Marquis de Sade am Bochumer Schauspiel : Zum Teufel mit den Sitten

Herbert Fritsch inszeniert Marquis de Sades „Philosophie im Boudoir“ als rasante Revue, eine schwarze Messe der Gedankenfreiheit.

Regine Müller
Eisige Ekstase. Svetlana Belesova, Anne Rietmeijer, Jele Brückner, Jing Xiang, Ulvi Teke, Anna Drexler (v. l.).
Eisige Ekstase. Svetlana Belesova, Anne Rietmeijer, Jele Brückner, Jing Xiang, Ulvi Teke, Anna Drexler (v. l.).Foto: Birgit Hupfeld/Schauspiel Bochum

Was für ein Kontrastprogramm zur weihnachtlichen Besinnlichkeit! Während überall vorwiegend märchenhaftes oder moralisch wertvolles Theater auf die Bühnen kommt, setzt Intendant Johan Simons am Bochumer Schauspielhaus die abgründigen Gedankenspiele des Marquis de Sade auf den Spielplan. „Die Philosophie im Boudoir“ ist ein Text-Konvolut von 1795, in dem de Sade explizit pornographische, sadomasochistisch zugespitzte Passagen und Gewaltfantasien mit philosophischen Abschweifungen zu einer radikalen Sittenreform nach der französischen Revolution verschränkt.

In die Bochumer Fassung haben Regisseur Herbert Fritsch und Dramaturg Vasco Boenisch zudem noch Texte aus de Sades „Die neue Justine“ eingeflochten. Das monströse Textgebilde zeigt Fritsch, berüchtigt für seine den Slapstick zur hohen Kunst erhebende Handschrift, als bösen, nihilistischen Spaß, als durchchoreografierten Taumel und eisiges Gedankenexperiment, das die grenzenlose Freiheit der Fantasie feiert. Und die ist – laut de Sade – nicht nur der „Stachel der Lust“, sondern auch der „Feind der Norm“.

Trotz komödiantisch karikierender Überzeichnung und der Absage an jede Form realistischer Darstellung der pornografischen Inhalte – es ist weder nackte Haut zu sehen, noch werden die beschriebenen Sex-Stellungen und Grausamkeiten auch nur angedeutet – zeigt sich das ansonsten ziemlich belastbare Bochumer Publikum von den Zumutungen des Textes so verstört, dass es in Scharen abwandert. Die Verbliebenen amüsieren sich weiter. Wenn auch fröstelnd.

Die Bühne bleibt leer - bis auf die sechs Darsteller

Zu Beginn hängt auf der leeren, schummrig beleuchteten Bühne ein Seil vom Schnürboden in die Versenkung herab. Dann zieht das Seil langsam eine puppenhafte Frau im weißen Mädchenkleid an ihrem Zopf herauf. Sie dreht sich, rudert mit Armen und Beinen einen bizarren Tanz und entschwindet im Bühnenhimmel. Am Ende schwebt die stumme Puppenfrau wieder herab, als sei nichts geschehen. Aber diesmal verschwindet sie nicht wieder im rot lackierten Rechteck, das die Hölle sein könnte, sondern mischt sich unter das fabelhafte Sextett der Figuren, das sich mehr als zwei Stunden virtuos durch de Sades Zumutungen gearbeitet hat. Wenn in den philosophischen Passagen die Rede vom Recht des Stärkeren, der Grausamkeit der Natur oder völligen Ausrottung des Götterkultes die Rede ist, fungiert das rote Rechteck als Fahrstuhl, der zum hoch aufragenden Podest wird.

Sonst bleibt die schwarz glänzende Bühne gähnend leer, die Herbert Fritsch sich für sein wie immer hoch präzises Exerzitium gebaut hat. Leer bis auf die sechs Figuren, die Victoria Behr in raffiniert verhüllende Kostüme zwischen Latex-Leder-Fetischmode und katholischem Ornat der Casanova-Zeit – Fellini lässt grüßen! – in Bischofs-Lila, mit wippenden Nonnenhauben und Monstranz-Strahlenkranz gesteckt hat.

Das revueartig abschnurrende Geschehen folgt einer Reihe von sich steigernden Lektionen sexueller Ausschweifung und Perversion, die eine Gruppe adeliger Libertins der 15-jährigen Klosterschülerin Eugénie erteilt. Diese erweist sich als äußerst gelehrig. In immer neuen Sex-Stellungen und immer grausameren Praktiken steigert sich das grandios spielfreudige Sextett (Svetlana Belesova, Jele Brückner, Anna Drexler, Anne Rietmeijer, Ulvi Teke und Jing Xiang), in dem bei Fritsch die Rollen ständig wandern, in eine eisige Ekstase hinein, die in einem blutigen Ritual endet, das an Eugénies Mutter vollzogen wird.

Herbert Fritsch entdeckt in de Sades Porno-Litaneien Musik

Man müsse „Gedanken aus dem Giftschrank holen“ hat Fritsch im Programmheft zu Protokoll gegeben und entdeckt in de Sade den Humoristen und die Musik in den oft eigentlich zunehmend öde redundanten Porno-Litaneien. Da wird zu Beginn chorisch gekichert und in höchsten Tönen gestöhnt, dann rezitativisch skandiert wie in einem Oratorium, während Otto Beatus das Geschehen mit dekonstruierten Bach-Chorälen und Richard-Clayderman-Kitsch am Piano grundiert.

Gegen Ende werden sogar ein hoher Opernton und weinerlicher Zittergesang bemüht, bevor die Ungeheuerlichkeiten gelangweilt im beiläufigen Alltagston verplätschern und alle Figuren mit weißen Strumpfmasken auf dem Kopf kaum mehr verständlich de Sades Perversionen vor sich hinmurmeln, wie in einem endlosen Rosenkranz-Gebet.

Das Ganze ist hoch virtuos gemacht, ein Theater maximaler Künstlichkeit, in dem die maskenhaft geschminkten Darsteller mit höchstem Körpereinsatz agieren. Obwohl der Abend eine gute halbe Stunde zu lang ist, weil Tempo und Perversionen irgendwann nicht mehr zu steigern sind, gelingt Fritsch eine fulminante de Sade-Revue, eine schwarze Messe der Gedankenfreiheit, die sich in einen schwerelosen Applaus-Tanz auflöst. Als der Regisseur selbst mit weißer Strumpfmaske auf die Bühne kommt, scheinbar ungeschickt aus der Versenkungshölle hervortappt, deutet er nickend eine Verbeugung an und verschwindet wieder. Große Begeisterung.

Wieder am heutigen 27. und 31.12., außerdem 4., 12. und 24. Januar. Infos: www.schauspielhausbochum.de

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