Voswinckel war Celan in den Seczigern erstmals begegnet

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Klaus Voswinkel zum 70. : Mit Odysseus ins Café

Klaus Voswinckel hat einst Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und vor knapp vierzig Jahren über Paul Celan promoviert. Für jene Arbeit hatte er den aus Czernowitz stammenden, nach dem Krieg und der Shoa in Paris lebenden Dichter der „Todesfuge“ mehrfach besucht. Zuletzt eine Woche, bevor Celan im Frühjahr 1970 in der Seine selber den Tod suchte. In der Erinnerung „Wiederkehr“, dem Finale des neuen Buchs, streift Voswinckel durch das Paris von heute und begegnet dabei Celan erneut, auf der Schwebe von einst und jetzt, als geisterhafter Gast im „Café de Personne“ in der Nähe des Trocadéro, das es wirklich gibt.

Voswinckel war Celan kurz nach dem Erscheinen von dessen Gedichtband „Die Niemandsrose“ in den 1960er Jahren erstmals begegnet. In Frankreich hieß der Lyrikband „Rose de personne“, und in der Person stecken im Französischen der Mensch und die Maske, jemand und niemand. Bei Celan ist „Niemand“ Gott und Mensch, der Eine und keiner. Auch in Voswinckels erzählerischen Reflexionen gleichen die Wahrnehmungen, die Selbstwahrnehmungen oft Vexierbildern und Irrfahrten, labyrinthischen Umwegen – und Odysseus, der Seefahrer, nannte sich zum Schutz vor dem mörderischen Riesen Polyphem: „Niemand“. So geht eins ins andere, und Voswinckel, der in Heideggers Freiburg Philosophie studierte, zitiert im Gespräch mit Celan dessen bewusst unbewusstes Echo auf Heideggers Hölderlinbild: „Getrennt, fall ich dir zu, fällst du mir zu, einander entfallen, sehn wir hindurch.“

Personenporträt und poetisches Taschentheater kehren sich da oft in eins, und immer ist in dieser mal lyrisch verdichteten, mal nüchtern beschreibenden, mal philosophisch spekulativen (oder auch rätselvoll enigmatischen) Prosa: ein Unterton des Erotischen. Eine Liebeserklärung an Menschen, zuerst an Frauen, auch an Landschaften und den Zauber einfacher Dinge. Wie jene zwei Karaffen.

Das schönste Kapitel bildet freilich ein Porträt der eigenen Mutter – als Greisin. Das Stück heißt „Das Verschwinden der Sprache“ und ist der wohl genaueste, bei aller Trauer zugleich komischste Text über ein Thema der Stunde. Über zunehmende Demenz.

„Als sie vierundneunzig war, sagte sie am Telefon: Ich bin ja nun auch kein Goldfisch mehr.“ So fängt es an. Goldfisch statt Backfisch, ein imaginativer Worttausch wie bei kleinen Kindern. Der Autor versucht, seiner Mutter klarzumachen, dass er gerade aus Süditalien anrufe, heute sei nämlich Muttertag. „Hab ich Geburtstag, fragt sie.“ Mit ganz eigener Logik. Und so beginnt, so endet dann eine Comédie humaine. Empfindsam, doch bar aller Sentimentalität. Voswinckel erzählt von den Besuchen im Altersheim am Rande von Hamburg, nahe der Elbe, am Strom eines langen Lebens. Wo nun ein schattenhaftes Baumblatt zum eingebildeten Dämon wird und sich für die alte Dame im Verlöschen noch ein Reich des Fantastischen öffnet. Dinge und Menschen wechseln wie in Kinderträumen oder Spukgeschichten ihr Gesicht.

Das macht diese vorletzte Erzählung des Buchs so kostbar – sie notiert (und evoziert) eigentlich kein „Verschwinden“ der Sprache, eher eine Veränderung von Eindruck und Ausdruck. Bis der Autor am Ende seine Mutter still für immer daliegen sieht, „von einem Moment zum anderen sie und schon eine Erinnerung an sie“.
Klaus Voswinckel: Aufbrüche, Wiederkehr. Erzählungen.Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2013. 207 Seiten, 20 €.

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