Kultur : Liebe, Tod und Stachel

Sting singt Renaissancelieder von John Dowland in der Berliner Philharmonie

Christine Lemke-Matwey

Wäre der Lautenist Edin Karamazov eine Diva – die Menschen würden ihm zu Füßen liegen. Jetzt liegen sie ihm auch zu Füßen, zwangsläufig, schließlich gilt die Laute seit jeher als eines der anspruchsvollsten Saiten- respektive Zupfinstrumente. Und Karamazov, nicht faul, geht in der Philharmonie aufs Ganze, wirft seine haselnussbraune Schnittlauchtolle von rechts nach links nach vorne, kriecht tief in den Corpus des Instruments hinein, reckt theatralisch sich empor, als wäre er selbst der Troubadour, auf einem schäumenden Araberhengst unterm Fensterchen der Liebsten in Positur sich werfend.

Mit einer eher peinlichen Bach-Toccata und anderen Fingerübungen indes dürfte deren Herz ebenso wenig zu gewinnen sein wie das des Publikums. Nach gut 25 Minuten aber, just als die kollektive Geduld zu erlahmen droht und auch die bunten Spielchen der Lichtanlage nicht mehr helfen und die Perserteppiche auf dem Podium eine stickige Müdigkeit zu verbreiten beginnen – da kommt er. Sting. Ganz der unermüdliche Arbeiter im Dienste der Menschheit. Und der Kunst. Der Gutmensch und politisch Korrekte mit dem gepflegten Reibeisenorgan. Der Autodidakt, der, wie er sagt, gar keine Wahl hatte. Die Lieder John Dowlands, diese Karfunkelsteine der englischen Renaissance, würden ihn seit 20 Jahren verfolgen. Irgendwann, ermutigt von der Pianistin Katia Labèque und bestärkt durch Karamazovs Kompetenz, hat er sich schließlich ergeben, sich hingegeben. Sting singt Dowland – etwas Einträglicheres, Ehrlicheres in Sachen Crossover hätte der Plattenindustrie kaum passieren können.

Sting nimmt also Platz, rückt Noten und Mikro zurecht – und beginnt. Ein wenig lampenfiebrig noch und beklommen während der ersten Nummern, als müsste er die Resonanzen in Kopf und Herz an diesem Abend in diesem Saal erst ausloten, neu justieren. Erstaunlich: Die Stimme – und das hat mit der elektronischen Verstärkung nichts zu tun – klingt voluminöser, reicher, farbiger als auf der CD. Vor allem in der Tiefe, die bisweilen orgelt und gurgelt, als betrachte der Sänger sein alter ego Dowland tatsächlich im Wellenspiel eines mittelalterlichen Wassergrabens. Ein sauber intonierender Chor (Stile Antico) sorgt derweil für etwas mehr klangliche Unterfütterung, die Anekdötchen aus Dowlands bewegtem Leben strecken beileibe nicht nur die Zeit, manches davon bietet der Sänger gar in tadellosem Deutsch feil – die Stimmung löst sich.

Ob Sting nun die Töne und Tonhöhen immer perfekt zu halten weiß, ob er musikalisch frei und in der einzelnen Phrasierung weich genug ist, bei kleineren Fehlern oder Verschleppern richtig zu reagieren – geschenkt. Hier sitzt (später: steht) ein Mensch, der seiner Leidenschaft huldigt. Professionell, aber nicht unfehlbar. Der so singt, wie man sich vorstellt, dass man selber sänge, wenn man die Liebe nur hätte und sich traute vor dem großen John Dowland und dem weiten Rest der Musikwelt. Am schönsten vielleicht: die Emphase in „Clear or cloudy“, die gallige Schwärze von „In darkness let me dwell“. Musik, die tröstet, weil sie so alt ist und trotzdem noch heil. Schade, dass Sting nicht mehr Lieder im Programm führt. Listiges Augenzwinkern also zum Finale und: ein bisschen Police. Für alle, die dachten, sie seien im falschen Film gelandet. Ovationen. So und so.

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