Johann Karl Wezel : Spätaufklärer, Spottaufklärer

Johann Karl Wezel blieb stets eine Randfigur der "Goethe-Zeit". Dabei schrieb der Sonderhausener Sonderling aberwitzige Satiren. Nun wird er mit „Herrmann und Ulrike“ wiederentdeckt.

Tobias Schwartz
Ruhestätte eines unruhigen Geists. Die Wezel-Stele auf dem Gottesacker in Sondershausen.
Ruhestätte eines unruhigen Geists. Die Wezel-Stele auf dem Gottesacker in Sondershausen.Foto: literaturland-thueringen.de

So richtig will es mit einer Wiederentdeckung Johann Karl Wezels nicht klappen. Dabei gab es genügend Versuche, den Sondershausener Sonderling und seine aberwitzigen Texte wie „Tobias Knaut“, „Kakerlak“ und auch den „Robinson Krusoe“, eine eigenwillige Bearbeitung von Daniel Defoes unverwüstlichem Roman, wieder auszugraben. Jetzt, nach dem 200. Todestag Wezels im vergangenen Januar, der weitgehend unbemerkt verstrich, ist es erneut so weit.

In der Anderen Bibliothek erscheint in zwei vom Galiani-Verleger Wolfgang Hörner herausgegebenen und kenntnisreich benachworteten Bänden der umfangreiche Roman „Herrmann und Ulrike“ (1780), das Opus Magnum des Dichters, Übersetzers und Pädagogen, das die tragikomische Liebesgeschichte der beiden Titelfiguren erzählt. Christoph Martin Wieland zufolge, dem Zeitgenossen und zeitweiligen Förderer Wezels, war es „der beste deutsche Roman, der mir jemals vor Augen gekommen“.

Genützt hat Wielands Empfehlung nicht allzu viel. Johann Karl Wezel ist und bleibt einer von gar nicht wenigen Autoren der „Goethe-Zeit“, die zumindest bei den Lesern in Vergessenheit geraten sind – und auch zu Lebzeiten bei Weitem nicht so berühmt waren wie der Weimarer Dichterfürst.

Er nahm eine besondere Außenseiterposition ein

Die Hainbund-Dichter Ludwig Hölty und die Brüder Stolberg sind hier zu nennen oder der brillante Wilhelm Heinse, Verfasser des Briefromans „Ardinghello und die glückseligen Inseln“. Man kann an Johann Martin Miller denken, der mit „Siegwart – Eine Klostergeschichte“ einen der erfolgreichsten Romane des 18. Jahrhunderts schrieb. Und eben an Johann Karl Wezel, einer der ersten deutschen Schriftsteller, die vom Schreiben leben konnten. Immerhin entsteht seit einigen Jahren die Jenaer Gesamtausgabe der Werke Wezels im Heidelberger Mattes Verlag, deren vierter Band mit kleineren Schriften und Gedichten noch in diesem Jahr erscheinen soll.

Neben den anderen Vergessenen nimmt Wezel allerdings noch eine besondere Außenseiterposition ein. Das liegt wohl vor allem daran, dass ihm der Idealismus Immanuel Kants und seiner Jünger völlig fremd war. In Ansätzen vertrat er das materialistische Denken der radikalen französischen Aufklärung und hatte vor allem die berüchtigte französische Skepsis verinnerlicht. Als Romancier war er am erzählerischen Realismus englischer Provenienz geschult, an Tobias Smollett, Henry Fielding und Samuel Richardson.

Die Nähe Goethes oder Schillers suchte er absichtlich oder unabsichtlich nie, obwohl er gar nicht weit entfernt von Weimar, im thüringischen Sondershausen, lebte und wirkte: 1747, zwei Jahre vor dem gebürtigen Frankfurter Goethe, erblickte er dort das Licht der Welt.

Viele setzten sich für sein Werk ein

Eingesetzt haben sich für Wezel und sein Werk schon viele. 1983 veröffentlichte Einar Schleef, gleichfalls ein großer Außenseiter, ein Stück mit dem Titel „Wezel“, in dem er seinen Kollegen zum Leben erweckt. Arno Schmidt pries in seinem Radioessay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ (1959) den geistreichen und wunderbar satirischen Roman „Belphegor“ und stellte ihn in eine Reihe mit „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift, einem Bruder im Geiste, und mit Voltaires „Candide oder der Optimismus“, zu dem er eine Art Gegenentwurf bildet.

Tatsächlich hat „Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ aus dem Jahr 1776 bis heute keinen Staub angesetzt. Wezels Satire fällt sogar weitaus grimmiger, monströser und böser aus als der „Candide“. Beide Bücher setzen sich mit der Leibniz’schen Idee auseinander, wir Menschen lebten in der besten aller möglichen Welten.

Es gibt ordentlich Ironie und Spott im Roman

Wollte Wezel im „Belphegor“ die Menschheit von ihrer schwärzesten Seite zeigen, zielt er in „Herrmann und Ulrike“ darauf, ihre guten Seiten zu betonen. Das klingt langweilig, und in der Tat liest sich der „Belphegor“ wesentlich unterhaltsamer. Aber Wezel wäre nicht der Satiriker als der er zu Recht gilt, wenn es in seinem Roman nicht auch Ironie, Spott und ordentlich Seitenhiebe gäbe – und zwar in alle Richtungen, durch alle Schichten, auf Provinzpolitiker, Fürsten, Väter und andere. Der Untertitel lautet nicht zu Unrecht „Ein komischer Roman“ (Die Andere Bibliothek, 816 Seiten, 68 €).

Die abenteuerlichen Geschehnisse sind vielschichtig. Der bürgerliche Herrmann und die adlige Ulrike lieben sich seit frühester Kindheit, dürfen aber aufgrund des Standesunterschiedes nicht heiraten. Herrmann packt der Aufstiegsehrgeiz, doch aus Mangel an Geduld entführt er seine Angebetete lieber. Auch das geht schief, beide landen nach Irrfahrten in Dresden respektive Berlin. Ulrike bekommt ein Kind, das stirbt, sie versuchen sich als Bauern, was auch nicht funktioniert, und so weiter und so fort ...

Wezel fährt auch erzähltechnisch einiges auf, um Abwechslung zu bieten. Eingeschobene Briefe gibt es da, Dialoge, Rückblenden und Erzählerkommentare, sodass es sich trotz einiger Längen lohnt, diese Geschichte zweier Liebender, die gegen alle Widerstände zueinanderfinden, zu lesen.

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