Auf der Suche nach der Welt der Zukunft : Energie und Bremskraft

Georg Milde bereist die Welt

Alle reden darüber: Die Welt wandelt sich. Georg Milde wollte es erleben. Der Herausgeber des Fachmagazins „politik & kommunikation“ reiste einmal um die Welt – drei Monate lang, jede Woche ein anderes Land. Getrieben wurde er von dem Wunsch, von möglichst vielen Menschen zu erfahren, wie sie leben, um daraus zu folgern, was die Welt bewegt. Die Anlässe dafür liegen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße: politischer Wandel, soziale Veränderungen, neue Sinnsuche, Globalisierung, Digitalisierung. Kein Tag scheint zu vergehen, an dem nicht einstige Gewissheiten ins Wanken geraten. Eine umfassende Transformation ist zu spüren. Die Folge sind konkrete Zukunftserwartungen und diffuse Befürchtungen – und dies gleichzeitig, zum Teil nebeneinander, zum Teil miteinander verwoben.

Kurzfristig gebucht

In dieser globalen Gemengelage brach Milde wie ein Entdecker auf. Von Woche zu Woche legte er das nächste Ziel fest. Immer erst kurzfristig buchte er Flugticket und Hotel. Er folgte seinem inneren Kompass, den er während seiner Reise immer wieder neu justierte. Er suchte nach Orten mit möglichst viel Transformationsenergie, die beispielhaft für jene weltweit zu beobachtenden Umwälzungen stehen, die viele Menschen erahnen lassen, dass sie in wenigen Jahren ganz anders leben werden als heute. Diese Orte glaubte Milde vor allem in sehr großen Städten zu finden, da dort Veränderungen verdichtet sichtbar würden.

Entsprechend zählten dann drei Viertel seiner Stationen zu den größten Metropolen der Welt, voran Tokio mit rund 38 Millionen Einwohnern, gefolgt von Delhi mit 27, Seoul und Schanghai mit 24, New York, São Paulo, Peking, Mexiko-City mit 21, Moskau und Kairo mit 17, Rio de Janeiro mit zwölf und London mit elf Millionen. Diese Metropolen bezeichnet Milde als Brenngläser und Zukunftslabore – im Guten wie im Schlechten. Auf sie starren die Menschen aus den anderen Landesteilen, um zu sehen, ob sie alles richtig machten.

Unzählige Begegnungen

Wie lautet das Fazit der unzähligen Erlebnisse und Begegnungen unter anderem mit Politikern, Unternehmern, Forschern, Lehrern, NGO-Aktivisten, Obdachlosen, Studenten und vielen Menschen mehr an diesen Stationen? In 13 Ländern hat Milde nach „Transformationsenergie“ gesucht, welche die aktuellen Umbrüche antreibt. Zweifellos stieß er allerorts auf viel Veränderung – doch wesentlich häufiger als erwartet begegnete er auch Phänomenen und Faktoren, die Transformation bremsen. Die meisten davon empfand er als von Menschen gemacht. Nach seiner Rückkehr arbeitete er daher Bremsfaktoren und Energiequellen für Veränderung heraus, einschließlich der sich daraus in seinen Augen ergebenden Anforderungen an sich selbst.

Zu den bremsenden Faktoren zählt Milde die Angst. Neben wirtschaftlich-existenziellen Ursachen ist ihm vor allem Angst aufgrund drohender staatlicher Repression sowie eines gefährlichen, gewaltgeladenen Alltags begegnet. So unterschiedlich die Ursachen sein könnten, so sehr beherrsche diese Emotion das Leben vieler Menschen – bewusst oder unbewusst sei sie geradezu omnipräsent. Er denkt dabei an die Verhaftungsszenen, die er in Ruanda beobachtete, an die Macht der Narcos und die große Zahl von Straßenräubern in Mexiko, an die Sorgen eines Schwulen in Russland, an den flüsternden Friseur in Indien, der wie viele von alltäglichen Übergriffen auf Minderheiten und Schwächere bedroht ist, an die Frau in Ägypten, die sich nicht mehr traut, als Journalistin zu arbeiten. Milde hat die hohen Mauern mit Stromdrähten vor Augen, die in Brasilien Villen abriegeln, und zugleich die dort lebenden Obdachlosen, die gegenseitig auf sich achtgeben, aber über den Besucher herfielen. Einer der eingängigsten Sätze, die er in diesem Zusammenhang auf seiner Reise hörte, lautete: „Die Macht hat der, der die Angst beherrscht.“

Die Konflikte nehmen zu

Weitere Bremsfaktoren, die Milde beobachtet: Die Menschheit bremst sich selbst durch gegenseitige Benachteiligung, Unterdrückung und Diskriminierung, ob aufgrund von Abstammung, Glauben oder Geschlecht. Einen erheblichen Einfluss auf Transformation weltweit erkennt er im Spannungsfeld zwischen liberalen und autoritären Ansätzen, das nichts weniger als eine Systemfrage darstellt. Parallel sieht er die Welt auf immer mehr Konflikte zusteuern, insbesondere durch die technischen Möglichkeiten der sozialen Medien, über die aggressive Töne transportiert werden. Ob online oder offline: Die zunehmende Polarisierung fördere Anführer mit Hang zu Streit und Populismus. Von Ruanda über China, Indien, den USA bis Russland hat Milde sich in Ländern bewegt, die zwar grundverschiedene Systeme repräsentieren, in denen sich die politischen Führer aber jeweils als Vertreter einer Politik der Stärke darstellen.

Aufrecht bleiben!

Die Früchte ihres vermeintlichen Erfolgs sind verlockend. Und so erwartet auch Milde für die Zukunft einen weiteren Anstieg von Aggressivität, Streit, Populismus und politischen Anführern „mit hohem Testosteronspiegel“. Doch abfinden möchte er sich damit nicht. Daher fragt er nach dem Gegenentwurf der weitaus weniger spektakulär wirkenden liberalen Ordnungen. Antworten erhofft er sich in neuen Perspektiven, die zu schaffen seien, in mehr Sinnvermittlung, mehr Mut und Bereitschaft zum Umdenken. Man müsse kritischer gegenüber der Technik und ihren Schöpfern werden.

Und nicht zuletzt: Man müsse trotz der Herausforderungen aufrecht gehen und zuversichtlich bleiben. Wer dies für banal hält, dem sei erst recht die Lektüre dieser Weltreise empfohlen. Nach ihr stellt sich alles anders dar – hoffentlich.


Georg Milde: In Transformationsgewittern. Eine Reise um die Welt zu den Schauplätzen des Umbruchs. Siebenhaar Verlag, Berlin 2019. 541 S. mit 46 Abb., 25 €.