Kent Nagano dirigiert DSO : Schockwellenreiter

Apokalyptischer Schwanengesang: Kent Nagano dirigiert Mahlers Neunte beim Deutschen Symphonie-Orchester.

Penible Partiturlektüre. Der amerikanische Dirigent Kent Nagano.
Penible Partiturlektüre. Der amerikanische Dirigent Kent Nagano.Foto: Felix Broede

Schon die ersten Takte begreift Kent Nagano keineswegs als amorph. Die tiefen Celli, das Pendelmotiv der Harfe, die Seufzer der Geigen, es sind Bruchstücke mit glasklaren Konturen, funkelnde Splitter im grellen Licht. Immer wieder wird Nagano an diesem Abend in der Philharmonie den Taktstock mit beiden Händen packen, als wolle er Schläge austeilen. Mit weit gespreizten Händen spannt er große dramaturgische Bögen über das 80-Minuten-Werk, vergrößert die Klangpalette, kräftigt die Mittelstimmen und markiert die Einsätze minutiös, mit spitzem Zeigefinger. Und doch regiert niemals nackte Gewalt – nicht selten nimmt Nagano den nach Akzenten unbetonten Taktteil bis in die Unhörbarkeit zurück. Der Klang der Zeit, er erschrickt vor sich selbst.

Gustav Mahlers 9. Sinfonie ist das letzte vollendete, 1910 in New York fertiggestellte Werk des Komponisten, Musik, in der die Alte Welt sich noch einmal in heller Verzweiflung aufbäumt, während die Kakophonie der Neuen Welt einem in den Ohren schrillt. Die Neunte reflektiert nicht zuletzt den Kulturschock, den Mahler nach seiner Ankunft in Amerika erlebt haben muss, wie Nagano selbst sagt. Es ist die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Ära der Ängste und des Umbruchs, Kollaps der Gewissheiten, ähnlich wie heute.

Das Ende der Welt

Auch Mahlers Zweite, die Auferstehungssymphonie, war Nagano beim Sommerkonzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester mit ungeheuerlicher Intensität angegangen. Vor der noch dämonischeren Neunten ist einem ja immer ein wenig bang. Vor ihren Zerrbildern im Angesicht der Katastrophe, diesem schrillen Pathos eines apokalyptischen Schwanengesangs, vor der Angriffslust der beiden mittleren Sätze, von denen Simon Rattle einmal meinte, sie enthielten alles, was Mahler auf dem Lande (2. Satz: „Etwas täppisch und derb“) und an der Stadt (3. Satz: „sehr trotzig) hasste. Vor allem dem Schluss sieht man nervös entgegen, diesem dreifachen Pianissimo der Finaltakte, dem letzten Terzschritt nach oben, dem letzten Seufzer, dem allerletzten zittrigen Bogenstrich, dieser leisen Agonie, bis das Ohr auf der Brust des Sterbenden keinen Atemzug mehr vernimmt und eine Stille eintritt, wie Konzertsäle sie sonst nicht kennen. Wehe, das kippt in den Kitsch, in die Unachtsamkeit, wehe, einer hustet oder fängt zu früh an zu klatschen.

Aber DSO-Ehrendirigent Nagano dirigiert am Pult bei seinem einstigen Orchester eine ewige Minute lang auch noch die Stille danach, sehr fein sehr behutsam. Die Musiker rühren sich nicht, das Publikum auch nicht, es ist tatsächlich das Ende der Welt.

Schmerzhaft schöne Versöhnungsmelodie

Der vielbeschäftigte, immer zarter, fragiler, auch blasser wirkende Maestro, der nach seiner lieblosen Verabschiedung als Generalmusikdirektor in München 2013 als GMD an der Hamburger Staatsoper und noch bis 2020 als Musikdirektor des Orchestre symphonique de Montréal firmiert, nimmt es mit Mahler äußerst genau. Mit dessen polyphonischen Künsten genauso wie mit der Klangwucht der Tutti-Akkorde, mit der Entgrenzung und Enthemmung des Kollektivs wie mit den bewegend herumirrenden Alleingängen der vorzüglich disponierten Holzbläser oder des Horns.

Nagano spricht vom kontrollierten Chaos bei Mahler. Seine Neunte bewegt sich zwischen dem krachenden Übermut der Verzweiflung und dem berühmten nervösen Pfeifen im Wald. Besonders bei der Differenzierung der Tempi zahlt sich die sensible Partiturlektüre des 66-Jährigen aus, zumal das gesamte DSO eine bezwingende Präzision an den Tag legt. Schon das kurze Kopf- und Kernmotiv in der Harfe deutet Nagano als anhebenden und gleich wieder stockenden Marsch, während die Ritardandi und Beschleunigungen im Ländler-Satz von Panik und Trunkenheit künden.

Für die schmerzhaft schöne Versöhnungsmelodie des finalen Adagios nimmt Nagano sich Zeit. Wie haltlos sie ist, trotz anfänglichem Nachdruck, wenn die Geigen sich hochschrauben über schwindelndem Bassgrund. Mahler sucht den Trost und findet ihn nicht.

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