Eine Gesamtdarstellung des Staates Preußen und seiner Gesellschaft : Ein Staat und nichts darüber hinaus

Hartwin Spenkuch steht jeder Preußen-Verklärung fern

Konstantin Sakkas

Preußen ist in. Seit der kulturellen Etablierung der „Berliner Republik“ in den vergangenen zwei Dekaden hat sich das ehemals düstere Bild des 1947 per Kontrollratsbeschluss aufgelösten Staates deutlich zum Positiven gewandelt. Nach einer ersten zaghaften Renaissance in den frühen Achtzigern: die Preußen-Ausstellung in Berlin 1981 und Helmut Kohls „geistig-moralische Wende“ –, die indessen weder gesellschaftlich noch gar wissenschaftlich so recht zünden wollte, wurde Preußen vollends rehabilitiert nach dem Jahr 2000, insbesondere durch die Werke Christopher Clarks.

Ein gallisches Dorf freilich blieb gegen das Preußen-Revival, das um die 300-Jahr-Feier Friedrichs des Großen im Jahr 2012 kulminierte, weitgehend immun: die deutsche Geschichtswissenschaft. Hier wird das Königreich, in dem nach dem vielzitierten Bonmot des Grafen Mirabeau nicht der Staat die Armee, sondern die Armee den Staat besaß, nach wie vor kritisch bewertet – freilich nicht mehr aus marxistischer Ideologie heraus wie noch bis in die Neunzigerjahre, sondern auf Basis (möglichst) wertneutraler sozialgeschichtlicher Ermittlung. Als Quintessenz dieser modernen Preußenkritik kann das Buch gelten, das Hartwin Spenkuch nun vorgelegt hat und das er explizit als Antithese zu Clarks Preußen-Buch von 2006 versteht.

Nichts da mit dem "aufgeklärten Staat"

Spenkuchs zentrale Topoi heißen Sozialmilitarisierung (Otto Büsch) und Sozialdisziplinierung (Gerhard Oestreich). Das beliebte Narrativ vom aufgeklärten friderizianischen Staat sieht er mit Franz Mehring als „Lessing-Legende“ an: Die sprichwörtlichen Moscheen, die Friedrich der Große den „Türken und Heiden“ hatte bauen wollen, habe er nicht gebaut, denn es kamen ja weder Türken noch Heiden; aber den Juden gegenüber, die im Land waren, war er nicht tolerant.

Preußens Rolle vor und nach der Reichsgründung 1871 beschreibt Spenkuch als die des „konservativen Treibankers“ in Deutschland: Die Modernität, die vom Staat Hardenbergs und Bismarcks ausgehen konnte, verleugnet er ebenso wenig wie Resistenzen gegen obrigkeitliche Disziplinierung im 18. und Paradoxien bürgerlichen Fortschrittsgeistes im 19. Jahrhundert: „Bauern wie Städter“ hätten „weder besinnungslose Militärfreudigkeit noch stete Untertänigkeit“ charakterisiert, „bürgerliche Liberale“ hätten als Befürworter einer deutschen Einheit im Verfassungskonflikt der 1860er Jahre nicht „das Militär an sich“ abgelehnt, und „zum wahren Mirakel Brandenburg-Preußens" seien, wie er in charmanter Abwandlung des berühmten Wortes Friedrichs des Großen schreibt, „seit 1810 Bildung und Wissenschaft“ geraten.

Fontane verklärt

Dennoch fällt Spenkuchs Gesamturteil vernichtend aus. Preußens Gesellschaft – denn Spenkuch schreibt, trotz des universalistischen Anspruchs seines Buches, primär Sozialgeschichte – hatte außerhalb der fiktiven Salons Fontanescher Romane tatsächlich wenig Anheimelndes zu bieten. Preußen war nicht nur ein Macht- und Militärstaat – das waren alle größeren Staaten mehr oder weniger –, er war der Staat schlechthin und vor allem anderen.

Spenkuch spricht daher auch von der „Leitkategorie Staat“. Verhängnisvoll sollte sich das vor allem im 19. Jahrhundert auswirken: während der Restauration nach 1815, vor allem aber in und nach der Bismarck-Zeit, als das Bürgertum jene unheilige Allianz mit der eigentlich ungeliebten, aber erfolgreichen Königsmacht einging. Und ja: Die Rücksichtslosigkeit und Brutalität, mit der unter Bismarck bzw. seinen Nachfolgern der Kampf gegen Sozialismus, Katholizismus und polnische Minderheit geführt wurde, kann einem fürwahr schon „den totalitären Staat des 20. Jahrhunderts am Horizont“ stehen lassen. Den Link zwischen vermeintlich „nüchterner“, über den Parteien stehender preußischer „Staatsvergottung“ und der angeblichen „politischen Religion“ des Nationalsozialismus, den Hannah Arendt oder Franz Neumann in rückblickender Verklärung nicht sehen wollten: Es gab ihn.

Kein weiblicher Einfluss

In Spenkuchs Sicht konnten „die Versatzstücke der Idee Preußen ideologisch als Brücke zwischen den antiwestlich, antiparlamentarisch, völkisch und antisemitisch eingestellten Deutschnationalen und dem Nationalsozialismus“ dienen. Denn die Gestalter Preußens hatten es versäumt, diesem Kunstgebilde, das (wieder Mirabeau) „aus einer Kanonenkugel geboren war“, einen Geist einzuhauchen, der über stumpfen Korps- und Kommissgeist hinausging. Eine „Idee“ Preußen, von der Wolf Jobst Siedler, einen „preußischen Traum“, von der Henning von Tresckow sprach, hat es im wesentlichen Sinne nie gegeben, lautet Spenkuchs Tenor, und so war es wohl auch.

Das mag man auch daran sehen, wie wenig weiblich dieses Preußen war (das betonte einst ausgerechnet der preußische Aristokrat und Historiker Christian Graf von Krockow). Eine Rahel Levin oder Marie Schleinitz haben auf die Politik Preußens nie wirklich Einfluss ausgeübt.

Gerade hieran zeigt sich Preußens vielleicht größtes Defizit: ein erschütternder Mangel an Transzendenz, an einer höheren Idee, eine erschreckende Fantasielosigkeit, eine geradewegs brutale Diesseitigkeit, deren Drachensaat dann nach 1933 aufging.

Hartwin Spenkuch: Preußen – eine besondere Geschichte. Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur 1648–1947. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019. 532 S., 70 €.