• Literarisches Colloquium: 30 Jahre Mauerfall: Schriftsteller schauen auf das Leben in geteilten Städten

Literarisches Colloquium : 30 Jahre Mauerfall: Schriftsteller schauen auf das Leben in geteilten Städten

Fluchtpunkte und mystische Übergänge: Das Literaturfestival „Rewriting the Map“ lässt Autoren über das Leben und die Kunst in geteilten Städten nachdenken. Lesen Sie drei Texte vorab hier.

Isabel Fargo Cole Senka Maric Isabel Fargo Cole
Kulturerbe. Die "Alte Brücke" von Mostar wurde nach ihrer Beschädigung im Bosnienkrieg restauriert.
Kulturerbe. Die "Alte Brücke" von Mostar wurde nach ihrer Beschädigung im Bosnienkrieg restauriert.Foto: Filippo_Monteforte/dpa

„A city is more than a place in space, it is a drama in time,“ schrieb der schottische Botaniker und Stadtplaner Sir Patrick Geddes. Sein vielzitierter Satz wurde die Grundidee urbanistischer Forschung. Das Literarische Colloquium am Wannsee nimmt ihn sich als Motto, und fragt: Wie lebt es sich in europäischen Städten, die von einer Teilung betroffen sind oder waren? Vom 25. bis zum 27. Juli diskutieren auf dem Festival „Rewriting the Map“ Gäste aus Belfast, Mostar, Nikosia, Berlin und anderen Städten. Aus den für das Festival entstandenen Schriftstellertexten haben wir vorab drei ausgewählt. Die genaue Veranstaltungsabfolge findet sich unter www.lcb.de.

Senka Marić: Regen in meiner Stadt (Mostar in Bosnien)

Die Fassaden sind schrundig, schälen sich wie rissige alte Haut

bemalt mit feuchten Flecken

umrahmt von den Ästen des Götterbaums

diese Pflanze ist ein Trost

ein sicheres Zeichen dafür, dass die Welt stärker ist als wir

der Mund der Natur

er verschlingt uns zusammen mit unseren Häusern sobald wir die Augen schließen

wir schlafen nie und niemals

aus Angst verzehrt zu werden

verloren in diesem grünen Meer

in dem keine Wege und Schilder auszumachen sind

Anhaltspunkte, an denen wir unser Haus erkennen können

und wissen, dass wir eintreten sollen

das Licht einschalten, den Herd, den Fernseher, den Kühlschrank

alles was brennt und summt

damit wir wissen, dass wir am Leben sind

wir Götter der kleinen Dinge

ontologisch vollendete Beherrscher der Elektrizität

durch die Fensterscheiben stechen wir in die Nacht

und lassen sie auf den Straßen bis zum Morgen bluten

alles ist gut, alles ist an seinem Platz, wir beruhigen uns

bis es anfängt zu regnen

und der Götterbaum durch die Ritzen kriecht

den Asphalt aufwühlt, die Wände frisst und das Haus untergräbt

und wir gefallenen Götter

die sich der uns dargebotenen Liebe nicht bewusst sind

sehnen uns nach einer Welt, die zärtlich genug ist,

uns zu umarmen

Senka Marić, 1972 in Mostar geboren, schreibt Gedichte, Kurzgeschichten und Essays. Sie ist derzeit Chefredakteurin des 2014 gegründeten Online-Magazins „Portal Strane“ (www.strane.ba). Ihren Text hat Nadine Lange aus dem Bosnischen übersetzt. Das bosnische Original lesen Sie hier:

Kiše u mom gradu

 Fasade su ispucale, oljuštene kao višak kože

iscrtane vlažnim flekama

obgrljene granama rusovine

ta biljka je utjeha

siguran znak da svijet je jači od nas

usta prirode

guta nas zajedno s našim kućama čim zatvorimo oči

ne spavamo nikada i nikako

u strahu da ćemo biti pojedeni

izgubljeni u tom zelenom moru

gdje ne razaznaju se ceste, putokazi

znamenje po kojem prepoznajemo svoj dom

i znamo da u njega trebamo ući

upaliti svjetlo, upaliti peć, televizor, frižider

sve što gori i sve što zuji

da znamo da smo živi

mi bogovi malih stvari

ontološki savršeni vladari elektrike

kroz prozorska okna probadamo noć

i puštamo da krvari po ulicama sve do jutra

sve je dobro, sve je na svom mjestu, tješimo se

dok ne počnu kiše

i rusovina progmiže kroz pukotine

rujući asfalt, grizući zidove, potkopavajući kuće

a mi popadala božanstva

nesvjesni ljubavi što nam se pruža

čeznemo za svijetom koji će imati dovoljno nježnosti

da nas zagrli

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