Kolumne „Spiegelstrich“ : Warum der Begriff „Unwort“ ein Unwort ist

Nach der Wahl von „Klimahysterie“: Es ist gut, das rechte Framing zu kritisieren. Dennoch: Sprache sollte atmen und toben und hysterisch sein dürfen.

Klaus Brinkbäumer
Das Unwort des Jahres pathologisiere pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose, so die Jury.
Das Unwort des Jahres pathologisiere pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose, so...Foto: epd

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Für den Tagesspiegel schreibt er seine wöchentliche Kolumne „Spiegelstrich“ über Sprache und Politik.

Eines der erhellenden Wörter unserer Tage ist „Framing“, vor fünf Jahren hatte ich den Begriff nicht einmal wahrgenommen. Ein „frame“ ist ein Rahmen, Framing meint den Referenzraum, in dem Sprache verwendet wird, den Zusammenhang, die wahre Botschaft, auch die unterschwellige und damit alles, das mitschwingen soll.

Den deutschen Grünen ist es gelungen, zusammen mit Organisationen wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz einen dieser Rahmen zu verrücken; es war eine geplante Operation: Der Begriff „Klimawandel“ verschwand aus Reden und Texten, die „Klimakrise“ trat an seine Stelle.

Selbsterklärend, nicht wahr? Ein Wandel signalisiert Gutes, gar Vergnügliches; wer möchte schon einem Wandel entgegenstehen? Die Krise jedoch …

Stigmatisieren, emotionalisieren

Auch das Unwort des Jahres 2019 wird nicht isoliert oder beiläufig verwendet, es bedient einen Frame: „Klimahysterie“, von fünf Juroren auserwählt. Die AfD nutzt das Wort: „Junge, linksgrüne, selbsternannte ‚Klima-Aktivisten’ versuchen nun, uns Bürgern ihre abstrusen Vorstellungen … aufzuzwingen. Zeit, ihnen ihre Grenzen aufzuzeigen“, twitterte AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen unter dem Hashtag „Klimahysterie“, der übrigens sowohl in Meuthens ernst gemeintem wie im ironischen Rahmen beliebt ist.

Hysterisch sind unausgeschlafene Kinder, hysterisch waren jahrhundertelang Frauen: Mit Stigmatisierungen lassen sich Debatten emotionalisieren und väterlich-männlich dominieren; Ehemännern, die ihre Ehe fortzuführen wünschen, rate ich von dem Satz „Sei doch nicht so hysterisch“ aber ab.

Wer sich nun all die Unwörter ansieht (seit 1991 werden sie ausgezeichnet), versteht den Aufstieg der Rechten besser, denn sie sind Meister des Framing: Anti- Abschiebe-Industrie, alternative Fakten, Volksverräter, Gutmensch, Lügenpresse, Sozialtourismus, Opfer-Abo, Döner- Morde, alternativlos, betriebsratsverseucht, notleidende Banken, Herdprämie, freiwillige Ausreise, Entlassungsproduktivität, Humankapital, Tätervolk, Ich- AG, Gotteskrieger, national befreite Zone, Kollateralschaden, sozialverträgliches Frühableben, Wohlstandsmüll, Rentnerschwemme, Diätenanpassung, Peanuts, Überfremdung, ethnische Säuberung, ausländerfrei.

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

[Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer]

Das waren alle, auch über seine Unwörter lässt sich die Geschichte unseres schönen Landes erzählen.

Sprache sollte atmen und toben

Im Fall der Klimahysterie nun, ist relevant, dass viele, die den Klimawandel leugnen, da sie beispielsweise Geschäfte mit Öl oder Kohle machen oder Rupert Murdoch heißen, durch Framing den so dringlichen Kampf gegen die Krise verlangsamen wollen. Greta Thunberg und Co. werden zu „hysterischen Babys“ („Daily Telegraph“, Sydney), Klimaforscher zu „Fanatikern“ (FOX News, New York).

Und … doch. Ich misstraue Sprachpolizeien. Sprache sollte atmen und toben und hysterisch sein dürfen. Ich mag schon das Wort „Unwort“ noch ein wenig weniger als „Unfall“, „Unwetter“ oder „ungenügend“, denn ist ein Unwort das Gegenteil eines Wortes? Ist es, darf man das sagen: entartet?

Das Unwort „Unwort“

Die amerikanische Gruppe „wordsmith“ leistet das Gegenteil von Einzäunung oder Tabuisierung, sie weitet die Sprache. Jeden Tag verschickt sie ein Wort, ein seltenes, glitzerndes. Das Wort des letzten Freitags, aus dem Italienischen abgeleitetes Zauberenglisch, hieß „alfresco“, an der frischen Luft.

Frische, reife Debatten funktionieren weder über Stigmatisierung, noch über Emotionalisierung, noch über Ausgrenzung, weshalb ich das Wort „Unwort“ hiermit zum „Unwort des Jahres 2020“ vorschlage. Es soll ja übrigens Klimaaktivisten geben, die zugeben, dass manche Klimaaktivisten überdreht agieren, als repräsentierten sie die einzige Religion unserer gottlosen Zeit, inklusive Erlösung; es fällt der Begriff „hysterisch“.

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