Die Prognose von der "technischen Singularität" als Religion

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Künstliche Intelligenz : Näher, mein Bot, zu Dir
Noch ein Roboter oder schon eine Person? Eine chinesische Entwicklung, entstanden bei der Shanghai International Robot Technology and Application Show.
Noch ein Roboter oder schon eine Person? Eine chinesische Entwicklung, entstanden bei der Shanghai International Robot Technology...Foto: Wang Gang/ imago/ZUMA Press

Im Grunde verwandelt Way of the Future die reine Prognose von der „technologischen Singularität“, die Überzeugung, dass es einen Punkt geben wird, ab dem die Menschheit in ihrer geistigen Leistungsfähigkeit gegenüber Algorithmen unwiderruflich ins Hintertreffen gerät, in etwas Erstrebens- und Fördernswertes. Die Diskussionen um die Möglichkeit einer solchen Superintelligenz, die zu einer Art von Bewusstsein erwacht, der auch Dämmerregionen wie Schlaf und Traum nicht fremd wären, drehen sich seit Jahren im Kreis.

Über den Siegeszug sogenannter schwacher Formen von KI besteht kein Zweifel. Der Mensch lebt längst damit, dass Programme im Zweifel nicht nur besser Schach oder Go spielen, sondern in der Organisation logistischer Prozesse unschlagbar sind. Daran hängt zwar ein ganzes Bündel sozialer Fragen – von der Freisetzung menschlicher Arbeitskraft bis zur Störanfälligkeit automatisierter Systeme für Missbrauch, Korruption und Terror. Die Dienstbarkeit von KI – und damit ihre grundsätzliche Beherrschbarkeit – steht nicht infrage. In ihrer vollkommenen Zweckrationalität hat sie höchstens das Zeug, auf eine grenzenlos utilitaristische Weltgesellschaft zuzulaufen, in der ohne Rücksicht auf den Einzelnen entschieden wird, was den meisten nützt.

Über das Gesicht einer starken und autonomen KI lässt sich dagegen nur spekulieren. Wann Rechenquantität in Qualität umschlägt, ob Maschinen den Charakter von Personen annehmen oder in welcher Weise sie der Spezies Mensch feindlich gegenübertreten können, darüber lässt sich herrlich streiten. Doch erstens wird darüber weitgehend die Praxis Auskunft geben, und zweitens dürfte die Theorie, auch wo sie zwingende Gründe liefert, für das Miteinander eine untergeordnete Rolle spielen. Man kann sich verzweifelt an die – schon in dieser Welt überholte – absolute Differenz von Natur und Kultur klammern, und man kann hundert Mal behaupten, dass der Mensch in einer solchen Welt nicht mehr zu Hause wäre: Was wir als anthropologische Konstanten betrachten, ist in einem Maß an die bestehende Kultur geknüpft, mit der eine künftige durchaus aufräumen kann. Der Verteidigungsspielraum wird geringer und geringer.

Fiktionen sind der Philosophie voraus

Selbst wenn Maschinen aber erkenntlich Maschinen bleiben sollten, heißt das nicht, dass sich der Mensch nicht in ihre Maschinenhaftigkeit verlieben könnte. Sonst würden einem all die Science- Fiction-Stoffe um künstliche Menschen und Intelligenzen nicht schon jetzt eine hohe emotionale Beteiligung abfordern. Wer bei den lädierten Geschöpfen von Steven Spielbergs „AI“ ins Heulen kommt, wird das auch eines Tages bei seinem Hausroboter schaffen. Wer Anteil nimmt, wie Spike Jonze dem traurigen Helden seines Films „Her“ eine Liebesgeschichte mit dem Betriebssystem seines Smartphones zumutet, ist selbst nicht dagegen gefeit. Wir sind in unseren Fiktionen längst weiter als in allen philosophischen Erwägungen – eben weil es, wie in der schwedischen Serie „Real Humans“, um das praktische Zusammenleben mit Androiden geht. Warum sollte man daraus keinen religiösen Kult machen?

Die Idee eines anbetungswürdigen KI- Gottes, der den monotheistischen Gott ersetzt, ist einerseits per definitionem Unsinn. Denn der Schöpfergott verkörpert in seiner Unendlichkeit das schlechthin Transzendente, das ewig Vorgängige, das nicht vom Menschen Eingesetzte. Andererseits ist er gerade darin vom Menschen gemacht und kulturell präfiguriert. Das verbindet ihn mit dem KI-Gott, der sich nur aus der Abhängigkeit von seinen menschlichen Schöpfern befreit hat und nun ihnen die Regeln vorgibt. Als Gott einer totalen, ja totalitären, der unmittelbaren Sichtbarkeit aber gleichermaßen entzogenen Immanenz ist er in vielem das bloße Spiegelbild des alten Gottes. Wenn sich künftige Generationen entschließen sollten, ihm zu huldigen, mag das ein Rückfall in finstere Zeiten sein. Es ist jedoch nur einem orthodoxen Verständnis nach, das auf religiöse Alleinvertretungsansprüche pocht, ein absurder Götzendienst.

Für den Markt der Religionen bringt der KI-Gott sogar vertraute Vorzüge mit. Wie könnte der moralisch überforderte Mensch nicht glücklich sein, sich fremden Entscheidungen zu überlassen, wo er doch ohnehin dazu neigt, sich dem Schalten und Walten einer größeren Macht zu überlassen, frei nach dem im alttestamentarischen „Buch der Sprüche“ angelegten Motto: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ In Kapitel 16 der aktuellen Luther-Übersetzung heißt es: „Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird. Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister. Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag. Ein stolzes Herz ist dem HERRN ein Gräuel und wird gewiss nicht ungestraft bleiben. Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ Das klingt wie die Programmschrift einer KI-Religion.

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