Die Menschen des 20. Juli 1944 : Mut und Wahrhaftigkeit

Wolfgang Huber zeichnet das Porträt eines Mannes, der Widerstand aus seinem Glauben heraus leistete.

Der Unbeugsame. Dietrich Bonhoeffer in einer undatierten Aufnahme.
Der Unbeugsame. Dietrich Bonhoeffer in einer undatierten Aufnahme.Foto: imago/United Archives Internatio


Dietrich Bonhoeffer ist den meisten Nicht-Theologen durch sein Gedicht „Von guten Mächten“ bekannt. Oder durch Kalendersprüche und sein angebliches Gutmenschentum. Viele ordnen ihn in den Widerstand gegen Hitler ein. Doch das allein reicht nicht für die Würdigung dieses außerordentlichen Menschen.

Wolfgang Huber, ehemaliger Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, legt nicht noch eine weitere Biografie des „evangelischen Heiligen“ vor, wie die 1000 Seiten aus der Feder von Bonhoeffers Weggefährten Eberhardt Bethge. Huber geht es darum, das Verhältnis von Biografie und Theologie deutlicher zu beleuchten, ebenso wie Bonhoeffers leidenschaftliche Suche nach Wahrheit.

Huber kennt Bonhoeffers Werk

Die beginnt sehr früh. 1906 als sechstes von acht Kindern geboren, wusste Bonhoeffer schon mit 15, dass er Theologie studieren wollte. Die Familie war skeptisch. Die Geschwister hielten die Kirche für eine schwächliche, langweilige Einrichtung. „Dann werde ich eben diese Kirche reformieren!“, war seine selbstbewusste Replik.

Allein die Mutter unterstützte ihn. Sie stammte aus einer Theologenfamilie und hatte als Lehrerin die Chance wahrgenommen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Eine weise, vorausschauende Entscheidung. So konnte ihr Dietrich schon mit 17 das Theologiestudium in Berlin aufnehmen. Mit 21 Jahren lieferte er eine Dissertation zu seinem Verständnis der Kirche ab. Diese Arbeit unter dem Titel „Sanctorum Communio“, die „Gemeinschaft der Heiligen“, nennt Huber „lesenswert bis zum heutigen Tag“. Er fügt hinzu: „Von welcher Arbeit eines Einundzwanzigjährigen kann man das schon sagen?“ Mit 22 Jahren bestand er sein erstes theologisches Examen und verbrachte sein Vikariat in Barcelona bei der Gemeinde der Auslandsdeutschen.

Der Reisende

Erstaunlich ist sein Reisepensum trotz ständigen Lernens. Noch während des Studiums unternahm Bonhoeffer mit seinem Bruder Klaus eine Reise bis nach Marokko und Italien. 1930, mit 24 Jahren, war er bereits habilitiert und hatte das zweite theologische Examen absolviert. Dann auf nach New York, wo er ein Studienjahr am Union Theological Seminary verbrachte. Von dort reiste er nach Kuba, in die Südstaaten und nach Mexiko. Überall war er ein Beobachter, ein Suchender. Die Baptistengemeinden und die Kirchen der Schwarzen faszinierten den Lutheraner. Zurück in Deutschland, arbeitete er in der ökumenischen Jugendarbeit, als Studentenpfarrer in Berlin sowie als Privatdozent.

Keine Freiheit im NS

Der nationalsozialistische Lärm wurde immer lauter. Bonhoeffer verstand früh, dass Nationalsozialisten nicht den Dienst am Menschen, geschweige denn Frieden und Gerechtigkeit im Sinne der Bergpredigt im Sinn hatten. Schon im Sommer 1932 hatte er seinen Freunden in der Ökumene vorausgesagt, Hitlers Machtübernahme würde ein Unglück für Deutschland und ganz Europa sein.

Im Februar 1933, kurz hach Hitlers Ernennung, platzierte er einen geradezu halsbrecherischen Beitrag im Radio. Ohne Hitler zu nennen, sprach er vom Führer als Idol und Verführer. Das Handeln eines solchen Führers nannte er in der handschriftlichen Fassung „verbrecherisch“.

Die Gefahr steigt

Für eine Minderheit war die Gegenwehr gegen die Maßnahmen des Regimes zwar das Gebot der Stunde. Doch die wurde immer schwieriger und riskanter. Zwangsläufig kam Bonhoeffer zum aktiven Widerstand. Seine Devise lautete, man müsse „dem Rad selbst in die Speichen“ greifen. Er kämpfte gegen die Gleichschaltung der evangelischen Kirche, gründete mit Pastor Niemöller den „Pfarrernotbund“, den Vorläufer der Bekennenden Kirche. Er geißelt den kirchlichen Arierparagrafen als unvereinbar mit dem christlichen Bekenntnis.

Man muss sich diese Abfolge seiner öffentlichen Äußerungen und Handlungen vor Augen führen, um die häufig zu findende kleinliche Bewertung seiner Rolle im Widerstand als absurd zurückzuweisen. 1936 verlor der junge Mann, der so früh sämtliche Prüfungen gemeistert hatte, die Lehrbefugnis, dann das Recht, Pfarrer auszubilden. Schließlich galt für ihn ein reichsweites Redeverbot, ab 1941 auch ein gänzliches Veröffentlichungsverbot. „Die Sache der Kirche können wir nicht durchhalten ohne Opfer“, lautete Bonhoeffers Kommentar. Und so landete er mit Hilfe seines Schwagers Hans von Dohnanyi bei der Abwehr, dem militärischen Geheimdienst der Wehrmacht, deren – bei Kriegsende hingerichteter – Leiter, Admiral Canaris, selbst in den Widerstand involviert war. Hier nutzte er seine ökumenischen Kontakte und reiste offiziell nach Italien, Schweden, Norwegen und in die Schweiz.

Im Gefängnis schreiben

In all dieser Zeit war er weiter mit theologischen Fragen beschäftigt. Als er 1943 in seinem Elternhaus wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet wurde, schrieb er an Entwürfen zur Ethik. Auch während seiner Haft, die ohne jedes Verfahren bis zu seiner Hinrichtung im April 1945 dauerte, verfasste er neben Gedichten, Briefen und literarischen Versuchen auch theologische Entwürfe. Er verlor nie den Glauben an seine Befreiung.

Nach dem gescheiterten 20. Juli war er indes nicht mehr zu retten, die gefundenen Aufzeichnungen seines Schwagers zeigten seine Verstrickung in den Widerstand. Hitler persönlich ordnete seine Hinrichtung an. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg ermordet.

Kein Exil in New York

1939 hatte Bonhoeffer die sichere Zuflucht in New York ausgeschlagen. Er sah seine politische Verantwortung als Christenmensch in Deutschland, dort konnte er – wie Huber schreibt – versuchen „dem Bösen zu wehren und für Frieden und Recht einzutreten“. Als er den Tod vor Augen hatte, waren seine letzten Worte: „Dies ist für mich das Ende, aber auch der Beginn“. Dieser Beginn war die Transzendenz seines kurzen irdischen Lebens , das er in vorbildlicher Einheit von Glauben, Lehre und Verantwortung gelebt hatte. Auch wer mit Theologie nichts anfangen kann, wird das Porträt dieses ungewöhnlich begabten und tiefgläubigen Mannes mit Gewinn lesen, denn selten ist ein Leben mit so viel Mut und Wahrhaftigkeit gelebt worden.

Wolfgang Huber: Dietrich Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit. Ein Portrait. Verlag C. H. Beck, München 2019. 336 S. m. 25 Abb., 26,95 €.