Israel im Berlinale-Panorama : Meine Tochter und ich

Von Tel Aviv zum Toten Meer: Zwei Panorama-Beiträge aus Israel befassen sich mit Konflikten im familiär-sozialen Umfeld.

Menashe Noy und Zohar Meidan in "The Day after I'm gone".
Menashe Noy und Zohar Meidan in "The Day after I'm gone".Foto: Berlinale

Nicht nur im Islam werden traditionelle Werte geschätzt. Auch in Israel ist der Gebärdruck für Frauen hoch. Für Männer offenbar auch. Als es mit dem erhofften eigenen Nachwuchs wieder einmal nicht geklappt hat, tröstet Ehemann Rashi erst seine Frau. Doch dann reagiert sich der bullige und dünnhäutige Polizist fast zwanghaft an anderen ab – und zwingt einige harmlose Schüler im Park, auf der Wache die Hosen runterzulassen. Es folgen eine Anzeige wegen sexueller Belästigung, Wohnungsdurchsuchung und Suspendierung vom Dienst.

Das klingt wie ein Albtraum, ist es auch, zweifach. Denn nicht nur Rashi reagiert bald, wenig überraschend, gewalttätig auch gegenüber Ehefrau und der aufmüpfigen 13-jährigen Stieftochter. Auch die Inszenierung folgt einer ähnlichen Brachialdramatik. Regisseur Yaron Shani ist stolz auf seine Schauspielführung, bei der er die Laiendarsteller durch eine Art übersteigertes Method Acting und monatelanges Drehen unter emotionalem Druck zu expressiver Höchstleistung treibt. Mit Kinokunst hat das Ergebnis aber so wenig zu tun wie Dschungel-Ekel mit feiner Küche. Man sieht drastisch, wie die Fixierung auf Authentizität und Immersion letztlich zur Verdoppelung der zu Recht angeklagten Verhältnisse in der naturalistischen Inszenierung führt. So erscheint diese ZDF/Arte-Koproduktion im Durchlaufen der Eskalationsstufen patriarchaler Gewalt wie ein therapeutisches Rollenspiel und bleibt ästhetisch blass. „Chained“ ist zweiter Teil einer geplanten Trilogie zum Thema Liebe, von der hier wenig zu sehen ist.

Verwitweter Vater mit post-pubertärer Tochter

Anders ein weiterer Spielfilm aus Israel, der auch von Konflikten im familiär-sozialen Umfeld handelt. Hier ist es ein kürzlich verwitweter Vater mit einer Tochter im post- pubertären Alter. Er ist Tierarzt in einem Safari Park bei Tel Aviv (zugegeben ein attraktiverer Filmberuf als Polizist), sodass in einer der ersten Szenen ein verletzter Leopard in den OP-Saal getragen wird. Bald wird es die eigene Tochter sein. Denn auch in „The Day After I’m Gone“ scheint das staatliche Personal erst mal übergriffig, wenn Sanitäter und Polizei nach einer Suizid-Ankündigung vor der Tür stehen.

Tatsächlich aber kann Tochter Roni nur dank dieses fast gewaltsamen Eindringens in die Privatsphäre gerettet werden. Und auch wenn Vater Yoram seine Tochter mit einer Lüge zur mütterlichen Verwandtschaft ans Tote Meer lockt, ist das (neben einem Drehbuch- Trick für eine schöne Reise) ein höchst ambivalentes Heilmittel für das entfremdete Verhältnis. Regisseur Nimrod Eldar erzählt in seinem Debütspielfilm von prekären Verhältnissen in klaren Einstellungen und zurückgenommenem, oft humorvollem Ton, der beim Groß-Familientreffen fast satirische Züge annimmt. Am Ende wird Roni es erst mal schaffen. Und sitzt auf dem Sofa vor einer in Israel populären Show namens „Survivor“, während der Vater auf dem Balkon über der bunten Kulisse der Stadt eine raucht.

„Chained“ 14.2., 19.30 Uhr (International), 17.2., 21.30 Uhr (Zoo Palast 1); „The Day After I’m Gone“, 13.2., 22 Uhr (Colosseum 1)

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