diabetes, genau vor fünfzig Jahren, im Jahr des ersten Jazzfests. Sie haben ihm im Jubiläumsjahr jeweils ein Projekt gewidmet, mit denen Sie auch auf dem diesjährigen Jazzfest vertreten sind. War das abgesprochen?

SILKE EBERHARD: Ganz und gar nicht!

A. v. SCHLIPPENBACH: Der Unterschied liegt, neben der Handschrift der Arrangeure, vor allem in der Besetzung. Ihr spielt doch nur mit Bläsern, oder?

SILKE EBERHARD: Ja, Bläser und Elektronik.

A. v. SCHLIPPENACH: Bei uns ist es die klassische Rhythmusgruppe plus sechs Bläser.

Wie kamen Sie, Frau Eberhard, denn zu Dolphy, warum heute Dolphy?

SILKE EBERHARD: Ich habe schon ganz früh angefangen, Dolphy zu hören. Das kam durch mein Instrument, das Altsaxofon. Da habe ich erst Charlie Parker gehört und dann gleich Eric Dolphy. Er hat mir dann eine ganz neue Welt eröffnet, vom Bebop raus in freie Gefilde. Ohne dass er Free Jazz im engeren Sinne gespielt hätte. Über die Jahre habe ich mich immer wieder mit ihm beschäftigt. Daraus entwickelte sich erst „Potsa Lotsa“, das Bläserquartett, mit dem ich seine „Gesammelten Werke“ eingespielt habe.

Aber da gab es dann noch den Mythos der „Love Suite“ …

SILKE EBERHARD: Genau. Dolphy hat in seiner Zeit in Paris diese „Love Suite“ geschrieben. Sie sollte bei seiner Hochzeit aufgeführt werden, die dann ja nicht mehr stattgefunden hat, weil er vorher gestorben ist. Kollegen berichteten immer von einem Streichquartett. Aber es gab kein Klangbeispiel. Über Umwege bin ich dann an eine Kopie der Originalpartitur gekommen. Da bin ich fast umgefallen, so schön war die Musik. Das Ganze entpuppte sich dann nicht als Streichquartett, sondern als Holzbläserquintett.

Alexander von Schlippenbach und Aki Takase bei ihrem Eric Dolphy gewidmeten Projekt im RBB-Sendessal.
Alexander von Schlippenbach und Aki Takase bei ihrem Eric Dolphy gewidmeten Projekt im RBB-Sendessal.Foto: Kulturradio/ Gregor Baron

Und wie sind sie dann mit dem Material, das so fragmentarisch ist, umgegangen?

SILKE EBERHARD: Da war die Frage – spielt man das eins zu eins nach oder wirft man einen eigenen zeitgenössischen Blick darauf. Dafür habe ich mich dann entschieden.

A. v. SCHLIPPENBACH: Dolphy war ja ein unheimlich innovativer Musiker. Er hat die Brücke geschlagen zwischen Bebop und Free Jazz. Deswegen ist er auch heute noch so interessant.

AKI TAKASE: Er hatte auch eine aberwitzige Technik.

SILKE EBERHARD: Ja, er hat als Erster diese hohen Intervallsprünge angewendet. Und er hat auch die Bassklarinette in den Jazz eingeführt.

Sie alle drei haben sich nicht nur Eric Dolphy gewidmet, auch, in unterschiedlichen Kombinationen, Thelonious Monk, Fats Waller oder Ornette Coleman. Worin liegt der Reiz dieser Erinnerungsprojekte?

A. v. SCHLIPPENBACH: Wir verehren sie, und inzwischen liegen die ganzen Sachen auch gedruckt vor. Und da es erstklassige Musik ist, kann man sie immer wieder bearbeiten. Das haben die klassischen Musiker vorgemacht. Schönberg hat Bach bearbeitet. Musik kommt von Musik.

SILKE EBERHARD: Oder eben Eric Dolphy, der „God Bless the Child“ bearbeitet hat.

Hat das Jazzfest heute noch den Stellenwert, den es früher hatte? Es gibt ja inzwischen mit dem Jazzfest in Moers oder Jazzbaltika sehr viel Konkurrenz.

A. v. SCHLIPPENACH: Ich glaube, es ist nach wie vor die Nummer 1. Es hat diese lange Geschichte. Außerdem wird es auch von der internationalen Presse wahrgenommen. Aber natürlich steht und fällt alles auch mit dem künstlerischen Leiter. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Nils Landgren kümmert sich Bert Noglik zum Beispiel auch um den progressiven Jazz.

Hoffen wir mal, dass das auch mit dem neuen Leiter, dem britischen Journalisten Richard Williams im nächsten Jahr so bleibt, gerade weil es das Total Music Meeting ja nicht mehr gibt.

A. v. SCHLIPPENBACH: Bevor es vor fünf Jahren eingestellt wurde, galt es ja als Anti-Festival, es war aber vielmehr eine Art Ergänzungsfestival, wo in erster Linie der neue, europäische Jazz präsentiert wurde.

Wie sehen Sie die Lage des Jazz heute?

A. v. SCHLIPPENBACH: An der Basis sieht es gut aus. Es gibt eine Menge junger Adepten, die sich bemühen, so viel wie möglich zu spielen. Außerdem gibt es eine ganze Reihe kleinerer Spielstätten, bei denen jeden Abend was los ist. Die offizielle Seite dümpelt da so ein bisschen nach. Wir haben kaum Möglichkeiten, im Rundfunk etwas zu produzieren, leider. Aber Jazz ist sowieso unverwüstlich. Er geht durch alle Stile durch und transformiert sich. Um die Zukunft brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.

AKI TAKASE: Zum Glück wohnen wir in Berlin. Da gibt es viele Möglichkeiten. Man kann immer wieder neue Dinge mit neuen Leuten ausprobieren. Das ist immer frisch und interessant. Das gibt es in keiner anderen Stadt.

SILKE EBERHARD: Ja, die Stadt ist ein Magnet. Um einen kleinen Gig in irgendeinem kleinen Laden zu spielen, kommen sie aus New York.

Das Interview führte Tobias Lehmkuhl.

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