Leo Trotzki : Hammer, Sichel, Eispickel

Wie man einen Mythos zertrümmert: zum Streit um die Trotzki-Biografie von Robert Service.

Hannes Schwenger
Sekretär und Kriegsherr. Leo Trotzki 1918 als Leiter der Sowjetdelegation bei der Konferenz von Brest-Litowsk. Foto: picture alliance / Artcolor
Sekretär und Kriegsherr. Leo Trotzki 1918 als Leiter der Sowjetdelegation bei der Konferenz von Brest-Litowsk. Foto: picture...Foto: picture alliance / Artcolor

Britischer Humor ist oft eine Sache für sich. Robert Service, Historiker in Oxford und Senior Fellow an der amerikanischen Hoover Institution in Stanford, scheint im Übermaß darüber zu verfügen. Die Intention seiner 2009 erschienenen Trotzki-Biografie kommentierte er bei der Buchvorstellung in einer Londoner Buchhandlung: „Es gibt noch Leben in dem alten Kerl Trotzki – aber wenn der Eispickel seinen Job, ihn zu vernichten, nicht tat, dann hoffe ich, das gelang mir.“ Das war kein gelungener Scherz, wenn man sich erinnert und auch bei Service nachlesen kann, dass Leo Trotzki im Auftrag Stalins mit einem Eispickel erschlagen wurde.

Dass die Erinnerung an den engsten Weggefährten Lenins und Gründer der Roten Armee dennoch nicht totzukriegen war, steht auf einem anderen Blatt und ist der treuen Gemeinde des toten Revolutionärs zu verdanken, den von Stalin geschmähten „Trotzkisten“ und der von Trotzki gegründeten IV. Internationale. An der Stilisierung zum aufrechten Revolutionär hat Trotzki selbst mitgewirkt, als Autor einer „glänzenden Autobiografie“ (Robert Service) und eines umfangreichen politischen, historischen wie literarischen Werks. Dieses Werk kann auch Service nicht einfach vernichten, wie er einräumt: „An seiner literarischen und analytischen Meisterschaft bestand nie ein Zweifel.“ Auch nicht an seiner Bedeutung für Sieg und Verteidigung der Russischen Revolution. Aber woran dann?

Vor allem wohl an seinem selbst erzeugten Mythos als Märtyrer und Opfer Stalins sowie als Lichtgestalt der Weltrevolution, den frühere Biografen wie Isaac Deutscher (1954) und Pierre Broué (1988) als „Götzendiener“ an „Trotzkis Schrein“ weiter genährt hätten. So jedenfalls sieht es Service, der Trotzki gewissermaßen zu entmythologisieren sucht. Wofür es gute Gründe gibt, denn Trotzki „übertrieb seine eigene Bedeutung“ nach der Entmachtung mit Bedacht, um seine IV. Internationale um sich zu scharen.

Wer weiß, ob nicht sogar Stalin diesem Mythos aufgesessen ist, als er den Mordbefehl gab. In seinem Vorwort rühmt sich Service, sein Buch sei „die erste vollständige Biografie Trotzkis von einem nichtrussischen Autor, der kein Trotzkist ist“. Das kann man unbesehen glauben, aber dennoch die Lobhudelei des „Daily Telegraph“ bestreiten, es sei „die beste Trotzki-Biografie, die bisher geschrieben wurde. Es gibt keinen Grund, warum irgendjemand noch eine schreiben sollte.“

Es gibt aber auch keinen Grund dafür, dass der Suhrkamp Verlag die deutsche Ausgabe nun mit dieser Fanfare vorstellt, hatten vor drei Jahren beim Erscheinen des Buchs in England doch internationale Fachleute darauf hingewiesen, dass es gravierende Fehler enthält. Vor allem deutschen Lesern wären diese Fehler kaum entgangen. Etwa wenn Ferdinand Lassalle, der Antipode des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung, bei Service als „Marxist“ vorgestellt wurde, Karl Kautsky zum Juden erklärt und Rosa Luxemburgs Leiche nicht im Landwehrkanal, sondern auf der Straße gefunden wurde. Sogar Berliner Straßenkämpfe hatte Service erfunden, die es so nie gegeben hat.

Die deutsche Ausgabe hat diese und andere Fehler stillschweigend korrigiert, nachdem internationale Historiker – nicht nur „Trotzkisten“ wie David North, der 2010 mit einer „Verteidigung Leo Trotzkis“ antwortete – das Buch zum Gegenstand eines Historikerstreits machten. 14 Historiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, unter ihnen der Nestor der deutschen Kommunismusforschung Hermann Weber, baten den Suhrkamp Verlag sogar, auf eine deutsche Ausgabe zu verzichten. Dass mit ihnen auch Helmut Dahmer als bekennender Trotzkist (und deutscher Trotzki-Herausgeber) den Appell unterzeichnete, roch allerdings nach Zensur. Weber dagegen legt seine Bedenken im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012 nachvollziehbar dar und konstatiert, Service habe „zu Recht heftigen Widerspruch“ erfahren.

Eine erste Zusammenfassung der Einwände las man schon 2010 in der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung „Mittelweg 36“. Dort nahm Reiner Tosstorf die vermeintlich definitive Trotzki-Biografie des britischen Kollegen regelrecht auseinander. Sie sei zwar „routiniert geschrieben“, aber enthalte sachlich und methodisch „zahlreiche Fragwürdigkeiten“. Besonders der historische Kontext sei fehler- und lückenhaft dargestellt, Namen und Daten würden verwechselt, Trotzkis Theorie der „Permanenten Revolution“ nur gestreift, obwohl sie „zum zentralen Angriffsziel der stalinistischen Ideologen“ wurde. Geradezu verstörend fand Tosstorf die Art, „in der Service Trotzkis jüdische Herkunft und dessen allgemeine Haltung zur ,jüdischen Frage’ diskutiert“. Service nennt Trotzki einen strahlenden Kometen und den besten Redner der Russischen Revolution. Es geht ihm darum, das Charisma seines Protagonisten zu zerschmettern, doch dessen theoretisches Werk wird bloß gestreift.

Wen Suhrkamp nach dieser Vorgeschichte als Gutachter bestellte, um sich dann doch – nach zwei Jahren des Zögerns – für eine Veröffentlichung zu entscheiden, will der Verlag nicht preisgeben. Das ist schade, zumal sich weder der Autor zu einem neuen Vorwort noch der Verlag zu einem Nachwort für die deutsche Ausgabe entschließen konnten, um auf berechtigte und aus ihrer Sicht unberechtigte Einwände zu reagieren. So bleibt der Leser sich selbst und einem 600-Seiten-Opus überlassen, das nicht nur Trotzki, sondern auch den eigenen Anspruch auf Endgültigkeit entmythologisiert hat. Grund genug, weiter auf die definitive Trotzki-Biografie zu warten.

Robert Service: Trotzki. Eine Biografie, Suhrkamp, Berlin 2012, 730 S., 34,95 €.
Hermann Weber: Neues Interesse an alten Ideen von Häretikern? In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Aufbau Verlag Berlin 2012, 460 S., 38 €.

Reiner Tosstorf: Es gibt noch Leben in dem alten Kerl Trotzki. Zur Trotzki-Biografie von Robert Service. In: Zeitschrift „Mittelweg 36“ Nr. 1/2010, Hamburger Institut für Sozialforschung.

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