Literaturnobelpreis : Kleine Schritte, große Hoffnung

Der Literaturnobelpreis in der Krise. Bringt die Umbesetzung der Akademie die Wende? Eine Einschätzung aus Stockholm.

Frank-Michael Kirsch
Vergangene Pracht. So sahen einst die Jahressitzungen der Schwedischen Akademie aus.
Vergangene Pracht. So sahen einst die Jahressitzungen der Schwedischen Akademie aus.Foto: Henrik Montgomery/Scanpix Sweden/epa/dpa

Es klingt wie ein Neuanfang, wie ein Versprechen auf bessere Zeiten: Am 20. Dezember werden die iranisch-schwedische Autorin Jila Mossaed, der Jurist Eric M. Runesson und der Göteborger Literaturwissenschaftler Mats Malm die Plätze ihrer abtrünnigen Vorgänger in der Schwedischen Akademie einnehmen. Und ein paar Tage später, zu Beginn des neuen Jahres, sollen fünf Mitglieder dieser Akademie, Horace Engdahl, Per Wästberg, Anders Olsson, Jesper Svenbro und Kristina Lugn, zusammen mit fünf externen Literatur-Sachverständigen dafür sorgen, dass 2019 und 2020 wieder Literaturnobelpreise vergeben werden.

Eher vorsichtig formulierte am Freitag Lars Heikensten, der Direktor der Nobelstiftung, in der Zeitung „Dagens Nyheter“, es könne zumindest „möglich“ sein, dass wieder ein Preis verliehen werde. So sind schon jetzt Zweifel angebracht, ob dieses zehnköpfige Gremium als Interimslösung den Zerfall der Schwedischen Akademie wirklich aufhalten und das Vertrauen in sie wieder herstellen kann.

Was im November 2017 im Rahmen von MeToo mit 18 Frauen begann, die in „Dagens Nyheter“ Klartext redeten über sexuelle Übergriffe durch Jean-Claude Arnault, den Ehemann des Akademiemitglieds Katarina Frostenson, wird am 3. Dezember voraussichtlich sein Ende mit dem Urteil des Stockholmer Oberlandesgerichts finden. Arnault war zuvor vom Stockholmer Amtsgericht zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Gericht sah eine der beiden Arnault vorgeworfenen Vergewaltigungen als erwiesen an. Die Staatsanwaltschaft als auch der Beschuldigte gingen in Berufung.

Mehrmals soll Frostenson verraten haben, wer den Preis bekommt

Die Auseinandersetzung mit Arnaults Taten ist dringend notwendig. Sie öffnet den Blick auf manipulative Machtstrukturen. Zugleich aber lenkt der mediale Fokus auf einen offenbar sexuell enthemmten Täter, der selbst die Kronprinzessin antastete, von einem Kulturbetrieb ab, der all das und wohl noch vieles mehr über Jahre, ja Jahrzehnte tolerierte.

Dass es überhaupt zu ersten Veränderungen kam, lag an einer Resolution, die bis auf drei Mitglieder von allen getragen wurde, nicht zuletzt von jenen, die der Arbeit in der Akademie auf unbestimmte Zeit den Rücken gekehrt haben: die früheren Ständigen Sekretäre Peter Englund und Sara Danius sowie der integre, in Schweden hochverehrte Literaturprofessor und Schriftsteller Kjell Espmark.

Besagte Resolution empfiehlt Katarina Frostenson, ihren Stuhl in der Akademie zu räumen. Anderenfalls werde eine Untersuchung insbesondere zu Verletzungen der Schweigepflicht anberaumt. Bereits die im Herbst 2017 von Sara Danius initiierte juristische Aufarbeitung durch die Anwaltskanzlei Hammarskiöld & Co war zu dem Schluss gekommen, dass Frostenson in mindestens sieben Fällen verdächtigt wird, den Namen des kommenden Literaturnobelpreisträgers an ihren Mann Jean-Claude Arnault weitergegeben zu haben. Dieser nutzte die lukrativen Informationen und machte sie öffentlich. Frostenson beteuert ihre Unschuld und kommuniziert, wenn überhaupt, nur noch über einen Bevollmächtigten mit der Akademie.

Die neue Akademie-Beraterin Rebecka Kärde wohnt in Berlin

Wie die Schuldfrage auch geklärt wird – die Resolution öffnete der Akademie die Möglichkeit, eben jene neuen Mitglieder aufzunehmen und sich auch auf Externe zu einigen, was aus Angst vor Imageverlusten lange verweigert wurde. Die jüngste Sachverständige, Rebecka Kärde, ist 27 Jahre alt, Literaturkritikerin bei „Dagens Nyheter“ und wohnhaft in Berlin. „Ich hoffe“, sagt sie, „die Akademie hat mein Alter hinreichend geprüft, damit sie sich hinterher nicht wundert“. Mikaela Blomqvist, 31, ist ebenfalls Literaturkritikerin. Wie Kärde erhielt sie unlängst den angesehenen, mit 100 000 Kronen dotierten Kritikerpreis der Schwedischen Akademie. Hinzu kommen der Stockholmer Literaturkritiker, Übersetzer und Redakteur Henrik Petersen, der Schriftsteller und Übersetzer französischer Literatur Kristoffer Leandoer und die Autorin Gun-Britt Sundström.

Die Akademie ist unabhängig und immun gegen Trends

Ob sie es schaffen gewissermaßen den Urzustand wiederherzustellen? Sie hatte durchaus ihre Vorzüge, die Schwedische Akademie. Ihre Unabhängigkeit machte die Institution immun gegen Trends und staatliche Willkür. Der Status verschaffte ihr unwiederbringliche Freiheiten. Dafür ein Beispiel: Als Übersetzer des Akademie-Buches „Nobelpriset i litteratur“ erhielt ich die Anweisung, auf sämtliche Vorschriften der deutschen Rechtschreibreform zu verzichten und bewährtes Deutsch zu schreiben. So ist es bis heute. Die von der Akademie geehrten Schriftsteller, nicht zuletzt die deutschsprachigen Nobelpreisträger Günter Grass und Elfriede Jelinek, widersetzten sich „der anderen Orthographie, die im staatlichen Auftrag erfunden wurde. Sie ist minderwertig und erschwert die sprachliche Präzision“, wie es im Appell „Internationale Schriftsteller gegen die Rechtschreibreform“ hieß, den die Akademie initiiert hatte.

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