„L’Arlesiana“ an der Deutschen Oper : Liebe ohne Ausweg

Ausgrabung an der Deutschen Oper: Paolo Arrivabeni dirigiert Francesco Cileas 1897 uraufgeführtes Provence-Drama „L’Arlesiana“.

Trügerische Idylle. Mariangela Sicilia und Joseph Calleja.
Trügerische Idylle. Mariangela Sicilia und Joseph Calleja.Foto: Bettina Stöß/Deutsche Oper

Wer den Klang von Tenorstimmen liebt, kennt das Lamento des Federico aus Francesco Cileas "Arlesiana". Jetzt bietet sich an der Deutschen Oper die zweimalige Gelegenheit, das ganze, gründlich vergessene Werk des 1866 in Süditalien geborenen Komponisten zu erleben (weitere Aufführung am 24.2.). Und tatsächlich ist dabei – über den Wunschkonzert-Hit hinaus – so manches schöne Detail zu entdecken. Die Oper beruht auf Alphonse Daudets Drama "L'Arlesienne", das George Bizet durch seine genial-schlichte Schauspielmusik unsterblich gemacht hat. 1897 kam Cileas Version des Melodram um einen liebeskranken Jüngling in Mailand heraus, mit dem gerade 24-jährigen Enrico Caruso in der Hauptrolle.

Vital und eloquent entfaltet das Orchester der Deutschen Oper unter Paolo Arrivabenis Leitung die buntscheckige, flickenteppichhafte Musik des Italieners. Wobei die lyrischen Passagen die überzeugenderen sind: Weiche Kantilenen, süße Flöten und Streicher, Celesta-Tupfer, liebliche Bauernchöre sorgen für so manchen akustischen Tiramisu-Moment. Gleichzeitig wird auch klar, warum dem begabten Melodiker Cilea ein nachhaltiger Bühnenerfolg verwehrt blieb: Wo Dramatik gefordert ist, wird sein Orchestersatz stets zu massiv – und dadurch schwerfällig.

Leuchten wie die provenzalische Morgensonne

Als weiser, alter Hirte Baldassare ist Markus Brück das menschliche Zentrum des Abends: Weil sein Singen wirklich Erzählen ist, weil in jedem Ton die Seele mitschwingt. Joseph Calleja dagegen bleibt als Federico zu monochrom, setzt allein auf die stählerner Strahlkraft und raumgreifendes Dauerforte. Dass sich hier ein Bauernsohn nach einer schönen Frau aus der Stadt verzehrt, dass ihn diese Obsession am Ende gar in den Selbstmord treibt, wird nicht hörbar.

Enttäuschend auch die hochgeschätzte Dolora Zajick in der Mutterrolle. Die Mezzosopranistin mit dem Ehrfurcht gebietenden Brustregister wirkt schlecht vorbereitet, klebt förmlich mit den Augen an ihren Noten, sucht keinerlei Kontakt zum Publikum. Wirklich bewegend dagegen ist, wie sich Mariangela Sicilia in der Vivetta identifiziert, Federicos Jugendfreundin. Mit einem Sopran, der leuchtet wie die provenzalische Morgensonne, umwirbt sie ihn, fleht sanftmütig, barmt betörend - und wird doch schroff zurückgewiesen.

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