Kultur in Kuba : Ein Besuch bei Ballet Revolución in Havanna

Die Tänzer von Ballet Revolución präsentieren einen Mix aus Ballett, Modern Dance, Streetdance und afrokubanischem Tanz. Ende Januar gastieren sie in Berlin.

Steiniger Weg zum Erfolg. Yordi Pérez Cardoso und Mariem Valdés Martínez tanzen in den Straßen von Cienfuegos.
Steiniger Weg zum Erfolg. Yordi Pérez Cardoso und Mariem Valdés Martínez tanzen in den Straßen von Cienfuegos.Foto: Sven Creutzmann

Direkt gegenüber vom Revolutionsmuseum, mitten in Havannas Altstadt, liegt die Escuela Nacional de Ballet de Cuba. Die ENB, eine der größten Ballettschulen der Welt, ist in einem restaurierten Palast im Kolonialstil am Paseo de Prado untergebracht.

Wenn man ein prächtiges Treppenhaus hinaufsteigt, kommt man zu den Ballettsälen mit zierlichen Säulen und Rundbogenfenstern. Eine malerische Kulisse. Aber Schönheit und Verfall liegen wie überall in Havannas Altstadt dicht beieinander. Die Sanitäranlagen der Schule befinden sich in einem desaströsen Zustand. Fließendes Wasser gibt es hier nicht.

In einem gelben Saal trainieren nur Jungen; ein paar Mädchen in weißen Blusen schauen vom Gang aus zu. Die meisten der Schülerinnen aber drängen sich vor einem schmucklosen Raum im Erdgeschoss: Hier proben gerade die Tänzer von Ballet Revolución mit dem Choreografen Roclan González Chávez.

Bevor die Truppe wieder auf Tournee durch Deutschland und die Schweiz geht – in Berlin treten sie ab 28. Januar im Admiralspalast auf –, werden noch einige neue Nummern einstudiert. Das Ballet Revolución wurde als reines Tourneeensemble gegründet; in Kuba tritt die Gruppe niemals auf. Doch für die Ballettschüler sind diese Tänzer Idole: Sie werden im Ausland gefeiert – und verdienen obendrein auch Devisen.

Ein Land reich an talentierten Tänzern

Es ist heiß im Probensaal. Wenn die Tänzer loslegen, geht eine Woge der Energie durch den Raum. Ebenso virtuos wie lässig präsentieren sie einen wilden Stilmix aus Ballett, Modern Dance, Streetdance und afrokubanischem Tanz. Anspruchsvolle Hebefiguren für die Frauen und hohe Sprünge für die Männer – die Tänzer haben eine fabelhafte Technik, auch ihr Rhythmusgefühl ist umwerfend.

Eben schwebt Nadiezhda Valdes Carbonell, eine der überragenden Ballerinen des Ensembles, noch durch die Lüfte; dann stürzt sie sich in ein rasantes Salsa-Duett mit Yordi Pérez-Cardoso. Auch die Männer werden gekonnt ins Rampenlicht gerückt in Soli oder Sextetten. Einige der Choreografien hat Aaron Cash entworfen, ein Australier mit Broadway-Erfahrung.

Für die kubanische Note ist Roclan González Chávez verantwortlich. Sein Land sei reich an talentierten Tänzern, erklärt er voller Stolz. „Kubanische Tänzer bewegen sich anders als alle anderen Tänzer der Welt“, führt er aus. „Der afro-kubanische Tanzstil gibt den Kubanern eine große Lockerheit in den Schultern und Hüften.“

Die Tanzausbildung auf Kuba genießt einen exzellenten Ruf und ist kostenlos. Die Staatliche Ballettschule ist der Kunsthochschule Escuela Nacional de Arte angegliedert, die 1961 auf Fidel Castros Initiative hin gegründet wurde. An der ENB wird der kubanische Ballett-Stil in der Tradition Alicia Alonsos gelehrt. Ein Foto der kürzlich verstorbenen Prinzipalin hängt an einer Tafel, direkt neben einem Foto des Commandante Che Guevara.

Träume von Ruhm

Die meisten der Tänzer, die bei Ballet Revolución engagiert sind, haben an der ENA studiert. Für Yordi Pérez Cardoso war der Weg zum Tänzer steiniger, aber er hat es trotzdem geschafft. Am nächsten Tag bricht die Journalistengruppe auf nach Cienfuegos, vier Autostunden von Havanna entfernt.

In der Escuela de Arte Benny Moré treffen wir Yordis ehemalige Lehrerin. Er sei sehr schmächtig gewesen, als er mit neun Jahren aufgenommen wurde, erinnert sie sich, doch er habe hart an sich gearbeitet. Auch zwei Schülerinnen begrüßen Yordi. Sie improvisieren mit ihm eine Tanznummer und wählen dazu den Song „Shallow“ von Lady Gaga und Bradley Cooper aus dem Film „A star is born“. Vom Ruhm träumen hier viele.

Nach einer Besichtigung des berühmtes Theaters von Cienfuegos geht es über eine holperige Piste in die Ciudad Nuclear, die Nuklearstadt, in der Yordi aufgewachsen ist. Die Siedlung entstand von 1980 an für Arbeiter, die mit Hilfe von sowjetischen Experten das erste Atomkraftwerk der Karibik bauen sollten.

Als die Sowjetunion zusammenbrach, kehrten die Russen in ihre Heimat zurück Yordis Eltern aber blieben in dem Ort, der fast schon surreal anmutet. Zwischen üppiger Vegetation ragt ein Hochhaus empor, an einer Straßenecke grast ein Pferd.

Die Versorgungskrise macht den Kubanern schwer zu schaffen

Yordis Eltern – sein Vater ist Ingenieur, seine Mutter Kindergärtnerin – wohnen in einem vierstöckigen Gebäude mit abblätternder Fassade. Die Schauspielerin Tami Blanco Ruiz eilt herbei und erzählt, dass Yordis Talente schon früh gefördert wurden.

„Er hat seinen Traum wahr gemacht“, sagt Yordis kleine Schwester Rosana bewundernd. Ein weiterer Mentor ist der Autor Atillio Caballero, der das „Teatro de la Fortaleza“ leitet. Er hat Yordi ans Theater herangeführt. Und sein Schüler hat auch schon Stücke mit ihm zusammen realisiert.

Kuba mag arm sein, aber die Kultur besitzt hier einen hohen Stellenwert. Bei der Rückfahrt fallen die vielen Tramper am Straßenrand auf. Und in Havanna die Schlangen vor den fast leeren Supermärkten. Die Versorgungskrise macht den Kubanern schwer zu schaffen.

„Die Lage ist gerade recht angespannt, im Grunde wie seit über 25 Jahren nicht mehr“, erzählt der deutsche Fotograf Sven Creutzmann, der seit 1988 in Kuba arbeitet. „Ursachen sind das sich unter Trump ständig verschärfende Embargo, aber auch die Krise in Venezuela.“ Kuba bezieht sein Öl von dort, wegen des Embargos wurden die Öllieferungen immer mehr reduziert.

Tanz und Musik sind nach wie vor ein kubanischer Exportschlager

Doch auch die Einnahmen durch die kubanischen Mediziner, die im Ausland tätig sind, sind eingebrochen. Allen voran in Brasilien, wo alle kubanischen Ärzte und Krankenpfleger abgezogen wurden, nachdem der rechte Präsident Bolsonaro im letzten Jahr gewählt wurde.

„Hinzu kommen große interne Herausforderungen wie die Staffelübergabe der ,historischen Generation’ (Fidel und Raul Castro) an die Jungen um Präsident Miguel Díaz-Canel. Und auch die sich anbahnende Währungsreform. Das sind alles Faktoren, die mehr oder weniger für Unruhe und Unsicherheit unter den Kubanern sorgen“, erläutert Creutzmann.

Der Tanz wie auch die Musik sind nach wie vor ein kubanischer Exportschlager. Die Zusammenarbeit mit den Behörden sei unkompliziert, berichtet Ko-Produzent Jon Lee. Für die Shows, die im Ausland gezeigt werden, zahlen die Produzenten natürlich eine Kommission.

Aber auch die Tänzer von Ballet Revolución, bestätigt Lee, werden gut bezahlt. Im Schnitt erhalten sie eine Gage von 800 Euro pro Woche (die Musiker der Band bekommen sogar noch mehr). Yordi, seit 2015 dabei, kann davon seine Eltern unterstützen – wie andere Tänzer von Ballet Revolución auch.

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Bei der Show werden aktuelle Hits aus den Charts gespielt und auch mal ein Mambo. Das Politische spielt keine Rolle auf der Bühne. Doch Ballet Revolución mit seiner energiegeladenen Fusion von unterschiedlichen Stilen beweist: Die kubanischen Tänzer sind wirklich eine Klasse für sich.
[Die Reise nach Kuba wurde von BB Promotion unterstützt. – Vorstellungen im Admiralspalast: 28.1. bis 2.2.]

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