Literaturkolumne "Fundstücke" : Von Schönheit, Tod und Hoffnung

Ein erstaunliches, spannendes, oft erschütterndes Buch: Grischka Voss, Tochter von Gert und Ursula Voss, erinnert sich an ihr Leben als "Gauklerkind".

Die Schauspielerin, Theaterleiterin und Autorin Grischka Voss
Die Schauspielerin, Theaterleiterin und Autorin Grischka VossFoto: Ernst Kainerstorfer

Vor vier Jahren, Anfang Dezember 2014, ist in Wien die Dramaturgin und Autorin Ursula Voss gestorben. Noch nicht fünf Monate waren da vergangen, seit am Mittag des 13. Juli 2014, gleichfalls in einem Wiener Krankenhaus, ihr Mann, der Schauspieler Gert Voss gestorben ist. Mit 72 Jahren, an den Folgen einer Bluterkrankung. Am Abend noch wollten sie beide das WM-Finale Deutschland - Argentinien im Fernsehen anschauen, und im Laufe der Woche glaubte Voss, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden.

Wir waren seit vielen Jahren miteinander befreundet. Ein paar Tage vor Ursulas plötzlichem Tod wurde im Akademietheater der Wiener Burg das große Buch vorgestellt, das Ursula Voss im Auftrag der Berliner Akademie der Künste über ihren vor Drucklegung noch lebenden Mann herausgegeben hatte: „Gert Voss auf der Bühne“ (292 Seiten, 284 Abb., ursprünglicher Preis 29 Euro, jetzt antiquarisch zu Sammlerpreisen). Zwei Mitautoren, André Heller und ich, saßen vor Veranstaltungsbeginn in der einst Voss’schen Künstlergarderobe, erwarteten Ursula – da kam Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann herein und sagte: „Die Uschi kann nicht kommen, sie liegt im Krankenhaus, wir wissen noch nichts Genaues.“

Beide wollten ohneeinander nicht leben

Ein Gehirnschlag. Ein Riss im Herzen. Mit erst 67. Gert und Uschi, wie sie im Theater und unter Freunden hieß, hatten in melancholischen Momenten (bevor er als Komödiant die Stimmung sogleich wieder hochriss) bisweilen bekannt, dass sie beide ohne den jeweils anderen eigentlich nicht leben wollten. Es nicht könnten. Ihre 45-jährige Ehe war eine menschliche und künstlerische Symbiose, sie waren nie getrennt, und Uschi saß in jeder Vorstellung von Gert, überall auf der Welt, an zig tausend Abenden. Da muss es für ihr Kind, die heute 49-jährige Autorin, freie Theaterleiterin und Schauspielerin Grischka Voss nicht leicht gewesen sein, zwischen den geliebten und sich selbst so sehr liebenden Eltern mit ihren Bedürfnissen vorzukommen. Hervorzukommen.

Sie hat über dieses Leben, über ihre Eltern und sich selbst ein ganz erstaunliches, spannendes, oft erschütterndes Buch geschrieben: Grischka Voss „Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Erinnerungen eines Gauklerkindes“ (Amalthea Verlag, Wien, 253 Seiten, 25 Euro). Als es letztes Jahr erschien, habe ich sofort hineingeschaut und es danach, in einer Mischung aus Trauer und Scheu, zunächst beiseite gelegt. Und erst jetzt wirklich ganz gelesen.

Das Buch gleicht gesprochener Prosa

Grischka Voss erzählt, wie das war als „Gauklerkind“ zwischen früher Behütetheit am Bodensee und dem durch die wechselnden Engagements des Vaters bedingten Vagabundieren. Orts- und Schulwechsel ließen sie schwer irgendwo selbst ganz heimisch werden. Sie erzählt von viel Schönheit und Schrecken, auch in der Familie, spricht vom Missbrauch durch einen Großvater, von einem vertuschten Selbstmordversuch der Mutter. Die für Freunde so sanft und ausgeglichen wirkende Uschi Voss, die offenbar selber als Kind in der Bodensee-Idylle durch ihren Vater misshandelt worden war, konnte wohl auch hart, jähzornig, unberechenbar sein. Selbst diese Bekenntnisse aber sind bei Tochter Grischka auch Liebeserklärungen. Von ihr, die als junge Frau Liebe und Sex erstmal nicht gut zusammenbringt: in Affären mit meist älteren Männern, bis hin zu Sado-Maso-Exzessen, bis an die Grenze zum Selbstverlust und Ersticken.

Das Buch hätte im Sachlichen (Claus Peymann war z. B. nicht Intendant, sondern Schauspieldirektor in Stuttgart) wie auch im Stilistischen manchmal ein präziseres Lektorat verdient gehabt. Es gleicht mehr gesprochener Prosa. Aber in ihr ist Grischka Voss eine höchst lebendige, mit dem oft schwarzen, fantasievollen Humor des Vaters begabte und in ihrer fast exhibitionistisch schonungslosen Offenheit zugleich völlig uneitle, geradewegs herzergreifende Erzählerin. Mit feinen Porträts nicht nur des Künstlervaters, auch von George Tabori, Peymann, Peter Zadek, Luc Bondy. Oder von den Schauspielerkollegen. Und, ja: Kaum jemand hat über das Sterben der eigenen Eltern in so vielen nur schwer aushaltbaren Details mitfühlender und dabei überlebenskräftiger Auskunft gegeben, als es Grischka Voss tut.

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