Militärgeschichte des Kalten Krieges : Hass gegen Westdeutschland

Christoph Nübel sammelt Dokumente aus Ost und West

Hannes Schwenger

Deutschland, so berief sich Wilhelm Pieck 1944 in einem Vortrag vor der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee auf deren Generalissimus Stalin, werde bei Kriegsende völlig entwaffnet und werde „auch keine Armee mehr haben“. Wenn es aber eine gründliche Umkehr durch eine „kämpferische Demokratie, für eine ehrliche Völkerverständigung und Freundschaft mit der Sowjetunion und den anderen Völkern“ vollziehe, dann würden alle Fragen des inneren Regimes „anders stehen als unmittelbar nach Beendigung des Krieges. Wir werden wieder eine Wehrmacht haben – aber eine demokratische (...)“.

Zehn Jahre nach Kriegsende hatte das nun geteilte Deutschland sogar zwei Armeen, die westdeutsche Bundeswehr und die Nationale Volksarmee der DDR. Für deren Aufbau verordnete Stalin nach dem Koreakrieg Pieck und Genossen die Devise: „Volksarmee schaffen ohne Geschrei. Pazifistische Periode ist vorbei.“

Militärschulung für Kommunisten

Die Weichen hatte er schon 1948 in einem Gespräch mit Pieck, Grotewohl und Ulbricht in Anwesenheit des späteren Hochkommissars für die DDR Semenow gestellt. Stalins Frage, ob es möglich sei, „die Polizei der Zone zur Armee umzugliedern, beantwortete Ulbricht zustimmend mit dem Hinweis auf die 20 000 Mann zählende Kasernierte und Grenzpolizei. Semenow schlug eine militärische Hochschule für deutsche Kommunisten vor, an der man „für den Unterricht Paulus, Seydlitz und andere deutsche Generale einsetzen könne“. Das Protokoll vermerkt: „Ulbricht bittet darum, und ebenso um die Genehmigung zum Aufbau deutscher Sicherheitsorgane. Gen. Stalin sagt, dass dies gut wäre.“

Das alles ist nachzulesen in den Dokumenten Nr. 1, 9 und 19 von 217 Dokumenten zur deutschen Militärgeschichte aus den Jahren des Ost-West Konflikts 1945 bis 1990, die Christoph Nübel im Auftrag der Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr zusammengestellt hat. Die meisten sind bisher unveröffentlicht, ihre Publikation ist nur der erste Band einer Reihe zur deutsch-deutschen Militärgeschichte, die hier erstmals in ihrer wechselseitigen Bedingtheit und Wechselwirkung, „als Beitrag zu einer gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte“ vorgestellt wird. Dabei werde, verspricht der Herausgeber, nicht nur das Militär selbst in den Blick genommen, sondern auch seine politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Ost-West-Konflikt.

Konzept der "Inneren Führung"

Das klingt anspruchsvoll, wird aber durch eine Auswahl eingelöst, die weder Interna der beiden Armeen wie Personalaufbau, Dienstvorschriften, Wehrdienstverweigerung, Traditionspflege und Feindbilder ausspart noch ihre Bewertung durch Freund und Feind, Opposition und Friedensbewegungen in Ost und West. Auch nicht die Vorgeschichte der NVA und ihrer Generalität und die „Sammlung“ ehemaliger Militärs in der „Organisation Gehlen“ als „Nukleus für eine westdeutsche Armee“, während die DDR schon 1957 die beim Aufbau der NVA beteiligten hohen Wehrmachtschargen verabschiedete (das erleichterte ihr 1965 in ihrem „Braunbuch“ die Polemik gegen „Hitlergenerale“ in der Bundeswehr).

Dagegen fällt ein Vergleich der inneren Verfasstheit beider Armeen zugunsten der Bundeswehr aus, dank ihres Verzichts auf ein explizites Feindbild und ihres Konzepts der „Inneren Führung“. Das eine wie das andere gab es in der NVA so wenig wie Wehrdienstverweigerung, auch wenn die DDR als einziger Staat des Warschauer Pakts unbewaffnete „Bausoldaten“ kannte.

Die Friedensbewegung zeigt Wirkung

„Die nationalen Streitkräfte müssen erfüllt sein vom Hass gegen den amerikanischen, englischen und französischen Imperialismus“, hatte Ulbricht 1954 auf einer Parteikonferenz verfügt, „vom Hass gegen die Großgrundbesitzer und die Militaristen Westdeutschlands. Es darf keine pazifistischen Tendenzen in unseren Streitkräften geben (...)“.

Die gab es erst in der Spätphase der DDR, als sogar ehemalige Angehörige der NVA 1986 deren innere Reform und die Abkehr vom „gebräuchlichen Feindbild“ (Dokument 175) forderten. und selbst die Stasi in der NVA („Verwaltung 2000“) Reformen für nötig hielt. Da hatte schon die Friedensbewegung in Ost und West ihre Wirkung getan, wenn auch die Bundeswehr 1987 eine „Erosion des Bedrohungsgefühls als Problem für die Bundeswehr“ (Dok. 189) beklagte. Das Dokumentenwerk zeichnet den Wandel der Militärdoktrinen der beiden Bündnisse und ihrer deutschen Armeen seit ihrer Gründung bis zur Détente 1990, dem Abzug der Sowjetarmee und Eingliederung der NVA in die Bundeswehr, nach.

Atombomben am Rhein

Die Spannweite dieses Wandels illustriert die Abbildung einer amerikanischen Kartenskizze von 1949, die sowjetische Angriffskolonnen am Rhein zeigt, die durch zwei Atombomben gestoppt und zurückgeworfen werden sollten – ein Szenario, das ganz Deutschland zum Schlachtfeld gemacht hätte. Das zu vermeiden, zeigten sich beide deutsche Staaten mit eigenen Beiträgen zur Militärstrategie ihrer Bündnisse bemüht. Am Ende mit Erfolg – ob mit oder ohne eigenes Zutun.

Christoph Nübel (Hrsg.): Dokumente zur deutschen Militärgeschichte 1945–1990. Bundesrepublik und DDR im Ost-West-Konflikt. Chr. Links Verlag, Berlin 2019. 1000 S. mit 4 Karten, 80 €.