Berlin war Verheißung, wofür auch immer.

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Katerina Poladjan über die Flucht nach Berlin : Eine Spur von Adresse
Katerina Poladjan
Museum der Flucht. Aus dem ehemaligen Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde ist eine Erinnerungsstätte geworden. Hier kam einmal auch die Autorin an.
Museum der Flucht. Aus dem ehemaligen Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde ist eine Erinnerungsstätte geworden. Hier kam einmal...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ich betrachtete Berlin aus der Ferne und besuchte Freunde, die sich Berlins Mythenlandschaft hingaben. Berlin war nicht mehr Marienfelde und auch nicht Kurfürstendamm. Berlin war Mitte und Prenzlauer Berg. Berlin war Verheißung, wofür auch immer. Ein offenes Feld für alle Arten von Provinzfantasien und echten Ausnahmezuständen. Wenn ich nach einem Besuch zurück nach Hamburg kam, atmete ich erleichtert auf und zog doch einige Jahre später wieder nach Berlin. So, als sei dies unabwendbar.

Kürzlich bin ich mit der S-Bahn wieder nach Marienfelde gefahren. Priesterweg, Attilastraße, Marienfelde. Unter den zerfressenen Wolken des jungen Januarmorgens hatte man die Überreste der Silvesternacht zu bunten Haufen gekehrt. Bei „Jörgs Curryoase“ kaufte ich eine Flasche Wasser und einen Filterkaffee zum Mitnehmen.

Nirgendwo ist man so selbstverständliche Ausländerin und Deutsche

Das Haupthaus des Notaufnahmelagers ist heute eine Erinnerungsstätte, ein Museum der Flucht. Ich ging durch die Räume, lauschte den Geschichten vom Band, betrachtete Kuscheltiere hinter Glas, die von der Flucht Narben behalten haben, weil in ihren Bäuchen Wertgegenstände versteckt waren oder wichtige Papiere. Es gibt nachgebaute Schlafkammern, Küchen und Waschräume. Ich legte mich auf ein stählernes Etagenbett und wurde vom Pförtner ermahnt. Ich habe hier mal gewohnt, sagte ich, und er zuckte die Schultern.

Nirgendwo ist man so selbstverständlich Ausländerin wie in Berlin. Nirgendwo wird man so selbstverständlich Deutsche. Nirgendwo paart sich hässliche Geschichte so elegant mit einer hysterisierten Weltoffenheit und entfesseltem Individualgeist. In Berlin muss man das, was man sagt, nicht beweisen. In Berlin wechseln die Gesprächspartner, aber der Inhalt bleibt gleich. Das beruhigt die Fremden und die Scheinfremden und die Gestrigen und die Gebliebenen. Will man sich verstecken, geht das in Berlin oder im eigenen Kopf.

Die Stadt lässt sich nicht deuten

Vielleicht ist das der Grund, warum ich in Berlin lebe. Die Stadt lässt sich nicht deuten. Wir leben hier nebeneinander, miteinander im Westen und im Osten (im Norden und Süden) von dort und hier, und wenn wir miteinander schweigen, so reicht auch das.

In den Baracken hinter dem Museum der Flucht in Marienfelde leben immer noch oder wieder Geflüchtete, zurzeit vorwiegend aus Afghanistan und Syrien. Ich kam mit einer jungen Frau ins Gespräch, die mit ihren drei kleinen Kindern auf dem Weg in die Wäschekammer war. Sie lebt mit ihrer Mutter und den Kindern in einem Zimmer, ihr Mann ist verschollen. Sie kamen über das Meer, kamen durch diese und jene Stadt, und in Berlin wollen sie bleiben. Warum? Weil Berlin jetzt ihr Zuhause ist.

Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren und lebt als Schriftstellerin und Schauspielerin in Berlin. Zuletzt erschien von ihr bei Rowohlt der Roman „Vielleicht Marseille“. Den Text „Eine Spur von Adresse“ schrieb sie für „Das Weiße Meer – Literaturen rund ums Mittelmeer“, eine Reihe des Literarischen Colloquiums Berlin, unterstützt von der Allianz Kulturstiftung. Thema ist diesmal, am 8. Februar um 19 Uhr, „Marseille – Berlin: Tore zu anderen Welten“. Weitere Teilnehmer sind Jaroslav Rudiš, Stanislaw Strasburger, Philippe Pujol, Thierry Fabre, Christian Garcin und Leyla Dakhli.

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