Jubiläum mit John Bock : Neuer Berliner Kunstverein feiert 50 Jahre

Ab in den Seelenkerker: Der Neue Berliner Kunstverein in Mitte feiert 50-jähriges Bestehen - mit einem dystopischen und düsteren Panoptikum von John Bock.

Claudia Wahjudi
Freigeist. John Bock.
Freigeist. John Bock.Foto: NBK

Es ist ja auch zum Fürchten: Der Neue Berliner Kunstverein (NBK) feiert sein 50-jähriges Bestehen, und in seinen verdunkelten Sälen schabt, klopft, tönt es böse aus den Ecken. Ein kleines Kind auf dem Arm einer Besucherin beginnt zu weinen, die Frau muss rasch mit ihm hinaus. Der NBK wartet zum runden Geburtstag nicht mit einem Rückblick auf seine Geschichte auf, so wie die ebenfalls 1969 gegründete Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in Kreuzberg. Stattdessen bestreitet der Berliner Künstler John Bock die Jubiläumsschau. Und Bock hat aus den Vereinssälen ein dystopisches Panoptikum gemacht: finster, eng und voller gefährlicher Gestalten. (Chausseestr. 128/129, Mitte: bis 28. Juli, Di–So 12–18, Di bis 20 Uhr, Eintritt für alle Veranstaltungen frei).

Das Team des NBK wollte keinen Rückblick inszenieren wie zum 40. Geburtstag, sagt Vereinsdirektor Marius Babias. „Kunst und Öffentlichkeit“ hieß 2009 die Schau, die zwei Stärken des Vereins herausstellte: seine Wurzeln im demokratischen Aufbruch der 60er Jahre und seinen Anspruch, Kunst für alle mit seiner Artothek zu ermöglichen, einer öffentlichen Kunstausleihe. Arbeiten aus vier Jahrzehnten waren damals zu sehen, von studentisch bewegter Zeit bis ins wiedervereinte Berlin. Jetzt aber hat ein einzelner Künstler das Sagen, und der meint: „Es ist wieder Endzeitstimmung.“ John Bock bietet mit seiner Ausstellung „im AntliTZ des SchädelapparaTZ“ dem Publikum an, sich gleichsam in die Köpfe zweier Mörder zu begeben: in den des Mathematikers Theodore Kaczynski, des „Unabomber“ genannten Absenders tödlicher Briefe in den USA, und in den des 1925 hingerichteten Serienmörders Fritz Haarmann aus Hannover.

Die aktuelle Schau führt in Verliese

Haarmann ist eine klaustrophobische Zelle gewidmet, mit Liege, einem alten Fernsehapparat, den Bock zu einem Terrarium umgebaut hat, und einem Schachspiel aus getrocknetem Brot. Hier hockt ein Schauspieler, der mal Züge auf dem Schachbrett probiert, mal das alte Kopfkissen flickt. Kaczynskis Gedankenwelt soll ein Metallkäfig versinnbildlichen, der in Form eines dreidimensionalen Keils gleich am Eingang von der Decke hängt, gespickt mit Haken, Seilen und Haarteilen, die schaurige Schatten an die Wand werfen. Zu den Performancezeiten hockt Bock in dem Käfig und hackt wie zwangsneurotisch in eine Schreibmaschine ein, während er Passagen aus Kaczynskis Manifest gegen die Industriegesellschaft zitiert. Angeseilt am Käfig hoch oben in der Luft führen dazu vier schwarz gekleidete Tänzer eine akrobatische Choreografie auf.

Der dritte Raum schließlich gleicht einer unterirdischen Folterkammer. Hier hängen metallene Fesseln an der Wand, und aus einem Silikonwesen tropft Flüssigkeit in eine Zinkwanne. Die Festausstellung als Horrorkabinett. Geradezu bestürzend pessimistisch wirkt Bocks Jubiläumsbeitrag im Vergleich mit seiner großen Berliner Schau 2010. Da bestritt der 1965 in Schleswig-Holstein geborene Künstler das Finale der Temporären Kunsthalle am Schloßplatz: Auf vier Etagen aus Gerüsten hatte er ein Gesamtkunstwerk aus Filmen, Requisiten, Bühnen und 150 entliehenen Exponaten von über 60 Künstlern untergebracht. Ein fulminantes, kollegiales Großarrangement, mit Blick vom Dach über die halbe Stadt: Bocks „FischGrätenMelkStand“ bot opulente Perspektiven. Die aktuelle Schau führt in Verliese.

Hinweis auf eine folgende Generation

Das Team des NBK hat jedoch einen klugen Kontrapunkt gesetzt. Die Schweizer Tänzerin und Künstlerin Alexandra Bachzetsis präsentiert im ersten Stock fünf Film- und Druckarbeiten, in denen sie Körpersprache im Theater und in der Populärkultur analysiert. Bachzetsis’ Kabinett fordert zu jenem Schritt zurück auf, der frei nach Brecht erkennen lässt: alles Inszenierung. So zu analytischer Distanz ermahnt, kann das Publikum auch Bocks Requisiten nüchterner betrachten. Im Terrarium der Haarmann-Zelle beispielsweise knabbern Achatschnecken bedächtig an Salatblättern. Leben ist während einer Endzeit offensichtlich möglich.

Beim kleinen weißen Etwas im Loch des Kopfkissens auf der Liege soll es sich laut Bock um einen Milchzahn seines Sohnes handeln. In diesem Weltuntergangskerker gibt es also einen Hinweis auf eine folgende Generation. Sehr frei nach Schiller wird die theatralische Ausstellung damit zu einer moralischen Anstalt: Wollen sie ihren Nachfahren Überlebensperspektiven bieten, haben John Bock und seine Altersgefährten viel zu tun. Und so ein Handlungsauftrag passt dann doch sehr gut zu einem Jubiläum.

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