Letzte Premiere von Chris Dercon : Das Tribunal ahnt nichts

Was wäre, wenn Frauen die Welt regierten: die letzte Premiere an der Volksbühne unter Chris Dercon.

Die israelische Künstlerin Yael Bartana bringt in ihrem Stück Schauspielerinnen und internationale Politexpertinnen zusammen.
Die israelische Künstlerin Yael Bartana bringt in ihrem Stück Schauspielerinnen und internationale Politexpertinnen zusammen.Foto: Birgit Kaulfuss

„Was wäre, wenn Frauen die Welt regierten?“ Im Prinzip keine uninteressante Frage. Für die Veranstaltung am Donnerstagabend in der Berliner Volksbühne war der Titel trotzdem falsch gewählt. In der Luft lag eine ganz andere Debatte: Was wäre, wenn der Theaterchef zurückträte?

Als die Premierenbesucher ihre Plätze im deutlich unterbesetzten Zuschauerraum einnehmen, ahnt freilich noch keiner, dass hier tatsächlich die letzte Performance unter der Intendanz von Chris Dercon beginnen wird. Die Gerüchte hatten sich zuletzt rasant verdichtet. Ganz egal, mit wem man innerhalb der Theaterbranche redete, das Gespräch steuerte praktisch umwegfrei auf die Volksbühne zu. Und jeder wollte irgendwie irgendwoher gehört haben, dass Chris Dercons Intermezzo am Rosa-Luxemburg-Platz schon bald zu Ende sei.

Insofern bringt die Versuchsanordnung „What if Women Ruled the World?“ der israelischen Künstlerin Yael Bartana einige generelle Probleme von Dercons Volksbühnen-Zeit wirklich ganz hervorragend auf den Punkt.

Frauenregierung am Runden Tisch

In Bartanas englischsprachiger Produktion versammelt sich eine exklusiv weibliche, pazifistische Regierung zur Krisensitzung am Runden Tisch. Der Präsident einer Supermacht – Bartana gibt ihm, nun ja, den Namen Twittler, blendet am Anfang aber vorsichtshalber trotzdem noch mal Donald Trump via Großbildschirm ein – will seine atomaren Waffenlager aufstocken und verstößt damit gegen das gemeinsame Abrüstungsabkommen.

Nun berät die Frauenregierung über das weitere Vorgehen, wobei Bartana Profischauspielerinnen und Politexpertinnen zusammenbringt: Neben Olwen Fouéré als Zigarre rauchender Präsidentin oder Anne Tismer als betont nervig unterbelichteter Staatssekretärin sitzt da also jede Menge Politkompetenz am Tisch: von der Botschafterin Patricia Flor über die Change.org-Vizepräsidentin Paula Peters bis zur Sozialwissenschaftlerin May Zeidani und der ehemaligen Soldatin und heutigen Literaturstudentin Heather Linebaugh.

Das Problem ist nur: Kaum öffnet die erste Diskutantin ihren Mund, rauschen einem – und das liegt weniger an den Expertinnen als am Regiekonzept – lauter Erinnerungen an Abende durch den Kopf, an denen man das alles schon mal gesehen hat. Und zwar besser. Nun liegen diese Abende teilweise schon Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte zurück.

Rein diskurstechnisch könnte man zum Beispiel jede beliebige HAU-Aufführung des Faktentiefenbohrers Hans-Werner Kroesinger nennen. Oder, vom Format her gedacht, Milo Raus dreitägige Konferenz „General Assembly“ im vergangen November an der Schaubühne, auf der internationale Aktivisten, Theoretiker, Künstler und Politiker über drängende Zukunftsfragen diskutierten und dabei gleich um mehrere Kilometer tiefer bohrten als jetzt Bartana. Im Einzelfall kann so ein Aussetzer immer wieder mal vorkommen, problematisch wird es nur, wenn ein Haus, das das Theater erklärtermaßen „weiterdenken“ wollte, inhaltlich, strukturell und – sieht man von Künstlerinnen wie Susanne Kennedy ab – auch handwerklich meist hinter eigenen Ansprüchen zurückbleibt.

Zwischen Sachverständigen und Pausenclowns

Yael Bartanas Frauenabend nun ist, eine denkbar ungünstige Kombination, im Format wenig souverän wie auch inhaltlich äußerst dünn. Die Künstlerin kann sich nicht entscheiden, ob sie einen Expertinnendiskurs oder eine Satire inszenieren will. Die Produktion hangelt sich dramaturgisch an Stanley Kubricks Kalter-Kriegs-Farce „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ aus dem Jahr 1964 entlang.

Damit steckt die Regisseurin ihre Expertinnen ohne jede Not in eine performative Zwangsjacke: zwischen Sachverständigen und Pausenclowns. So wird folgerichtig auch das diskursive Kapital sträflich verschenkt. „Wir müssen Geld investieren“, „Wir brauchen wirklich mehr Frauen in den wichtigen Positionen“: Über diese Allgemeinplätze kommt die Diskussion am Tisch nicht hinaus.

Denn kaum versucht eine mal tiefer einzusteigen, grätscht entweder Anne Tismer als offensichtliche Humorbeauftragte mit dümmlich biologistischen Tierreichs-Thesen in übertrieben schlechtem Englisch dazwischen. Oder das Diskussionsniveau wird dadurch gesenkt, dass – wohl als Hostessenersatz – ein Kellner mit nacktem Oberkörper und Obstschale die Szene betritt und die Frauen sich zu dessen (Nicht-)Outfit verhalten müssen. Wobei man ihnen die dramatische Simulationsmühe, dass das irgendwie zu ihren vorrangigen Problemen gehöre, deutlich anmerkt.

Apropos: Der (Dokumentar-)Abend hat mithin eine feministische Agenda. Immerhin das war – denkt man neben Bartanas Abend auch an Mohammad al Attars „Iphigenie“ auf dem Tempelhofer Feld, mit geflüchteten jungen Syrerinnen – durchaus ein Alleinstellungsmerkmal von Dercons kurzer Volksbühnen-Saison, neben all den Aufgüssen und mehr oder weniger weiterentwickelten Importen aus dem HAU und von geisteswandten Bühnen.

Ende der Ära Dercon

Wenn man sich dann aber derart wenig dafür interessiert, was die klugen Frauen auf der Bühne tatsächlich zu sagen hätten und sie stattdessen mit Bananen aus oberkörperfrei herumgetragenen Obstschalen zum intellektuellen Downgrading zwingt, kippt das theoretisch redliche Anliegen schnell ins bedenkliche Gegenteil.

In ihrer Eigenwerbung zur Neuauflage von Jérôme Bels verdientem Bühnen-Oldie „The show must go on“ kurz vor Weihnachten hatte die Dercon-Volksbühne ihr Problem im Prinzip selbst schon treffsicher auf den Punkt gebracht: „Ausgezeichnet in New York mit dem berühmten Bessie Award, tourt ,The show must go on‘ seit 15 Jahren erfolgreich durch 30 Länder.“ Genau: Sofern überhaupt etwas stattfand im großen Haus, hat die Volksbühne unter Dercon, der die ganze Branche weiterentwickeln wollte, von Anfang an überdurchschnittlich viele offene Türen eingerannt – beziehungsweise manche geöffnete Tür sogar wieder ein Stück weit wieder geschlossen.

Das zeichnete sich ja schon zur Eröffnung mit den Beckett-Einaktern von Walter Asmus ab. Nun geht nach weniger als einem halben Jahr die kurze Dercon-Ära mit einem Abend zu Ende, der mit „What if ...“ anfängt. Was wäre, wenn ... Jawohl: Ab sofort darf spekuliert werden, bitte möglichst klug und weitsichtig. Und vielleicht sogar wieder mit Räuberrad.

Nächste Aufführung am heutigen Samstag um 19.30 Uhr

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