Kultur : Marsmenschen

Der Transformista Ennio Marchetto im Tipi

Thomas Lackmann

Who is who? Zwischen den rasanten Kostümwechseln steht die Frage nach Identität, Prominenz, Glaubwürdigkeit. Im Tipi am Kanzleramt zeigt der Transformista Ennio Marchetto Verpuppungen, Häutungen, Mutationen. Wieviele Brüche verträgt eine Biografie? 70 in 80 Minuten. Jede cartooneske Person entfaltet multiple Janus-Masken.Jede entlarvte celebrity ist die Oberflächensumme bunter Pappscheiben. Dahinter tanzt der Playback-Sänger im schwarzen Trikot den Verhüllungs-Strip. Marilyn wird zur ordinären Mona Lisa, Eminem zur Pailletten-Diva Gloria Gaynor. Die halbnackte Kylie? Drunter steckt nur ’ne Nonne mit Klampfe. Udo Lindenberg ist die Biene Maja, Jesus Christ Superstar Jim Morrison, die vieloperierte Mumie Cher ein Alien – der Marsmensch in uns allen.

Individuen bestehen aus Accecoires und Gliedmaßen, die während des Blitzauftritts auf den Hitparaden-Abraum flattern. Edith Piaf als leidenschaftlicher Zwerg – rührend komisch! Bei der Drogenkundin Whitney Houston bleibt die Platte hängen; Polizeialarm. Judy Garland schmettert „Over the rainbow“ und offenbart ihr alter ego: E.T. mit Leuchtfinger. Satirische Kulturgeschichte, ewige Eintagsfliegen, Götter im Reißwolf der Lächerlichkeit. Deutsche Denkmale: Tokio Hotel, Heino, Rex Gildo, Ramstein, Derrick, Marlene. Ein Pantheon der Illusionen, zum fünften Mal in Berlin: Man sieht sich nicht satt. An den absurden Spitzen – wenn Madonna samt Raketenbrüsten, Adoptivbimbo und Eingeweiden ihr Ego demontiert, wenn Liza Minnellis zerrupfter Schal als Schneeblut und graues Geschnipsel über „New York, New York“ herabweht – gewinnt die Selbsterfindungsekstase poetisches Format. Zuletzt applaudiert der Künstler seinem Bühnenfriedhof zerfetzter Reliquien. Was bleibt: ein großer Abend.

Tipi, bis 22. April, tgl. außer Mo. u. 28. März, jeweils 20.30 Uhr, So. 19.30 Uhr.

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