Männer und #MeToo : Hört zu! Seht hin! Rebelliert!

Gegen die Vergewaltigungskultur: Warum bekämpfen Männer nicht die Männergewalt? Ein Aufruf.

Macht mit! Bislang sind auf den Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen – wie hier in Berlin – nur wenige Männer zu sehen.
Macht mit! Bislang sind auf den Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen – wie hier in Berlin – nur wenige Männer zu sehen.Foto: imago/CommonLens

Vielleicht habe ich bis zuletzt nicht begriffen, was Mannsein bedeutet. Vielleicht musste ich erst von diesem Mischgefühl aus Entsetzen, Scham und persönlicher Betroffenheit überwältigt werden, um zu sehen, was ich immer hätte sehen müssen – aber aus irgendwelchen Gründen nicht sehen wollte. Vielleicht ist dieser Text deshalb notwendig. Für mich. Für alle Männer. Als ständige Erinnerung.

Dreimal hatte ich mich im letzten Monat mit Freundinnen verabredet. Wir saßen in Cafés und Wohnungen in Wien und Berlin, als sie mir davon erzählten. Davon, dass Männer sie vergewaltigt haben.

Vergewaltigung. Nicht einverständliches, sexuell bestimmtes, vaginales, anales oder orales Eindringen in den Körper einer anderen Person. So steht es in der Istanbul-Konvention.

Die drei Freundinnen kennen sich nicht. Sie erzählten die Geschichten unabhängig voneinander. Dass ihnen zur gleichen Zeit der gleiche Schrecken angetan wurde? Zufall, dachte ich. Und es dauerte ein paar Tage, bis ich verstand, dass es kein Zufall war. Sondern ein ganz normaler Monat.

Was die Täter gemeinsam haben

Zu den Tätern kann ich nicht viel sagen, ich kenne sie nicht. Nur, dass sie so unterschiedlich wie die Freundinnen sind. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben unterschiedliche Jobs. Und doch haben sie neben ihrem Mannsein zwei Dinge gemein. Sie kannten meine Freundinnen vor der Tat, waren Freunde, Kollegen, Verwandte. Und keiner sah in der Tat eine Schuld. Nach dem Verbrechen taten sie, als wäre nichts.

War ich überrascht? Wie konnte ich überrascht sein? Ich kannte doch die Geschichten. Ich hatte #MeToo auf Twitter verfolgt. Ich weiß um die Zahlen: Dass in Deutschland jeden zweiten bis dritten Tag ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin ermordet. Dass jede zehnte Frau in der EU schon einmal vergewaltigt wurde. Dass fast 80 Prozent der Täter keine Unbekannten sind. Ich habe all das gehört und gelesen. Ich weiß das. Und tue? Nichts.

Gegen die Vergewaltigungskultur. Eine Kultur, in der sich Frauen „in einem Kontinuum angedrohter Gewalt“ bewegen, „die von sexuellen Bemerkungen über Begrapschen bis hin zur Vergewaltigung selbst reicht“, wie die Publizistin Emilie Buchwald in ihrem Buch Transforming a Rape Culture schreibt. Und weiter: „Eine Vergewaltigungskultur billigt stillschweigenden körperlichen und emotionalen Terror gegen Frauen, er gilt dort als Norm.“

Verschraubbare Unterhosen und Armlänge Abstand

Vergewaltigungskultur ist da, wo Männer in Sportumkleiden damit prahlen, Frauen "gefickt", "verräumt" oder "weggeflext" zu haben. Vergewaltigungskultur ist da, wo der „Mainstream“-Porno eine Vergewaltigung zeigt. Vergewaltigungskultur ist da, wo von Han Solo und James Bond bis zu den Big-Bang-Theory-Nerds am Mythos gesponnen wird, dass das Nein einer Frau eigentlich ein verkapptes Ja-bitte-nimm-mich-hart ist. Und derjenige, der das versteht, ein Superheld.

Vergewaltigungskultur ist da, wo Medien schreiben: „Eine Frau wurde vergewaltigt“ statt „Ein Mann hat vergewaltigt“. Da, wo das Internet voll ist mit Gadgets und Tipps, wie sich Frauen vor Vergewaltigung schützen sollen: Mit K.O.-Tropfen-Armbändern. Mit verschraubbaren Unterhosen. Und denken Sie dran, eine Armlänge Abstand!

Vergewaltigungskultur ist da, wo suggeriert wird, Vergewaltigung sei etwas Naturgewaltiges. Ein Frauenproblem, wie Regelschmerzen oder die Schwangerschaft, vor dem sich Frauen schützen müssen. Wo die Täter unbenannt bleiben: geschlechtslos, gesichtslos, verantwortungslos.

Und Vergewaltigungskultur ist auch: dass Frauen die Verbrechen in nur fünf Prozent der Fälle anzeigen. Weil die Betroffenen die Täter kennen. Weil sie Angst haben, dass ihnen die Polizei nicht glaubt. Weil nicht mal zehn Prozent der angezeigten Vergewaltigungen verurteilt werden. Vergewaltigungskultur ist da, wo die Grenzen zwischen Gewalt und Normalität, zwischen Straftat und Norm verwischen. Wo die Betroffene sich Vergewaltigung nicht mehr benennen trauen und Täter keine Schuld trifft.

Vergewaltigungskultur ohne Vergewaltiger

Es war im Frühling, als ich mit einer anderen Freundin telefonierte und wir über unsere Ersten Male sprachen. Ich erzählte von dem Drängen aus Unsicherheit bei meinem, und sie davon, dass ihres eine Vergewaltigung war. Aber das wusste sie damals nicht. Wie viele junge Frauen, konnte sie es nicht benennen. Die Freundin sagte: „Ich dachte damals einfach, das wäre normal.“

Hieß das im Umkehrschluss nicht auch, dass für viele junge Männer Vergewaltigung normal war? Wo sind die Partner der vergewaltigten Frauen heute? Können sie ihre Taten benennen? Oder leben wir in einer Vergewaltigungskultur ohne Vergewaltiger?

Vielleicht ist die Frage falsch gestellt: Hast du schon einmal vergewaltigt? Das ist schnell beantwortet. Selbstredend (und -schützend): Nein. Aber: Hattest du schonmal Sex, ohne aktive Zustimmung deiner Partnerin? Hast du dich schonmal über das Nein deiner Partnerin hinweggesetzt? Hast du schon einmal eine Person zum Sex gedrängt oder überredet? Hattest du schon einmal Sex, der sich für die andere Person (im Nachhinein) nach Vergewaltigung angefühlt haben könnte?

Wir können etwas verändern

So, jetzt die gute Nachricht. Emilie Buchwald, die Autorin mit dem Rape-Culture-Buch, schreibt auch: „In einer Vergewaltigungskultur gehen Männer wie Frauen davon aus, dass sexuelle Gewalt zum Leben dazugehört, unausweichlich, wie der Tod oder Steuern. Doch diese Gewalt ist weder biologisch noch von Gott befohlen. Ein Großteil dessen, was wir unausweichlich akzeptieren, ist in der Tat Ausdruck von Werten und Haltungen, die sich verändern können.“

Wir können etwas verändern.

Warum versuchen wir es dann nicht? Ich meine: Wir Männer, warum versuchen wir es nicht? Wo waren wir bei den Nein-heißt-Nein Demos der Frauenrechtsaktivistinnen, die im Jahr 2016 eine Gesetzesänderung erkämpft haben? Wo beim One-Billion-Rising gegen sexuelle Gewalt? Wo sind die Männer immer dann, wenn sich Frauenrechte nicht gerade als Ventil für Rassismus missbrauchen lassen? Wenn ich mir die Aufnahmen der Demos ansehe, suche ich die Männer wie in einem Wo-ist-Walter-Wimmelbild.

Männer müssen das Problem lösen

Aber die Werte und Haltungen in einer Gesellschaft lassen sich nicht verändern, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht mitmacht. Wenn das auch noch ausgerechnet die Hälfte der Bevölkerung ist, die uns das Ganze eingebrockt hat. Die Verursacher von Vergewaltigung sind in ungefähr 99 Prozent der Fälle Männer. Also ist es ein Problem, das Männer lösen müssen – nicht Frauen.

Doch statt irgendetwas zu lösen, halten wir uns die Hände vors Gesicht wie Kleinkinder beim Versteckspiel und tun so, als ob wir nicht sehen könnten – und glauben uns das selbst. Weil als „Guter Mann“ reicht es heutzutage aus nichts zu tun. Nicht zu fluchen, nicht zu grapschen, auch nicht den Mund aufzumachen, wenn um dich herum sexuelle Gewalt passiert.

Als „Gute Männer“ dürfen wir uns darüber empören, wenn Feministinnen ins Internet schreiben #AllMenareTrash und #NotallMen darunter kommentieren. Wir können sagen: „Ich bin ehrlich kein Rassist, aber Silvester 2016 hat doch gezeigt, dass …“, und dann sehen wir die ganzen Weinsteins und Cosbys und Wedels stürzen und können kopfschüttelnd sagen „Die Schweine, ich hab mir sowas immer schon gedacht …“. Nein, verdammt, das können wir nicht!

Genauso wenig, wie wir nicht Schmiere stehen können, während unsere Kumpels schwerbewaffnet in ein Haus einbrechen und später vor Gericht aussagen: Hätte sich die Type mal eine bessere Alarmanlage einbauen lassen; hätte er sich mal nicht so eine nice Villa gebaut. Das war ja quasi eine Einladung, der wollte das auch. Kein einziger Mensch jemals würde damit durchkommen - egal ob wir bewaffneter Einbrecher sind oder nur Schmiere stehen. Also tun wir nicht länger so, als ginge das bei der Vergewaltigungskultur.

Vergewaltigung ist immer weit weg, es sind immer die anderen

Wenn ich mir die deutsche Berichterstattung ansehe, dann krieg ich schnell das Gefühl: Vergewaltigung ist immer da, wo du nicht bist. Dann ist Vergewaltigung in Indien (Was ist los mit dem indischen Mann? - "Die Zeit"), in Nahost (Arabische Welt: Wo sexuelle Gewalt ungesühnt bleibt – "Die Presse") oder in Südamerika. Da liegt die Annahme nahe, Vergewaltigung sei etwas für fremde, meist muslimische Männer – oder sehr, sehr reiche und mächtige Männer, sehr weit weg.

Die erste Annahme ist schlicht rassistisch. Die zweite in ihrer Relativierung fatal. Macht beginnt nicht bei einem Chefposten, einem SUV vor der Haustür, oder einer eigenen Fernsehshow. Mannsein bedeutet Macht. Macht durch ein Kontinuum angedrohter Gewalt. Egal ob du selbst Täter bist oder „nur“ Profiteur. Macht durch Privilegien. Welche Privilegien? Habe ich meine Freundinnen gefragt. Die Antworten waren erschreckend einfach.

Ich muss keine Angst haben, dass wenn ich in die Sauna gehe, sich der Typ gegenüber einen runterholt. Ich muss im Backpacker-Hostel nicht fürchten, dass mich einer mit Handykamera durch den Türschlitz beim Duschen filmt.Ich muss vor dem ersten Date nicht fragen, was ich denn anziehe, dass ich nicht entweder zu prüde oder du aufreizend wirke und mir die Location dreimal überlegen und immer eine Notfallnummer und einen Fluchtweg einplanen.

Ich werde wahrscheinlich niemals in meinem Leben abwägen müssen, ob ich mit einer Person schlafe anstatt mich zur Wehr zu setzen, weil die Sorge um mein eigenes Leben größer ist, als die um körperliche Integrität.

 Eine gerechtere Welt

Jetzt, Frage: Was haben wir Männer davon, wenn sich das ändert? Egoistisch gesehen nichts. Vergewaltigungskultur ist von der Struktur her so angelegt, dass sie uns Vorteile verschafft. Aber wäre es nicht schön, wenn sich die Frauen in unserem Umfeld sicherer fühlten, wenn es weniger Traumatisierte und Todesopfer gäbe, weil Sex als Waffe entschärft würde? Eine gerechtere und weniger brutale Welt, in der nicht Angst das Miteinander bestimmt? Das hätten wir als Gesellschaft davon.

Wer jetzt sagt: So what!? - ok. Für alle anderen: Nehmt die Hand vom Gesicht, es sieht lächerlich aus. Und dann: Schaut hin! Vergewaltigungskultur ist nicht bloß Indien, Marokko oder Hollywood. Vergewaltigungskultur ist Berlin Kreuzberg, München Sendling und der 7. Wiener Gemeindebezirk. Du bist Teil davon und du und du und ich.

Und nach der Erkenntnis die Besserung. Hört zu! Den Frauen in eurem Freundeskreis, die erlebt haben, was ihr überseht. Den Personen, die darüber schreiben. Lest bell hooks und das "Missy Magazin", schaut euch Ted-Talks an von Reagan Williams und Chimamanda Ngozi Adichie, hört euch die Podcasts an wie "Sex Tapes" oder "Backtalk", all jene, von denen ich beim Schreiben dieses Textes so profitiere.

Und dann redet! Miteinander, mit anderen Männern. Über Macht. Über Privilegien. Über Verantwortung und Konsens – und nicht über irgendwelche Ollen, die ihr verräumt habt.

Der britische Autor Jack Urwin schreibt in seinem Buch „Boys Don´t Cry“: „Wenn ihr nicht mit einem Vergewaltiger befreundet sein wollt, aber euren Freunden nicht erklärt, was Vergewaltigung ist, dann habe ich schlechte Neuigkeiten: Kann sein, dass ihr es noch nicht wisst und sie es auch noch nicht wissen, aber es besteht durchaus die Chance, dass ihr es schon seid.“

Und wenn wir uns ausgesprochen haben, dann gehen wir an die Struktur der Vergewaltigungskultur.

Die Frauenbewegung hat 2016 Nein-heißt-Nein durchgekämpft. Vergewaltigung wird nun nicht mehr nur geahndet, wenn es sich offensichtlich um einen Gewaltdelikt handelt, sondern schon wenn die Person gegen den erkennbaren Willen der anderen Person handelt. Aber: Noch immer ist der Status Quo das Ja. Mann geht davon aus, dass die Frau zustimmt - auch dann, wenn sie nichts sagt.

Eine progressive Männerbewegung

Wäre das nicht ein Anknüpfungspunkt für eine progressive Männerbewegung? Eine, die die Flucht nach Vorn ergreift, in eine Gesellschaft in der Jungs Sex nicht mehr aus brutalem Mainstreamporno lernen; in der misogyne Arschlöcher wie Bond oder Indiana nicht mehr als Helden abgefeiert werden, sondern als Vergewaltiger benennt.

In der die Zeitungen hat vergewaltigt, statt wurde schreiben. In der ZDF-Fernsehfilme („Meine fremde Freundin“) nicht mehr den Mythos reproduzieren von der falschaussagenden Frau – sondern den viel realeren: vom nicht verurteilten Straftäter.

Diese progressive Männerbewegung, könnte zuallererst für ein Ja-heißt-Ja-Gesetz kämpfen, wie es in Schweden seit eineinhalb Jahr verankert ist. Sex nur dann, wenn beide Seiten aktiv eingewilligt haben.

Weil: Wenn wir uns darauf nicht einigen können, auf was im Leben bitte dann?


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